aufbrechen, um auszubrechen â Abschied aus Cusco, Aufbruch nach Quito
In meinen letzten vollen Tag in Cusco startete ich mit etwas, das ich seit einer Woche vermisste: Schlaf. Gegen 10:00 Uhr entschied mein Körper dann, dass es genug war, und scheuchte mich aus den Federn. Ich nutzte den Tag, um noch schnell ein paar Dinge zu erledigen, die man mir empfohlen hatte. Unter anderem besuchte ich das Choco Museo. Allerdings weniger, um etwas ĂŒber die Herstellung von Schokolade zu lernen, als vielmehr, um möglichst viel Schokolade zu probieren. Mein Konzept ging auf. Von Schokolade mit 30% Kakaogehalt steigerte ich mich ĂŒber 60% und 80% bis zu 100%. Hundertprozentige Schokolade schmeckt in etwa so, wie es riecht, wenn man eine Tafel Schokolade in den Toaster schiebt. GlĂŒcklicherweise konnte ich den Geschmack mit etwas Kakao-Tee herunterspĂŒlen, der ebenfalls angeboten wurde. Das unverhoffte Highlight waren allerdings die vielen verschiedenen Pisco-Sorten. Pisco mit Schokolade-Ingwer, Pisco mit Schokolade-Zimt, Pisco mit Schokolade-Mango â ich probierte mich durch alle Sorten. Leicht beschwipst kaufte ich dort noch ein paar Sachen, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen und weil die QualitĂ€t auch wirklich gut war.
Die nĂ€chste Station war der San Pedro Markt. Da ich dort kein einziges Foto geschossen habe, werde ich versuchen, den Markt so gut es geht zu beschreiben: Zentrum des Markts ist eine groĂe Markthalle. Hier befinden sich die meisten StĂ€nde. Doch auch auf den angrenzenden StraĂen kann man ein reges Markttreiben beobachten. Die groĂe Markthalle wirkt auf den ersten Blick wenig strukturiert. Es braucht einen Moment, bis man durchschaut, dass alles hier seine Ordnung hat. In der einen Ecke finden sich Dutzende StĂ€nde mit Obst und GemĂŒse, in den GĂ€ngen daneben werden Backwaren verkauft, ein StĂŒck weiter GewĂŒrze, Nudeln, NĂŒsse, Blumen, Kleidung, ElektrogerĂ€te â eigentlich wie im Supermarkt um die Ecke, nur viel gröĂer und dennoch persönlicher. Denn hinter jedem Stand sitzt ein anderer Mensch mit einer anderen Geschichte. Zur Orientierung auf dem Markt ist die Nase fast hilfreicher als die Augen, denn die erriecht zum Beispiel die KĂ€se-StĂ€nde eher, als die Augen sie sehen. Ein wenig hektisch geht es auf dem San Pedro Markt zwar zu, aber dort herrscht eine AtmosphĂ€re, die man sich bei einem Besuch in Cusco nicht entgehen lassen sollte. Auf vielfache Empfehlung suchte ich die Abteilung, in der frische SĂ€fte verkauft wurden. Ich habe mich selten begehrter gefĂŒhlt. Von allen Seiten rufen dir die SaftverkĂ€uferinnen auf Spanisch Argumente zu, weshalb du gerade bei ihnen deinen Saft pressen lassen solltest. Das mussten sie auch, denn jeder Stand sah identisch aus. Ich kostete meinen Marsch durch das SaftverkĂ€uferinnen-Spalier fast bis zum Ende des Ganges aus und entschied mich willkĂŒrlich fĂŒr einen Stand zu meiner Rechten. FĂŒr umgerechnet weniger als einen Euro bekam ich anderthalb GlĂ€ser frisch gepressten Saft aus Bananen, Mango und Ananas. So lĂ€sst es sich leben!
Gut gestĂ€rkt und erfrischt kaufte ich ein paar Souvenirs fĂŒr Freunde und Familie ein. Meine bisher erlernten Verhandlungskompetenzen ebneten mir den Weg fĂŒr einen kostengĂŒnstigen Einkauf. AnschlieĂend ging ich zurĂŒck zum Hostel und packte meine Sachen fĂŒr die RĂŒckreise nach Lima am nĂ€chsten Morgen. Diesmal fuhr ich allerdings nicht mit dem Bus â das wĂŒrde 21 Stunden dauern â sondern nahm das Flugzeug â fĂŒr etwas ĂŒber eine Stunde und nur 45âŹ. Ich fragte Christian, den Hostel-Manager, ob er mir fĂŒr den nĂ€chsten Morgen ein Taxi zum Flughafen bestellen könnte. Das sei kein Problem, sagte er und fĂŒgte hinzu, dass er nach all den Unannehmlichkeiten bezĂŒglich einer gewissen Elektroschock-Dusche die Kosten fĂŒr das Taxi tragen wĂŒrde. Das hielt ich fĂŒr eine sehr faire Geste. Ich bedankte mich bei ihm und machte mich auf zu Jack's CafĂ©, um mit meiner Salkantay-Trek-Gruppe unseren Abschied aus Cusco zu feiern. Dort begannen wir den Abend ganz klassisch mit Pisco Sour und gutem Essen.
Danach gingen wir noch zum Billard und Dart spielen (und auch zum Trinken) in einen Pub. Wir hatten einen wunderbaren Abend, der sich leider viel zu schnell dem Ende neigte. Es war interessant zu beobachten, dass jeder von uns ein paar emotionale Momente zulieĂ, in denen wir uns sagten, was fĂŒr eine groĂartige Zeit wir hatten und dass wir uns vermissen wĂŒrden.
SchlieĂlich war der letzte Dartpfeil geworfen, wir lagen uns lange in den Armen und gingen getrennte Wege. Ummantelt von einer gewissen Traurigkeit ging ich ins Bett. Zwar lagen neue Abenteuer vor mir, doch noch sehnte ich mich zurĂŒck zu meinen Salkantay-Trek-Freunden. Als ich ein letztes Mal auf mein Handy schaute, ploppte eine WhatsApp-Benachrichtigung auf: Sie wurden zur Gruppe âSexy Llama Legsâ hinzugefĂŒgt. Ich musste laut lachen, fĂŒgte ein Herz zum Gruppenchat hinzu und schlief mit einem LĂ€cheln ein.
Der Wecker klingelte um 5:00 Uhr. Ich sprang schnell unter die Dusche und ging zum KĂŒchen-/FrĂŒhstĂŒcksraum. Dort wuselte gerade eine spanischsprachige Familie umher, die offenbar auch zum Flughafen musste. Diese Vermutung bestĂ€tigte sich, als ich mit einem der Söhne ins GesprĂ€ch kam. Ich bot meinen Tee und Marmelade an und bekam im Gegenzug etwas vom RĂŒhrei der Mutter ab. Es stellte sich heraus, dass sie alle ebenfalls nach Lima fliegen wĂŒrden. Christian hatte zwei Taxis fĂŒr uns besorgt, die uns nur wenig spĂ€ter pĂŒnktlich am Flughafen absetzten. Die Familie hatte nur HandgepĂ€ck dabei und zog schon weiter, wĂ€hrend ich mich am GepĂ€ckschalter anstellte. Es waren noch etwa zwei Stunden bis zum Boarding. Da sollte man meinen, dass das genĂŒgend Zeit ist, um sein GepĂ€ck abzugeben. Falsch gedacht! Von den zwei Schaltern der Airline war nur einer geöffnet und vor mir standen etwa dreiĂig Personen, die ihre Koffer aufgeben wollten. Nach einer Stunde standen zwar nur noch fĂŒnf Leute vor mir, doch es gab Probleme bei dem PĂ€rchen ganz vorne, sodass es nicht weiterging. Es fehlte irgendein Dokument, der Oberboss musste geholt werden. Nervös blickte ich immer wieder auf die Uhr. Eine halbe Stunde vor dem Boarding stand nur noch ein junger Mann vor mir, der ebenfalls nach Lima fliegen wollte. Am Schalter sagte man ihm, dass es schon zu spĂ€t sei und sie sein GepĂ€ck nicht mehr aufnehmen könnten. Aber er lieĂ sich nicht abwimmeln, blieb hartnĂ€ckig und war schlieĂlich erfolgreich. Jetzt musste ich hoffen, dass das auch bei mir noch klappen wĂŒrde. âNein, sie sind zu spĂ€t. Wir können Ihr GepĂ€ck nicht mehr aufnehmen.â - âIch warte hier seit fast zwei Stunden. Dass Sie hier nur einen Schalter geöffnet haben, ist nicht mein Problem. Das GepĂ€ck von dem Herrn vor mir haben Sie auch angenommen, also nehmen Sie jetzt gefĂ€lligst meinen Rucksack! Ich möchte meinen Flieger nicht verpassen!â, sprudelte es aus mir heraus. Wow, so kannte ich mich noch gar nicht. So gefiel ich mir zwar auch nicht, aber es zeigte Wirkung. Der Herr am Schalter druckte ein Label, klebte es an meinen Rucksack und legte ihn auf das Band. âDanke!â, sagte ich ernst und ging zur Sicherheitskontrolle. Zum GlĂŒck dauerte es dort nur wenige Minuten, sodass ich pĂŒnktlich am Gate war. Da das Boarding noch nicht begonnen hatte, ging ich schnell ein StĂŒck weiter in einen Laden, um etwas zu essen zu kaufen. Als ich den Laden nur wenig spĂ€ter verlieĂ, saĂen keine Menschen mehr im Wartebereich. Panisch rannte ich nĂ€her zum Gate. Zum GlĂŒck war dort noch eine Mitarbeiterin, die mich etwas seltsam anschaute und dann noch in das Flugzeug steigen lieĂ. Diesen Morgen hatte ich mir etwas entspannter vorgestellt. Aber nun ging es erst einmal zurĂŒck nach Lima. Jedoch nur fĂŒr eine Nacht. Denn am folgenden Tag wĂŒrde ich nach Ecuador fliegen â nach Quito, um genau zu sein. So verbrachte nach meiner Ankunft den Rest des Tages damit, mir neue Kopfhörer zu kaufen, ein paar Postkarten zu schreiben und an meinem Blog zu arbeiten. Es war ein wirklich sehr langweiliger Tag â genau das, was ich brauchte. Ich ging frĂŒh ins Bett, stand frĂŒh auf und nahm ein Taxi, um viel zu frĂŒh am Flughafen zu sein. Quito war also das neue Ziel. Peru hatte schon mal gut vorgelegt. Mal sehen, was Ecuador zu bieten hat.
Voller Spannung und mit vielen neuen Bekanntschaften geht es im nÀchsten Eintrag weiter. Bis dahin!