April 2003 und April 2017
Der Mensch ist nicht gern allein
April 2003
AOL (America Online) hat kostenlose Postwurfsendungen in Bad Cannstatt verteilt. Da drin eine glĂ€nzend silberne CD, mit deren Hilfe man AOL oder einen Browser auf seinen Rechner installieren kann â man ist gleichzeitig Mitglied (?) bei AOL und hat eine dementsprechende Emailadresse. EinwĂ€hlen ins Internet funktioniert ĂŒber eine Telefonverbindung und ein Analogmodem, welches dann Einwahlmelodien ertönen lĂ€sst. Im AOL Chat gab es eine Gay Community, wo man, wenn ich mich richtig erinnere, sein Land und seine Stadt â Stuttgart â auswĂ€hlen konnte. So kam ich in Kontakt mit einem schwulen Husumer, der sich dort auch befand und mit dem ich eine Zeit lang Nachrichten austauschte. Ich 28 und in Stuttgart, er um die 50 und in Husum â das Ganze hatte den Charakter einer tatsĂ€chlich sehr keuschen Brieffreundschaft; wir haben uns nie getroffen oder Photos ausgetauscht. Emoticons gab es nicht. Sexuelles war nur sehr am Rande Thema.
April 2017
Nach 12 Jahren Beziehung ist es vorbei und es bedarf der Ablenkung vermischt mit sexueller Aufmerksamkeit, um Trennungsschmerz und allgemeine Verlassenheit zu ĂŒbertönen. Ob das eine kluge Strategie ist, sei dahingestellt. Das zeitgemĂ€sse Mittel der Wahl heisst Grindr, welches man auf seinem Smartphone unterbringt und vom Hörensagen wurde vieles gemunkelt. Wenn man nicht munkelt, registriert man sich mit einem Profilbild (oder auch nicht), gibt Alter, Anliegen, sowie optional sexuelle Vorlieben, âEthnicityâ, HIV-Status sowie Körperdaten ein und bekommt anschliessend dank Geolokalisation alle registrierten Mitglieder in der direkten Umgebung mit ihrem jeweiligen Profilbild angezeigt. Online und offline sowie mit der aktuellen Entfernung und der Möglichkeit nach Alter zu filtern.
Die Ăhnlichkeit zu PokĂ©mon Go erscheint mir frappierend â der Reflex: âSchnapp sie dir alleâ lĂ€sst sich zumindest anfangs schwer unterdrĂŒcken. Zum ersten Mal in meinem Leben verfolge ich in Echtzeit, wie viele an MĂ€nnern interessierte MĂ€nner in meiner direkten Nachbarschaft leben oder verweilen. Das Erstaunen ist gross, was so ein gutbĂŒrgerliches Viertel in gehobener Wohnlage alles hergibt. Im Unterschied zu PokĂ©mon Go wandert man nicht zu PokĂ©-Stops und schmeisst BĂ€lle: hier belauert man das Objekt der Begierde und versendet dann gezielt eine charmante Textnachricht. Wenn man herumlĂ€uft oder Zug fĂ€hrt, Ă€ndern sich entsprechend die angezeigten Distanzen zu den jeweiligen Mitgliedern. In den frĂŒhen Morgenstunden unter der Woche werden weiter entfernte Mitglieder angezeigt, weil dann wohl insgesamt weniger los ist im Grindr-Kosmos. Der Radius atmet also anscheinend mit der âAuslastungâ der App. Bezahlen kann man auch, dann bekommt man mehr Mitglieder angezeigt und hat zusĂ€tzliche Filteroptionen. Innerhalb eines Monats hatte ich Austausch mit MĂ€nnern aus Frankreich, England, USA, der Schweiz, Deutschland, Portugal, Italien, Spanien, Brasilien, China und Pakistan â keiner weiter als 10 km von mir entfernt. Bisweilen und nach GemĂŒtslage werden gerne anatomische Detailphotos als Visitenkarte ausgetauscht â sollte man sich gut verstehen, kann es nach einem lĂ€ngerem Chat vorkommen, dass man am Ende ein Portraitbild oder einen Namen zugesandt bekommt. DarĂŒber hinaus haben sich Emoticons zu einer Art codierter Geheimsprache entwickelt, die bisweilen mehr Verwirrung stiftet als Klarheit schafft. Getroffen habe ich letztlich drei meiner neuen Bekanntschaften, Sexuelles war nur bei einer Thema. Meine aol.com Emailadresse habe ich immer noch, PokĂ©mon Go aber schon lange gelöscht.
(Cumarin)













