Wer viel Zug fährt, erlebt auch viele Zugverspätungen. Das schreibe ich, als großer Fan der Deutschen Bahn. Es war mal wieder so weit. Ich war in Nürnberg gestrandet. Auf dem überfüllten Bahnsteig, in sommerlicher Hitze, dicht gedrängt mit potentiellen Mitreisenden, bemühte ich mich um Gelassenheit. Was mir halbwegs gut gelang, war für andere Bahnfahrer bereits außerhalb des Möglichen.
Warum weiß ich nicht, aber ich werde gern von fremden Menschen angesprochen. So war es auch diesmal. Eine kleine Frau in rotem Kleid kam nah an mich heran und beschwerte sich. Weg sei ihr Anschlusszug. Ich bedauerte sie aufrichtig. Das war für sie das Zeichen mit ihrer Tasche rund um mich herum immer wieder ein paar Schritte vor, und wieder zurück zu gehen, laut schimpfend nach dem Zug zu gucken. Dabei war ich ihre Komplizin. Allerdings würdigte sie mich dabei keines Blickes. Dieser ging in die Ferne mit wütend gerunzelter Stirn. Vielleicht ist das so bei Komplizen. Ich entschied mich schließlich, bei aller Freundschaft, das Gleis zu wechseln und den Versuch zu wagen, einen anderen Zug gen Heimat zu nehmen.
Es wird keine Überraschung sein wenn ich sage, dass dieser ebenfalls auf sich warten ließ. Ich wartete aber auch hier nicht allein und traf, diesmal wirklich überraschender Weise, am Bahnsteig einen ehemaligen Kollegen. Dennis war ein Wochenendpendler und eine Rheinische Frohnatur, mit einem Hauch Schwermut unter der stets komischen Schale. Nachdem wir uns in aller Schnelle, denn man weiß ja nie, ob der Zug nicht doch plötzlich einrollt, über den Verbleib und das aktuelle Befinden sämtlicher gemeinsamer bekannter und ehemaliger Kollegen verständigt hatten, kamen wir auf das unvermeidliche Thema der Zugverspätungen zu sprechen. Und da erinnerte ich mich wieder: Dennis war ein großer Fan von Zügen. Schon früher hatte er sämtliche Zugverbindungen im Ruhrpott auswendig gewusst. Er kannte alle Zugtypen beim Namen und wusste um ihre Besonderheiten. So konnte er mich auch heute darüber aufklären, dass er grundsätzlich nie eine Sitzplatzreservierung in den 30iger-Wagons vornehme. Diese Zugteile sind nämlich immer die ersten, die abgekoppelt werden. Ich war schwer beeindruckt. Leider kam diese Information zu spät. Meine Platzreservierung war abgekoppelt worden und ich würde vermutlich ob der vollen Bahnsteige stehen müssen.
Es kam anders. Schließlich kam ein Zug und ich konnte mir, mit dem festen Willen auf gar keinen Fall 4 Stunden stehen zu wollen, einen Sitzplatz sichern. Um mich herum war der übliche Durchschnitt an Bahnreisenden verteilt. Auf der anderen Seite des Ganges saß eine leicht füllige jüngere Frau, in Glitzer-Shirt und Glitzer-Schuhen. Mit ihren langen, krallenartigen Fingernägeln, abwechselnd in Neonpink und Neongelb lackiert, tippte sie konzentriert Texte in ihr Handy. Ihre lange, blondierte Dauerwelle wehte leicht im Zug der Klimaanlage. Kurz kam sie mit ihrem Gegenüber ins Gespräch zum Thema, Obacht, Zugverspätung. Mit leicht kratziger Stimme und mit theatralischem Blick verkündete sie ihrem Gesprächspartner den dringenden Wunsch nach einem Raucherabteil. Wenigstens ein kleiner Bereich, eine Kammer irgendwo im Zug. Sie war verzweifelt.
Lieber wendete ich da meine Aufmerksamkeit meinem Tischnachbarn zu. Mir schräg gegenüber saß ein hübscher Hanseat mit Bart und blauen Augen. Eigentlich bewegte er sich die gesamte, vierstündige Zugfahrt über nicht. Er hörte aus großen Bluetoothkopfhörern irgendetwas. Hin und wieder glitt ein leichtes Lächeln über seine Lippen. Ab und zu wanderten seine Augen über die Anwesenden um ihn herum. Das wars. Einmal jedoch stand er auf und verschwand den Gang hinunter. Als er wenig später zurückkam, hielt er eine Flasche Bier in der Hand. Ruhig setzte er sich auf seinen Platz zurück und stellte das Bier vor sich hin. In regelmäßigen Abständen hob er die Flasche zum Mund, trank einen Schluck und stellte das Bier in gleichmäßiger Bewegung zurück auf den Tisch. Kein Tropfen kleckerte auf sein Hemd, kein Schaum floss die Flasche hinab. Die schönen Augen blickten beim Trinken freundlich und starr den Gang hinunter.
Das Bier war noch nicht alle und die nächste Zigarette noch mindestens einen Halt entfernt, als ich mich schließlich von meinen Mitreisenden verabschiedete, im Heimatbahnhof angekommen.