Mein Edinburgh-Tagebuch
von Andreas Colter
Freitag - Tag der Anreise
Alle sportlichen Vorbereitungen sind abgeschlossen. Am Sonntag wird sich zeigen, fĂŒr welchen Ausgang des Edinburgh Marathons es reichen wird. Das Central-Team reist mit sieben LĂ€ufern plus eigenen Fans an, die Vorfreude reicht von "Das wird eine neue Bestzeit" bis zu "Kann ich nicht vielleicht doch noch kurzfristig auf einen Halbmarathon umbuchen". Umbuchen lĂ€sst dieser Veranstalter nicht zu, also Augen zu und durch.
Die ersten von uns sind bereits am Freitagmittag in Edinburgh und bringen in Erfahrung, wo es die Startunterlagen gibt, wo man in der Stadt lecker essen kann und wo wir am Samstag das Champions League Finale gucken werden. Meine Abendverbindung lĂ€uft nicht ganz so reibungslos: Der Anschlussflug in Amsterdam hat eine Stunde VerspĂ€tung. Wird wohl nichts mehr mit einem gemĂŒtlichen Pint am ersten Abend. Hauptsache, die Rezeption im GĂ€stehaus ist noch besetzt.
Samstag - Begegnung mit der Schönen
Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein und RĂŒhrei mit Toast im Wintergarten hinterm Haus. Hier blĂŒhen die KirschbĂ€ume noch - wir sind hier eben im Norden. Ein paar der Central-LĂ€ufer drehen noch eine letzte kurze Trainingsrunde, ich lasse es dagegen ruhig angehen.
Auf dem GelĂ€nde von "Our Dynamic Earth", wo die Startunterlagen fĂŒr die LĂ€ufer aus dem Ausland abzuholen sind, ist es rappelvoll. Kein Wunder, gerade finden die LĂ€ufe ĂŒber 5 und 10 km statt. Trotzdem sind die Startnummern schnell abgeholt. Den Rest des Tages haben wir Zeit, diese wunderschöne Stadt, die sich an diesem Wochenende von ihrer sonnigsten Seite zeigt, kennenzulernen. Die Stadt hat soviel schöne Ecken zu bieten, dass sich die Gruppe irgendwann aufteilt.
Am Abend treffen wir uns im Pub wieder, wo wir uns das Champions-League-Finale angucken. Unser Tisch drĂŒckt zu zwei Dritteln Dortmund die Daumen, der Rest der Pub-Besucher scheint zu 90% aus schottischen BVB-Fans zu bestehen, die immer wieder neue FangesĂ€nge dichten. Am Ende sieht es leider anders aus.
Sonntag - Jetzt wird es ernst
Der groĂe Tag ist gekommen. Ich habe erstaunlich gut geschlafen, das kann aber auch an den zwei Pints vom Vorabend liegen. Nach einem guten FrĂŒhstĂŒck nehmen wir dieses Mal den Bus in die Stadt, gelaufen wird heute noch genug. Hier begegnen uns schon einige LĂ€ufer, im Startbereich ist eine riesige Menschenmenge. Der Veranstalter spricht von ĂŒber 27.000 Teilnehmern, verteilt ĂŒber alle LĂ€ufe des Edinburgh Marathon Festivals. Die Vorfreude ist um mich herum ĂŒberall spĂŒrbar, nach ein paar Minuten setzt sich mein Startblock schon in Bewegung.Â
Der Lauf ist so bunt, wie man ihn sich nur vorstellen kann. Trikots in allen Farben leuchten mir entgegen, in britischer Tradition sind viele der LĂ€ufer fĂŒr eine WohltĂ€tigkeitsorganisation unterwegs. Der Mitveranstalter, die schottische Macmillan Stiftung zur BekĂ€mpfung von Prostatakrebs ist nur eine von vielen, deren Namen ich auf den Trikots im Laufe des Rennens lese. Kaum eine chronische oder schwere Krankheit ist hier nicht mit einer Stiftung vertreten. NatĂŒrlich dĂŒrfen auch die KostĂŒmlĂ€ufer nicht fehlen, von Superman ĂŒber KilttrĂ€ger und Clowns bis zu einem LĂ€ufer in einer echten (!) RitterrĂŒstung ist alles dabei. Meine Kollegen haben sich dieses Mal andere Zeiten als Ziel gesetzt als ich, ich bin also komplett auf mich alleine gestellt.
Die ersten Kilometer gehen nur bergab, da kann schon etwas Zeit heraus gelaufen werden. Irgendwann sind wir auf Meereshöhe angekommen, von jetzt an geht es immer wieder direkt am Strand entlang. Es riecht nach Watt und Muscheln - wie im Urlaub. Kurz vor der 10-km-Marke werden wir in Portobello von japanischen Trommlern begrĂŒĂt, direkt danach folgt der erste Charaktertest: Hier an der Strandpromenade steht eine WĂŒrstchenbude neben der nĂ€chsten, es duftet herrlich nach Bratwurst. Was wollte ich hier doch gleich? Ach ja, weiterlaufen. Es geht durch das StĂ€dchen Musselburgh, wo spĂ€ter der Zieleinlauf ist, viel spĂ€ter, in gut 21 Kilometern.Â
Da kommt mir auch schon die Spitzengruppe um den spĂ€teren Sieger aus Ăthiopien entgegen. Der Weg fĂŒhrt durch kleine KĂŒstenorte, an Feldern und HĂŒgeln vorbei, und immer wieder sehen wir den Strand. Als Wendepunkt hat sich der Veranstalter das PrivatgelĂ€nde um den alten Gutshof Gosford House (Michael spricht von einem Bauernhof) ausgesucht, fĂŒr ein paar Kilometer geht es durch den Wald, ĂŒber einen Feldweg und an einer Pferdekoppel entlang.Â
Die Kilometer verschwinden wie von selbst, es herrscht mit 17 Grad und mit leichten Wolken wechselndem Sonnenschein perfektes Laufwetter. Alle drei bis vier Kilometer gibt es Wasser, dazu kommen die sehr netten Anwohner, die eigene WasserstĂ€nde aufgebaut haben und GummibĂ€rchen reichen. Wer will, kann sich auch mit dem Gartenschlauch abkĂŒhlen lassen. Das nenne ich UnterstĂŒtzung. Ab Kilometer 30 merke ich meine Beine schon ganz ordentlich, so weit laufen wir auf der Dienstagsrunde ja sonst nicht. Aber noch lĂ€uft es sich relativ locker. Ich lenke mich mir dem Blick ĂŒber das Wasser, auf die andere Seite des Firth of Forth mit ihren grĂŒnen HĂŒgeln ab und laufe denen hinterher, die ein fĂŒr mich ertrĂ€gliches Tempo vorlegen. Jetzt zwickt und zwackt es schon etwas mehr, die letzten sechs Kilometer sind angebrochen. Langsam kommt mir immer wieder nur ein Gedanke: Kann ich jetzt bitte aufhören??? Nix da, nach so viel Strecke wird nicht aufgegeben.Â
Ich nĂ€here mich Musselburgh, die Ausfallerscheinungen um mich herum hĂ€ufen sich, und ich mobilisiere meine letzten Rserven. Jetzt geht es durch eine Menge jubelnder Zuschauer, hier wird jeder noch einmal motiviert, es wird immer lauter. Dann die letzte Kurve, die StraĂe endet, und ich finde mich auf den Gummimatten der Zielgeraden wieder - jetzt bloĂ nicht umknicken auf dem wackeligen Untergrund. Ăberall Jubel, ĂŒberall Fotografen, das Zieltor - geschafft!!!
Mir tut alles weh, aber die Freude betÀubt das alles sofort. Dehnen, trinken, das Finisherpaket mit den Belohnungen abholen, und irgendwann geht es zum Bus und wieder in die Stadt.
Die meisten der anderen Central-LĂ€ufer treffe ich abends beim Italiener wieder, bis auf einen verletzungsbedingten Abbruch sind alle gesund im Ziel angekommen. Bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse wird noch spekuliert, wieviel wir von der Bruttozeit abziehen mĂŒssen, dann ist es offiziell: Ich habe meine bisherige Zeit um 36 Minuten verbessert und bin in bei 3 Stunden 55 Minuten und 10 Sekunden ins Ziel gekommen, ich kann es gar nicht fassen.Â
Jana hat im Halbmarathon zum ersten Mal die Zwei-Stunden-Marke geknackt, und auch die vorher nicht so optimistischen Kollegen sind am Ende doch mir ihren Zeiten zufrieden.
Montag - The day after
Aua! Moment, noch ein Schritt, aua! Da ist er, wenig ĂŒberraschend aber immer wieder beeindruckend: Der Muskelkater danach. Zwei Etagen die Treppe runter zum FrĂŒhstĂŒck, danach zwei Etagen wieder rauf, dann wieder runter. AUA!!! Ich versuche mit Magnesium und KĂŒhlgel entgegenzuwirken, ich möchte ja noch was von der Stadt sehen. Es geht auch einen Schritt langsamer. Die Central-Kollegen steigen heute auf den Arthurs Seat, aber mich bekommt heute nichts und niemand auf einen 250 Meter hohen HĂŒgel.Â
Ich entscheide nicht fĂŒr das Scotch Whisky Experience, lasse mich im Fass durch die Herstellung von Whisky fahren und bestaune die riesige Sammlung von ĂŒber 3.000 Whiskysorten. Wer will probieren? Ach, das ist bestimmt gut gegen Muskelkater. Also: Slainte Mhath! Einen aus den Highlands, einen von der Islay-Insel (der schmeckt wir RĂ€ucherschinken, toll!), jetzt muss ich aber wieder aufhören.Â
Noch eine Treppe runter, aua! Einige Meter die StraĂe runter, im Deacons House CafĂ© gibt es sehr leckeres Soup and Sandwich Mittagessen, und nebenbei erfĂ€hrt der Besucher, dass hier die Werkstatt von William Deacon Brodie war. Der tagsĂŒber als angesehener Tischlermeister raubte des Nachts seine Nachbarn aus und wurde spĂ€ter dafĂŒr gehĂ€ngt. Aus dieser wahren Begebenheit ist die Geschichte von Dr. Jekylls und Mr Hyde entstanden. Und immer wieder humpelnde Menschen in der Stadt, ich bin nicht alleine mit meinem Muskelkater.
Vielen, vielen Dank, Edinburgh: FĂŒr die freundlichen Menschen, die tollen HĂ€user, die leckere Ale Pie, den duftenden Ginster am Calton Hill und fĂŒr Beethoven auf dem Dudelsack! Wir sehen uns in jedem Fall wieder, ob mit oder ohne Marathon.
















