Hastig gehe ich die Stufen hinauf. Ich schaue mich um, ob mich jemand beobachtet. Nein, es sieht nicht so aus. Vielleicht kann ich heute doch noch die letzten “Einkäufe” für den Heiligen Abend erledigen.
Schmidt schaut auf die Kameraübertragung von den Umkleidekabinen der Damenabteilung. “Und, was zu erkennen?”, nuschelt sein Kollege, während er in seinen Hähnchenschenkel beißt. Dann wischt er seinen fettigen Mund mit dem Handrücken ab und zeigt mit der Keule auf die Kabine. “Klopf doch nicht mit dem toten Vogel gegen die Monitorscheibe, du Arsch!”, schnauzt Schmidt ihn an. Angeeckelt guckt er auf die Speckrolle seines Kollegen, die sich über die unförmige Jeans wölbt. “ Und friss nicht soviel, Becker!”
“An Weihnachten ist es am schlimmsten. Die klauen hier alles, sag ich dir. Und die Ausländer sind die Schlimmsten”, die Kassiererin schaut grimmig. Sie nickt mit dem Kopf in Richtung einer Gruppe von Jugendlichen, definitiv mit Migrationshintergrund. “Wir rufen den Schmidt, wenn die komisch werden”, sagt die andere Verkäuferin.
In mir fühle ich einen Wonneschauer, wenn ich das lese: „Ist die Natur: Es leuchtet die Sonne Über Bös und Gute, Und dem Verbrecher Glänzen wie dem Besten Der Mond und die Sterne.“ Ich weiß, dass Goethes Gedichtband meiner Schwester gefallen wird. Also nehme ich das Büchlein mit. Dabei reibe ich mir die Hände und lächele. Ich gehe weiter und sehe die DVDs im Regal. Ich lese die Titel. “Vom Winde verweht”, steht auf einem Cover. Oh ja, das war zum dahinschmelzen romantisch. Wie hatte ich mitgefiebert, ob die temperamentvolle Scarlett O’Hara ihr Liebesglück mit Rhett Butler finden würde ...
“Hohoho, ich bin der Weihnachtsmann”, trällert der dicke Mann mit dem angehefteten langen weißen Bart und verschwitztem Gesicht. “Was riecht hier so komisch?”, fragt der Junge den Weihnachtsmann. “Weiß nicht,” kommt promt die Antwort. Der Weihnachtsmann riecht unter seinen Achseln und verzieht das Gesicht. “Willst du nicht ein Weihnachtsgedicht aufsagen?”, mürrisch schaut er den Jungen an. “Lieber guter Weihnachtsmann...”, beginnt der Junge. Der Mann unterbricht ihn: “Das hab ich heut schon hundertmal gehört. Kannst du nichts anderes?” Verschreckt weicht der Junge zurück. “Du bist nicht der echte Weihnachtsmann! Das weiß ich genau!”, verteidigt er sich.
Als die Mutter kritisch guckt, reicht der Mann dem Jungen einen Rentier-Lolli. “Hier haste was und jetzt sei schön brav!” Dann schubst er ihn regelrecht von dem Podest, wo er in einem grünen Ohrensessel sitzt, herunter.
Ich habe noch 3.67€ in meinem Portemonnaie. Das ist meine gesamte Liquidität für diesen Monat. Oder, ach für ewig? Ich kann meinem Vater nicht sagen, dass ich gekündigt wurde. Aus Insolvenzgründen hieß es. Ach egal! Er ist so unendlich traurig seit Mamas Tod. Und meine Schwester ist auch keine Stütze, mitten in der Pubertät und in ihrer Traumwelt. Aber jetzt geht es um Paps. Er liebt verchromte Uhren. Die Schmuckabteilung ist im Erdgeschoss. Ich nehme die Rolltreppe und helfe einer älteren Dame auf der Rolltreppe, die fast umgefallen wäre durch einen drängelnden Schnösel im Anzug, Marke Geschäftsführer. Schmidt steht auf seinem Namensschild.
Becker starrt auf den Monitor, wo sich vor einigen Sekunden eine gutgewachsene Blondine in die Kabine zurückgezogen hatte. Der Vorhang wackelt verheißungsvoll. Becker greift zu seinem Hosenschlitz, seine Unterlippe fällt nach unten, ein Speicheltropfen läuft heraus.
“Ich glaube, die haben was eingesteckt. Unser Weihnachtsmann hat es bestimmt auch gesehen. Ruf mal den Schmidt an. Der soll die alle einbuchten. Diese Kanaken!” Die Kassierin hat einen hochroten Kopf, ihre Augen verengen sich, als sie die Jugendlichen beobachtet. Ihre Kollegin zieht die Mundwinkel nach unten und wählt mit rosa Gelnägeln, auf denen Eiskristalle aufgeklebt sind, eine Hausnummer. Sie nickt und spricht: “Ist doch immer dasselbe mit denen. Jaaaaa, Schmidt? Hier ist Nancy aus der Herrenabteilung...”
Ich entdecke die Uhrimitate an einem Weihnachtsbaumast, blicke kurz über meine Schulter. Alle Leute sind im Stress und niemand schaut zu mir. Ich stecke mir zwei Uhren ein. Mache eine um das linke und eine um das rechte Handgelenk. Ein Ruck und die Etikette sind heruntergerissen. Ich gehe weiter zu einer Vitrine mit Gold- und Silberuhren für Herren. “Können Sie mir bitte diese da zeigen?”, frage ich eine Verkäuferin, im grau-weißschwarzen Kostüm, die sich bewegt wie eine Bachstelze. Das Lächeln mit oben zehn und unten acht aufgereihten weißen Glassteinen. “Aber natürlich, junge Dame! Suchen Sie etwas Bestimmtes?”, fragt sie mit überhöhter Stimmlage. Das Gebiss lächelt unverändert. Wahrscheinlich trainieren die das ab dem ersten Ausbildungstag. “Ich suche eine verchromte Uhr für meinen Vater.“ Ich tippe auf die Vitrine. „Ja, sowas gefällt ihm sicherlich. Oder da, dort drüben hab ich noch was entdeckt.” Sie ist sehr beflissen und bald schon habe ich ein großes Sortiment vor mir stehen. “Ach, da fällt mir doch ein. Ich brauche noch eine neue Batterie für meine Uhr. Schauen Sie mal, können Sie diese wechseln?” Ich nehme die Uhr von meinem linken Handgelenk und gebe sie ihr. Ich hätte Schauspielerin werden können. Ich weiß meinen Text auswendig. Und das ohne ihn vorher gelernt zu haben, sogar den Text der Verkäuferin kenne ich. Nun muss ich schnell sein. Sie dreht sich um. Ich nehme die Uhr von meinem rechten Handgelenk und tausche sie aus mit einer solide aussehenden Uhr für 345 Euro. Mache diese an meinem Handgelenk fest. Was für ein Schnäppchen, denke ich, tausche 20 zu 345 Euro. Nun kommt die Bachstelze wieder. Ich bedanke mich höflich und meine, dass ich nochmal darüber nachdenken werde, welche Uhr ich kaufen will. Sie macht es dezent, aber ich kann ihre Gedanken lesen. Bemerke, dass sie alle Uhren zählt. Dann greift sie zufrieden nach den Boxen und verstaut die Ausstellungsstücke wieder in der Vitrine.
“Los, Becker, wir haben Arbeit!” Schmidt stürmt ins Büro. “Und mach ja deine Hose zu, du alter Wichser. Nicht zum Aushalten ist das!” Becker folgt ihm mit rotem Kopf. Sie eilen die Treppen hinunter.
Ich habe es fast geschafft. Nur noch ein paar Schritte. Hinter mir stehen einige Jungs. “Ey Alda, bin isch Kino?”, schnappe ich auf. Da sehe ich plötzlich den Anzugschnösel auf mich zulaufen. Und einen fetter Kerl hinterherstolpern. Ich weiß sofort, dass das die Kaufhausdetektive sein müssen. Mein Herz pocht bis in meine Ohren. Ich bleibe wie ein erstarrtes Wild im Schweinwerferkegel stehen... Kurze Zeit später werden die Diebe abgeführt. Mit weichen Knien gehe ich nach draußen.