Flora hat auf ihrem Blog https://wodiekaenguruswohnen.wordpress.com/ über ihren Auslandsaufenthalt in Australien so tolle und zutreffende Worte gefunden, dass ich es mir erlaubt habe, sie für die bestmögliche Beschreibung meiner eigenen Erfahrungen zu verwenden.
Lange, lange habe ich diesen Eintrag vor mir hergeschoben. Denn es wird der letzte sein. Und ich mag das Abschließen nicht, das er impliziert. Klar, für mich wird es keinen so endgültigen Schluss geben wie für den Großteil der anderen Freiwilligen. Ich bleibe in Strasbourg, wurde dort an der Uni zugelassen und werde ab Herbst anfangen, Psychologie zu studieren. Aber dennoch… Das FAM werde ich verlassen müssen. Besuche sind angekündigt, aber es wird nun einmal nicht mehr dasselbe sein. Viele liebgewonnene Menschen werde ich dann nicht mehr auf täglicher Basis sehen. Das muss den Freundschaften nicht schaden, aber es ist schade. Denn mein Dienst zeigte mir, dass es tatsächlich nicht wichtig ist, an welchem Ort wir uns befinden, wenn nur die Menschen stimmen. Wohl fühle ich mich dort, wo es die offensichtlichen Seelen gibt – jene, denen man ihren einzigartigen Charakter förmlich ansehen kann, die einfach ehrlich und integer sind. Dazu zähle ich meine Kollegen und die anderen Freiwilligen, aber vor allem auch die Bewohner. Und auch ich hatte das Glück, auf diese Weise zu leben zu dürfen, weil der Umgang mit ihnen es mir erlaubte.
Vorgespult im Leben finde ich mich in einem neuen Heimatland wieder und ein ungeahnter Ort und ein Bündel neuer Menschen fangen mich auf. Ich sehe mich um, nur um plötzlich zu bemerken, dass ich jeden Tag genieße – weil ich mittlerweile Lebenskünstlerin bin, gewissermaßen, und gelernt habe, mich überall zu Hause zu fühlen und jeden Menschen zu Freunden und Familie zu machen. Absurderweise hat das, was sich hier abspielt, nicht immer etwas mit Frankreich zu tun. Nicht direkt jedenfalls, dies ist nicht nur die Kultur eines Landes, dies ist vor allem die Kultur einer Spezies, Freiwillige genannt und wir haben uns unsere Bühne hier nur gefunden. Wir kommen von überall her, laufen zusammen wie energiegeladene Murmeln und hüpfen hoch, haben Durst auf Erfüllung und Glück, Freiheit und sind voll von Übermut. Wir sind die noch Suchenden, denen daheim etwas fehlte, dessen Ausmaß in Ferne gigantischer wird, als je geahnt. Türen öffnen sich, die waren vorher unsichtbar. Dazuzulernen ist kein Zufall, sondern Alltag, bunte Kessel tauschen ihre kochenden Funken. Tausend Menschen kennengelernt, Millionen Geschichten erzählt und nahegelegt, Kulturen getauscht, Gedanken verdreht und gesponnen, fortgeführt und verinnerlicht. Gesichter geprägt, Freunde gefunden. Eine Ansicht jagt die nächste und jeder Mensch gibt sich vor allem so, wie er ist.
Daheim ist man nur unter Vertrauten, aber man bleibt bei dem stehen, was man miteinander teilt, Entwicklung wird bisweilen in Ansätzen unterdrückt, aus Angst, etwas Bekanntes zu verändern und das Gefüge zu zerstören. Ich glaube, dass wir dadurch zu Hause auch vor uns selbst unbemerkt manchmal Veränderung verstecken, unterlassen, verleugnen, damit wir der Erwartung an uns entsprechen. Hier herrscht die Freiheit, einfach vollkommen ehrlich zu sein, nichts ist zu verlieren und die Menschen lernen sich genauso kennen, wie sie sind. Ich begreife nun, dass jeder Mensch hier wunderbar ist, ich habe größtenteils an Überheblichkeit verloren und höre zu – die Geschichten der Menschen scheinen unfassbar, mein Auge wird geweitet und ich lerne dazu. Das Ausland macht uns am freisten, denn die Erwartungen an uns selbst, von innen und außen, schwinden. Bilder tauchen auf und verschwimmen und stellen Fragen, geben viele Antworten auch, und ich verstehe, wie man durch die Distanz, die man zu sich selbst und den heimatlichen Mustern durchs Reisen gewinnt, alles besser versteht, worin man verwickelt ist. Nun sehe ich, dass ich weiterkomme. Habe die ganze Zeit schon gewusst, dass ich mich verändere auch, doch jetzt fällt mir der eigene Fortschritt auf und ich werde trotz allem Austoben, dass hier größer ist, als noch daheim, und freier, erwachsen.
Wir stimmen hier überein, wer kann es uns je wieder nehmen?! Das „volle Leben“ war Floskel und nimmt Gestalt an; was wie ein Traum wirkt, selbst nach Monaten, ist wahr! Wir werden high von dem Gedanken. In Fluten zu thronen füllt Herzen, die Seligkeit wird hochgeschätzte Konstante und die einzige Angst besteht darin, das Gefühl zu verlieren. Ausgerechnet jetzt wird alles bald ein Ende haben. Wie sehr wir uns lieben wird nun mehr gewahr, da wir uns wieder verteilen, wir schwemmen auseinander und begreifen das Unbegreifliche. Es geschieht und vergeht, es wird sich danach zurückgewünscht. Mit großen Augen und Erstaunen haben wir irgendwann festgestellt, dass jeder Einzelne Begeisterung verspürt über die Atmosphäre, die wir schufen. Niemand kann benennen, was wir erlebten. Zusammen erlebten wir unfassbare Zeiten. Großartiges Glück. Formten die Welt, sodass sie perfekt war. Wir stimmen darin überein, dass wir das nie vergessen. Dass wir Geschichten weitertragen, die neidisch machen und nach denen wir uns selbst wieder die Lippen lecken, wenn wir uns ihrer erinnern. Die Verrücktheit mancher Momente wird jetzt erst bewusst. Und das Wunder wird bestaunt, in dem wir ein Kloß von sich liebenden Menschen waren, die einander und das so geteilte Leben nicht mehr lassen wollten. Geflügelte Worte entstehen und in den Liedern sehe ich noch immer uns alle auf dem Bürgersteig und in Parks, in den Straßen von Strasbourg und hochgehobenen Träumen. Denke an die Runden, die Musik, die Gespräche, den Wein, die Zigaretten, die Gedanken, die Tänze, die Mahle, die Scherze, die gekreuzten Beine und lehnenden Rücken. Ich weiß genau, wie jeder Einzelne lacht, wie wir aneinander kleben in Gedanken und ich bin dankbar für das Vergangene. Es war das Übereinstimmen jung-alter Menschen in Verrücktheit, das Zusammentreffen jener Sehnsüchtigen, die die Ferne lieben. Nicht die rein geographische Ferne, sondern die geistige, in der man frei ist von allem Bekannten und allen Regeln, frei von der Gesellschaft, frei von allen Vorurteilen, frei von jeglichem Verhaltenskodex, frei von Sorgen, frei von Zukunft. Es lebe der Moment, es leben die Collagen ähnlich gesinnter Seelen! In guter Hoffnung und Zuversicht sage ich mir jedoch: letztlich sind es immer die Menschen und ihre Taten, die eine Zeit gestalten. Wenn man seinen Weg weiterhin so geht, wie es sich richtig anfühlt, wird all das, was man liebt, automatisch folgen. Ein Hoch auf die Erinnerung, sie wird bestehen, ein Hoch auf die kommende Zeit! Auf dass es gut wird!