Tag 3. Doccheck. Ablenkung. Telefonate. In-sich-Gehen.
Aufgestanden bin ich gegen 8 Uhr. Begonnen habe ich mit einem FrĂŒhstĂŒck, das mir der Pfleger brachte. In Isolation bist du ab-hĂ€ngig. Es fehlte an guter Marme-lade, so aĂ ich das Hörnchen nur mit Butter. War auch lecker. Diesmal zuvor den Magenschutz genommen, dann das Hörnchen, dann alle Antibiotika. Dann aufs Klo, wieder die orange⊠Igitt. Das Brötchen und den KĂ€se schaffe ich nichtmehr, ich bin ohnehin von Medikamenten und körperlichen VerĂ€nderungen eher abgeschreckt vom essen.
Ich aktiviere meine sozialen Netze und dabei finde ich ĂŒber Facebook einen krassen Eintrag bei Doccheck ĂŒber unterschiedliche Themen. DocCheck ist ein klasse Portal fĂŒr medizinische Heilberufe. Manchmal findet man dort Artikel, die hochkarĂ€tiges Niveau haben. Frank Antwerpes, der GrĂŒnder von DocCheck, ist selber Arzt und hat sich fĂŒr einen unkonventionellen Weg auĂerhalb der Klinik und der Praxis entschieden. Ich rechne ihm hoch an, dass er dennoch groĂes Interesse an der Materie der Wissensweitergabe hat und sich bestens auskennt. Doch zurĂŒck zu den Artikeln. Geschrieben sind sie von ein und  demselben Autor, der als Chemiker einen Weitblick beweist. In dem ersten Eintrag ging es um die Durchsetzung der Ănderungen eines neuen digitalen Zeitalters in der Medizin (http://news.doccheck.com/de/222154/was-kliniken-sich-von-der-regierung-wuenschen/?author=9&context=author_detail), in einem zweiten Eintrag um die Idee, Arzeimittel durch Ărzte / Pharmazeuten direkt in der Klinik oder Apotheke synthetisieren zu lassen (http://news.doccheck.com/de/221079/die-pill-it-yourself-aerzte/).
Anscheinend wird das in Holland teilweise schon so gehandhabt. Man kann so mit Absicht erhöhte Preise senken. Ein Trick der Pharmaindustrie die Gewinne zu maximieren. Wenn man das einzige Unternehmen ist, das das Produkt herstellt kann man die Kosten ins Unermessliche treiben. Diesen Pharmakonzernen, die lediglich das System ausbeuten wollen, sind somit durch Selbstsynthese die HĂ€nde gebunden. Ich recherchiere ĂŒber den Author. Sein Name ist Michael van den Heuvel. Alle seine Artikel sind klasse stelle ich fest und will ihn unbedingt weiterverfolgen. So beschĂ€ftigt er sich auch mit der Frage, wieviel ein Lebensjahr kosten soll. Deutschland ist da sehr kulant. FĂŒr weitere Informationen siehe hier:
http://news.doccheck.com/de/223294/wieviel-euro-ist-ein-lebensjahr-wert/?author=9&context=author_detail
Ich lese noch ein paar Artikel durchJĂ€h werde ich aus der Internetseifenblase gerissen. Â
Der Chefarzt betritt das Zimmer. Er hat schon von dem ungewöhnlichen Fall gehört. Wir unterhalten uns ĂŒber die Erkrankung, die Resistenztestung und er bringt mich auf die Idee, dem Verantwortlichen meiner Arbeitsstelle, der Uniklinik WĂŒrzburg, schon gleich heute zu kontaktieren. Es ist Sonntag, daher ist das schwierig. Ich denke, daran ihm eine Mail zu schreiben.  Wir einigen uns darauf alles Weitere morgen zu besprechen. Ich habe eine Reihe von Fragen mittlerweile. Das wĂ€re zum einen eine MRSA-Eradikation. Den habe ich mir sicher auch nicht bei mir daheim eingefangen. Zum zweiten die Frage nach der Resistenztestung. Ist dieser Keim in meiner Lunge behandelbar? Der letzte Arzt hatte mir Respekt eingejagt. Wann bekomme ich Bescheid, Wie lange benötigt eine solche Testung? Die Frage nach der Art zu waschen und die OberflĂ€chendesinfektion durchzufĂŒhren? Was ist mit meinen Freunden, mit meiner Familie? Wie ist das mit der Versicherung? Bei wem habe ich mich angesteckt? Herausgekommen ist nur eine Frage. Man hat nicht so besonders viel Zeit zu Fragen in Visiten. Wer schonmal im Krankenhaus war, weiĂ das sicherlich.Das Telefon klingelt und ich gehe ran. Ăberraschenderweise telefoniere ich mit dem verantwortlichen Mitarbeiter. Er hat sich auf eine E-Mail gemeldet, die ich ihm heute morgen geschrieben habe. Er bietet seine Hilfe an. Wir sprechen fĂŒr rund eine dreiviertel Stunde. Zum GlĂŒck hat er Erfahrung in solchen infektiologischen FĂ€llen in der Klinik.Von nun an bin ich am Telefon in einer Tortur. Ich telefoniere unter anderem mit einer bekannten AssistenzĂ€rztin, wo ich gearbeitet habe. Sie redet mir gut zu. Was ich noch nicht erwĂ€hnt habe: Es war ein Teil meiner Arbeit ĂŒber das letzte Jahr Tuberkulose-Patienten zu betreuen. Die Erreger der naheliegendsten Person im Krankenhaus waren damals zum GlĂŒck antibiotikasensibel. Sollte ich mich bei dieser Person angesteckt haben, handelt es sich um eine heilbare Erkrankung. Das gibt mir Hoffnung.
Epilog
Beim Schreiben dieses Eintrages beginne ich darĂŒber nachzudenken, was ich heute gemacht habe. Von 13 Stunden wach sein habe ich rund 9 telefoniert. Leute haben mich beruhigt, ich habe Leute beruhigt, die mit mir in Kontakt waren. Ăber meine Arbeitskollegen und Menschen mit denen ich im Urlaub war.
Jetzt ist es an der Zeit in sich zu gehen: Irgendwie bekam ich es mit der Angst zu tun, wenn man daran denkt, dass einen die UmstĂ€nde um einen herum töten können. Man ist teilweise wie ein Spielball den UmstĂ€nden ausgesetzt. Du selbst kennst das sicher von Dir. Von einem Termin zum nĂ€chsten rennen, hier noch was fĂŒr den Chef vorbereiten, mit den Kumpels etwas trinken gehen oder am Moped schrauben. Die Fremdbestimmung nimmt in der Isolation noch mehr zu, die Selbstbestimmung ab. Gleichzeitig macht man sich immer noch VorwĂŒrfe, die Erkrankung zu spĂ€t entdeckt zu haben. Ich habe die letzten zwei Tagen den TrĂ€nen nahe gestanden. Wer mich kennt weiĂ, das tue ich sonst nie. Vor Alllem deshalb, weil ich andere ein Risiko ausgesetzt habe. Im Prinzip, das sagen mir auch alle,  sollte ich mich davon frei machen: Es ist eine Erkrankung, die einem widerfĂ€hrt ohne dass man weiĂ wann einem was geschieht. Dazu möchte ich in ein paar Tagen mehr schreiben. Gleichfalls dachte ich nicht daran, dass es mich jemals treffen wird. So wie das bei schlechten Nachrichten im Fernsehen der Fall ist. Die zahlreichen UnfĂ€lle und auch fremdverschuldeten RechtsfĂ€lle. Sie passieren jemand anderem, doch nicht einem selbst. Doch diesmal ich bin der tragische Protagonist mit hoffentlich glĂŒcklichem Ende.
Ich bekomme hingegen auch ein warmes und zufriedenes GefĂŒhl, wenn ich daran denke, wieviele Leute hilfsbereit sind. Mein behandelndes Ărzte- und Pflegeteam. Anrufe, Nachrichten⊠ich schĂ€tze mich âglĂŒcklichâ die UnterstĂŒtzung meiner Bekannten zu haben. Es tut jedenfalls gut, darĂŒber zu schreiben. Ich schreibe einen dritten Tagebuch-Eintrag. Und ĂŒberlege ein Buch zu schreiben.











