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13. August
Die Mauer ist seit 1989 weg. Doch zwischen Ost- und Westdeutschland verläuft ein tiefer Graben, der durch die hochglanzpolierten Innenstädte von Weimar, Erfurt, Leipzig und Dresden nur optisch nicht ins Auge sticht. Wer hören und fühlen kann, der fühlt die ostdeutsche Distanz und die westdeutsche Kühle, wenn es um den jeweils anderen geht. Jammerossi und Besserwessi sind die zwei Worte, die das Trennende ungeschminkt herausarbeiten. Im Subventionsgebiet Ost ist die angestammte Belegschaft ärmer, älter – und wählt am liebsten rechts. Der Osten schaltete ohne Zwischengas von Marxismus auf Nationalismus um. Die neuen Leitfiguren heißen für Millionen nicht mehr Honecker und Krenz, sondern Höcke und Chrupalla.
Der Irrtum lag nicht im Mauerfall, sondern in dem, was danach passierte. Der Fehler der "putschartigen" Vereinigung und das anschließend harsche Regiment des Westens sind bis heute unverstandene Geschichte. Das muss endlich gesehen und aufgearbeitet werden.
65 Jahre nach dem Mauerbau, an den an diesem 13. August bei zahlreichen Veranstaltungen im Land gedacht wird, hält die AfD die Erinnerung an die SED-Diktatur auf ihre Weise wach. In Sachsen-Anhalt etwa verglich der Fraktionschef der Rechtsextremen, Oliver Kirchner, die Politik des heutigen Kanzlers Friedrich Merz jüngst mit der des einstigen DDR-Machthabers Walter Ulbricht und die Brandmauer gegen seine Partei mit der Berliner Mauer. Kirchners Co-Chef Ulrich Siegmund wiederum sang kürzlich die alte DDR-Hymne mit, die Kabarettist Uwe Steimle bei einer Wahlkampfveranstaltung angestimmt hatte. Die Hymne der SED-Diktatur singen und sich gleichzeitig in eine Reihe mit ihren Opfern stellen – das passt nicht zusammen? Nun, mehr als 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt, so sagen es die Umfragen, scheint das nicht zu stören. Genauso wenig das radikale Programm, mit dem die AfD für einen autoritären Umbau von Staat und Gesellschaft wirbt.
Auch für die Verengung von Denkräumen gilt am heutigen Jahrestag: Die Mauer muss weg.
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Erderhitzung
38 000 000 000 000 Dollar
So viel Geld wird der Klimawandel mit seinen Folgen die Welt kosten. Pro Jahr natürlich. Diese Zahl also sollte im Kopf behalten, wer der Meinung ist, der grüne Umbau von Wirtschaft und Alltag sei zu teuer.
Kommentar von Kathrin Werner
Jeder hat so seine Strategie, der Hitze zu begegnen: Kugelstoßerin Alina Kenzel bei den Olympischen Spielen in Paris.
Dies ist ein Sommer der Rekorde. In Deutschland bringen Gewitter zwar zwischendurch immer mal wieder Erleichterung, aber die Welt als Ganzes ist heiß. Zu heiß. In Athen schloss die Akropolis, damit keine Touristen den Hitzetod sterben. Im amerikanischen Death Valley schmolz einem Belgier die Fußsohle weg, weil er bei mehr als 50 Grad seinen Flipflop verloren hatte. Der Rettungshubschrauber konnte nicht landen, die Luft war wegen der Hitze zu dünn.
Und trotz aller Rekorde wird dieser Sommer kühler sein als alle oder fast alle Sommer der Zukunft. Was uns jetzt unerträglich erscheint, wird bald Normalität. Schuld ist eindeutig – der Klimawandel. Die Politiker der Welt sollten diese Hitze, die ja auch sie am eigenen Leib spüren, als infernalische letzte Warnung verstehen: Es eilt. Klimaschutz, koste er, was er wolle, ist die wichtigste und dringendste politische Aufgabe unserer Zeit.
Stichwort Kosten, dies ist auch der Sommer, in dem der Klimawandel eine Rechnung schickt. Auf der werden mehrere Milliarden Euro stehen, denn Hitze ist teuer. Die Volkswirtschaft verliert, weil Menschen krank werden und behandelt werden müssen und weil sie weniger oder schlechter arbeiten. Weil Ernten ausbleiben und Flüsse austrocknen, die man als Transportwege braucht. Weil Straßen neu geteert werden müssen und Klimaanlagen Strom fressen. Hinzu kommen Überschwemmungen, Waldbrände und Hagelstürme, wegen der die Amerikaner inzwischen nicht mehr nur von global warming, sondern von global weirding sprechen, weil die Wetterphänomene immer seltsamer werden. Nach jedem Desaster muss man aufräumen. Das kostet. Selbst wenn die CO₂-Emissionen von heute an drastisch gesenkt würden, schrumpft die Weltwirtschaft wegen des Klimawandels bis 2050 um fast ein Fünftel, so besagt es eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Die volkswirtschaftlichen Schäden des Klimawandels: gigantische 38 000 000 000 000 Dollar. Pro Jahr wohlgemerkt. Damit sind diese sechsmal höher als die Kosten, die anfallen, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.
Wer heute höhere Staatsausgaben scheut, hat morgen viel höhere Staatsschulden
Die Debatte um Klimapolitik, ohnehin gerade viel zu leise geführt, dreht sich viel zu oft um die Kosten und Zumutungen des Klimaschutzes und viel zu selten um die Kosten und Zumutungen des Klimawandels. Natürlich stimmt es, dass der Umbau der Wirtschaft zu grüner Energie, nachhaltigen Lieferketten, öffentlichen Verkehrsmitteln, grünen Antrieben und so weiter viel Geld verschlingen wird. Aber es sind Investitionen, die sich lohnen. Und zwar nicht nur, um folgenden Generationen einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen – ein abstraktes und moralisches Motiv. Sondern aus ökonomischen Gründen und schon jetzt.
Zögern ist teurer als Handeln. Das unabhängige Office for Budget Responsibility, das die britische Regierung berät, hat berechnet, dass Großbritanniens Schuldenquote bis 2050 um 23 Prozent höher ausfallen würde, wenn die Regierung die geplanten Ausgaben für Klimaschutz um ein Jahrzehnt verschiebt. Wenn die Regierungen der Welt, auch die deutsche, aus Angst vor hohen Staatsausgaben Investitionen in den Klimaschutz scheuen, sind Staatsschulden der Zukunft also programmiert. Es gehört zu ihrer Verantwortung, langfristig zu denken, sowohl was die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger angeht als auch den Staatshaushalt.
Es ist ja auch schon eine ganze Menge geschafft, trotz halbherzigen Engagements
Zu den Aufgaben von Politikern zählt auch, das all den Menschen zu erklären, die sich vor höheren Stromrechnungen fürchten und künftigen Generationen keine überbordenden Staatsschulden hinterlassen wollen. Wer vor den Populisten einknickt, unterschätzt die Intelligenz der Wählerinnen und Wähler, die durchaus in der Lage sind, einen ökonomischen Fakt zu verstehen: Schulden, die man macht, um die Welt zu retten, sind sehr viel sinnvoller als Schulden, die man machen muss, um nach dem nächsten Klimadesaster aufzuräumen.
Die Bundesregierung hat die Dringlichkeit entweder bisher nicht erkannt, oder sie schafft es nicht, ihre Erkenntnisse in Politik umzusetzen. Mit der Schuldenbremse spart sie das Klima kaputt. Überall fehlt das Geld: Deutschland ist längst nicht mehr Vorreiter in Sachen erneuerbare Energien. Die Deutsche Bahn ist eine Lachnummer im Ausland. Es fehlen Elektroautos und die Ladeinfrastruktur. Der Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft wird ohne Investitionen des Staates nicht funktionieren. Wenn man die Schuldenbremse nicht abschafft, dann wird man sich anderweitig behelfen müssen, mit einem Sondervermögen oder Krediten für Klimainvestitionen etwa.
Die gute Nachricht ist: Es ist noch nicht zu spät. Auch wenn sich die Hitze unausweichlich und bedrohlich anfühlt, glauben die meisten Wissenschaftler, dass die Menschheit es noch schaffen kann, den Klimawandel aufzuhalten. Sie hat ja jetzt schon so viel geschafft – und das mit eher halbherzigem Engagement. Kohlekraftwerke gehen vom Netz, Wind- und Solaranlagen produzieren bereits mehr als die Hälfte des deutschen Stroms. Doch es braucht mehr Investitionen, und zwar schnell. Politiker müssen verstehen, dass auch sie eine letzte Generation sind: Die letzte Generation, die noch etwas tun kann, um den Planeten zu retten – und die Staatshaushalte.
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Es brennt - Scheuklappen abnehmen
Der aktuelle Sommer in Europa bringt Wetterextreme, die den Szenarien der Klimaforschung voll und ganz entsprechen. Mag die AfD auch das wieder leugnen. Deren Lügen helfen niemandem auf Dauer.
Was tun angesichts solcher Wetterextreme und deren Folgekatastrophen, die gefühlt so viel rascher eingetroffen sind, als Klimafachleute vor ihnen gewarnt hatten – vielleicht auch, weil viele Experten und Expertinnen Furcht vor den Reaktionen auf noch eindringlichere Kassandrarufe hatten? Wie mit dem Umstand umgehen, dass wir nach 200 Jahren CO₂-Ausstoß und viel zu wenig Initiative, um ihn zu beenden, in einer Klimaänderungsspirale gefangen sind, die laut einhelligen Voraussagen in naher Zukunft noch höhere Temperaturen zur Folge haben wird? Sinnlos, weil faktenwidrig ist dumpfe Klimawandel-Leugnung, wie sie etwa die AfD betreibt. Übrigens an die Medien und das Netz: Extremtemperaturen sind kein Entertainmentfaktor. Für viele vulnerable Menschen sind sie tödlich.
Zweckdienlicher ist es, die Scheuklappen abzunehmen und in aller Klarheit wahrzunehmen, was passiert. Nämlich, dass die Klimakrise ganze Schadenskaskaden zur Folge hat. Hitze und Dürre gefährden die Ernten, machen Probleme bei der Energieproduktion. Das wird weitere Teuerungen zur Folge haben. Riesige, schier unaufhaltbare Brände zerstören ganze grüne Lungen und kosten Millionen Wildtiere das Leben. Die Menschen in weiteren potenziell betroffenen Gebieten wiederum behalten im Hinterkopf, dass sie von einem Tag auf den anderen ihren sauer erworbenen Besitz verlieren können.
Kurz, die Klimaerhitzung schwächt die Ressourcen- und die Eigentumssicherheit – und damit zentrale Versprechen unserer modernen europäischen Gesellschaft. Eine der derzeit wichtigsten Fragen ist, wann das endlich weit genug sickert, um einen echten Konsens für wirksame Klimamaßnahmen zu finden. Bis dahin tanzen wir mit geschlossenen Augen auf einem Vulkan.
Hitze ist teuer. Die Volkswirtschaft verliert, weil Menschen krank werden und behandelt werden müssen und weil sie weniger oder schlechter arbeiten. Weil Ernten ausbleiben und Flüsse austrocknen, die man als Transportwege braucht. Weil Straßen neu geteert werden müssen und Klimaanlagen Strom fressen. Hinzu kommen Überschwemmungen, Waldbrände und Hagelstürme, wegen der die Amerikaner inzwischen nicht mehr nur von global warming, sondern von global weirding sprechen, weil die Wetterphänomene immer seltsamer werden. Nach jedem Desaster muss man aufräumen. Das kostet. Selbst wenn die CO₂-Emissionen von heute an drastisch gesenkt würden, schrumpft die Weltwirtschaft wegen des Klimawandels bis 2050 um fast ein Fünftel, so besagt es eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Die volkswirtschaftlichen Schäden des Klimawandels: gigantische 38 000 000 000 000 Dollar. Pro Jahr wohlgemerkt. Damit sind diese sechsmal höher als die Kosten, die anfallen, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.
Zu den Aufgaben von verantwortungsbewussten Politikern zählt auch, das all den Menschen zu erklären, die sich vor höheren Stromrechnungen fürchten und künftigen Generationen keine überbordenden Staatsschulden hinterlassen wollen. Wer vor den Populisten einknickt, unterschätzt die Intelligenz der Wählerinnen und Wähler, die durchaus in der Lage sind, einen ökonomischen Fakt zu verstehen: Schulden, die man macht, um die Welt zu retten, sind sehr viel sinnvoller als Schulden, die man machen muss, um nach dem nächsten Klimadesaster aufzuräumen.
Es reicht.

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Rechtspopulismus
Die wirksamste Strategie gegen Rechtspopulismus besteht aus einer Kombination von lösungsorientierter Politik, direkter inhaltlicher Auseinandersetzung und zivilgesellschaftlichem Engagement.
• Sorgen ernst nehmen, aber nicht die Rhetorik kopieren: Etablierte Parteien sollten reale gesellschaftliche Probleme (etwa in der Wirtschafts-, Gesundheits- oder Migrationspolitik) lösen, anstatt rechtspopulistische Narrative und Begrifflichkeiten zu übernehmen. Die Übernahme der Argumentationsmuster stärkt das Original meist nur.
• Inhaltliche Entlarvung: Im direkten Gespräch geht es darum, populistische Vereinfachungen zu durchschauen und die Widersprüche in ihren Argumenten aufzuzeigen. Dabei hilft es, den Fokus auf Fakten zu legen und gleichzeitig die dahinterliegenden Emotionen (wie z. B. Abstiegs- oder Zukunftsängste) anzuerkennen.
• Klare demokratische Grenzen ziehen: Demokratische Akteure müssen sich klar von rechtspopulistischen Akteuren abgrenzen. Die Brandmauer zu extremen Positionen gilt als wichtiges Instrument, um zu verhindern, dass deren Weltbilder salonfähig werden.
• Stärkung der Zivilgesellschaft: Zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich für Toleranz, Vielfalt und den demokratischen Diskurs einsetzen, sind ein zentrales Bollwerk.
Ein programmatisches Nachahmen anderer Parteien hat sich als Strategie nicht bewährt. Die Wähler bleiben nicht nur eher beim authentischen „Original“, vielmehr verleiht die Übernahme rechter Positionen deren Ideologie den Anschein der Normalität. Ebenso ist ungewiss, ob sich rechtspopulistische Parteien selbst entlarven oder entzaubern, sobald sie an die Macht kommen und in politischer Verantwortung stehen. Denn selbst wenn dies langfristig der Fall sein sollte, etwa weil sie keine tragfähigen Konzepte und Lösungen für die Herausforderungen dieser Zeit anzubieten haben, können sie bis dahin erhebliches Unheil anrichten. Etwa durch Aktivitäten, die schleichend Rechtsstaat und Demokratie aushöhlen könnten. Dass unsere Institutionen an einigen Stellen vor solchen Gefahren nicht sonderlich gut geschützt sind, zeigt die Diskussion um mehr Schutz für das Bundesverfassungsgericht (BVerfG). Zentrale Regelungen wie die Wahl von Richter:innen mit Zweidrittelmehrheit sollen demnach nicht mehr in dem mit einfacher Mehrheit zu ändernden Gesetz über das Bundesverfassungsgericht (BVerfGG) festgehalten, sondern in das nur mit Zweidrittelmehrheit veränderbare Grundgesetz (GG) aufgenommen werden. Solche Herausforderungen stellen sich aber nicht nur auf Bundesebene.
Zwar stehen der wehrhaften Demokratie rechtsstaatliche Mittel im Kampf gegen Verfassungsfeinde zur Verfügung, die nur dann wirken können, wenn sie auch eingesetzt werden oder ihr Einsatz zumindest in Erwägung gezogen wird.
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Die Medien, das Netz und die Verantwortung
Diese Klärung ist absolut notwendig. Der Justiz, den Medien und auch der Öffentlichkeit in den Netzen fällt eine ungeheure Macht zu. Jedoch, sind sie sich dieser Macht bewusst und gehen sie damit verantwortungsvoll um? Ich habe da meine Zweifel.
Medien fällt eine ungeheure Macht zu. Jedoch, sind sie sich dieser Macht bewusst und gehen sie damit verantwortungsvoll um? Ich bezweifle das, denn Journalisten behaupten zumeist, sie hätten keine Macht, und sie behaupten, ihre Berichterstattung würde erst nach einem Ereignis stattfinden. Wird über Volkes Meinung geschrieben, dann sei die Volksmeinung bereits vorhanden. Die Medien haben mehr Macht und Einfluss denn je, sie sind allgegenwärtig. Ich meine: Aus diesen Gründen haben die Medien auch eine verdammt große Verantwortung für den Zustand der Gesellschaft und die politische Kultur unserer Demokratie.
Wie aber soll diese Verantwortung wahrgenommen werden, angesichts einer Beschleunigung medialer Botschaften, bei der die Vermittlung - insbesondere von Politik - beliebig und gleichgültig erscheint? Im Wettlauf der Medien um die Sensation bleiben Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Selbstverantwortung auf der Strecke. Natürlich ist dieses Handwerk nicht einfach. Die, über die sie berichten, pflegen ihre Taten positiv zu überhöhen oder Negatives wird verniedlicht. Medien und die Netze haben Macht und oft genießen sie den spielerischen Umgang mit ihr. Prominente Politiker, Sportler, Unternehmer, Künstler haben es nicht leicht. Verstoßen sie gegen Normen oder allfällige Erwartungen, steht mehr als ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Heute sind Medien neuzeitliche Pranger. Im Mittelalter wurden Menschen noch auf dem Marktplatz am Pranger ausgestellt. Heute wird derjenige, der sich fehl verhält, gefilmt, fotografiert, herabgewürdigt, beschimpft, verurteilt, bevor seine Schuld überhaupt festgestellt wurde. Das Vor-Urteil ist eine scharfe Waffe. „Die Demokratie missrät zur Telekratie mit beklatschten Vorurteilen.“ Der Journalist und Publizist Peter Boenisch wusste genau, was er da beschrieb. Die Medien in der Telekratie kennen kein »in dubio pro reo«. Vorverurteilungen finden fast täglich statt. Man kann zu der Einschätzung gelangen: dass die Medienmoral sich immer mehr auf Stigmatisieren reduziert. Immer wieder erleben wir, dass Journalisten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, durchaus nach eigenem Gutdünken einen Sachverhalt pointiert darstellen oder Wichtiges verschweigen können. Für die daraus entstehende Volksmeinung fühlen viele Medienvertreter sich scheinbar nicht verantwortlich. Allen Ernstes behaupten sie, Volkes Meinung nur wieder gegeben, nicht erzeugt zu haben. Da entsteht dann der Eindruck, dass viele Medien dem altrömischem Grundsatz »panem et circenses« anzuhängen scheinen. Sie bieten oft die gleiche Art der Unterhaltung wie öffentliche Hinrichtungen.
Na sicher, ein großer Teil der politischen Klasse und Medienvertreter/innen haben ja auch diesen Weg geebnet: Getreten wird da zum Beispiel die Würde eines Menschen als er schon am Boden liegt und was das bei Familie und Angehörigen auslöst, interessiert nicht. Neid ist immer noch ein Treibriemen, mit dem man sich abreagieren kann. Zumal, wenn er unbegründet ist.
Es stimmte vieles nicht an der veröffentlichten Diskussion, etwa in der Causa Wulff. Wer wollte sich nur einen Augenblick lang vorstellen, die veröffentlichte Meinung sei Folge schlechter Recherche und nichts weiter als der Transport von Mutmaßungen, Meinungen usw.? Ganz ehrlich: Nur sehr wenige und ihnen wollte man nicht zuhören. Viele Nachrichten, sind nichts anderes als Berichte über Fehlverhalten und seine Folgen. Immer noch erregen Verbrechen und abweichende Verhaltensweisen soviel Aufmerksamkeit. Weshalb man durchaus nachvollziehen kann, wenn ein Betroffener wie etwa der frühere Bundespräsident Wulff zu verhindern versucht, öffentlich zur Schau gestellt zu werden. Wenn es den Medien passt, dann werden sogar Meldungen bar jeglichen Wahrheitsgehaltes erfunden. Dafür gibt es viele Beispiele. Auch im Netz der empörten Bürger.
Das war wieder einmal Stoff für Blutrichter oder diente dem Ausgleich von Wunden, die der eine oder andere irgendwann einmal erlitten hatte. Es ist leicht, aus der Deckung heraus Empörung zu schüren. Es ist auch leicht, ins Horn zu blasen. Frage: Wann muss ein Journalist verantworten, was er mit seinen Artikeln auslöst? Damit leben müssen nur die öffentlich Angeprangerten. Manche legen halt Maßstäbe an wie ein Gewehr, nicht wahr? Sich dagegen wehren zu wollen, ist fast aussichtslos.
Umgekehrt gilt: Was die Medien oder das Netz nicht veröffentlichen, existiert nicht. Das Interessante daran ist, dass die Selbstzensur der Presse sehr stark von dem lebt, was sie nicht berichtet. Die Medien und ihre Journalisten sind »gatekeeper«, also Menschen, die darüber befinden, was der Öffentlichkeit vorenthalten oder ihr bekannt gegeben wird. Da dies alle tun und eine unbewusste Gleichschaltung zwischen Journalisten existiert, entsteht beim Leser eine Bestätigung: »Wenn es alle schreiben, muss es stimmen. « Ist das so abwegig? Ein Beleg für die Nicht-Berichterstattung ist zu prüfen, ob Spiegel oder Bild, Süddeutsche oder die Zeit, oder der Stern, in den letzten Jahren es gewagt haben, unser demokratisches System ernsthaft in Frage zu stellen.
So wie es die Ethik des Arztes gibt, Patienten auf die Risiken der Behandlung hinzuweisen, gibt es ja auch eine Ethik des Journalismus. Eine Ethik des Netzes fehlt immer noch. Nur zur Erinnerung: Die einschlägigen Standards sind
die Verpflichtung zur Wahrheit,
die Sorgfaltspflicht,
das Fairnessgebot,
die Achtung des Privatlebens und der Persönlichkeitsrechte,
Um nur einige zu nennen. Gilt diese Verantwortungsethik nicht mehr? Das wäre sehr schade. Könnten wir doch für unser Zusammenleben Vieles davon übernehmen bzw. bestätigen.
Wer sich in den digitalen Ozean der Homepages, Tweets, Blogs und Posts begibt, ist überwältigt von dem Maß an Selbstentblößung, das er dort findet. Die Bereitschaft dazu gerät deutlich größer, je jünger die Teilnehmer sind. Das hat nichts mit nachlassender Scham zu tun. Die ältere Generation tut sich bloß schwerer im Umgang mit Rechner, Tablet und Smartphone als die Jüngeren, die mit der Digitalisierung groß geworden sind.
Die allgemeine Mitteilsamkeit scheint freiwillig, ist es aber nicht. Es existiert ein Zwang zur Anpassung: durch die Gruppe und das Milieu, in dem sich der Einzelne bewegt, und der, wenn er sich verweigert, seine sozialen Isolation riskiert, was er schon aus Karrieregründen fürchten muss.
Die Transparenz der sozialen Netzwerke betrifft weniger die Staatsmacht als das individuelle Leben. Die Privatheit, eine der großen Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters, wird durch das Netz demontiert. Selbst die Intimsphäre wird ständig verletzt: durch die Verletzten selber.
Na klar, das moralische Gewissen hat nichts mit Gewissen zu tun. Man muss zwischen Schuldgefühl und objektiver Schuld unterscheiden. Schuldig werden wir nur, wenn wir entweder unser Gewissen nicht ausgebildet haben, das uns zureichende Möglichkeiten an die Hand gibt, zu entscheiden, ob etwas sittlich gut oder schlecht ist. Oder wenn wir entscheiden, uns für das sittlich Schlechte entscheiden. Da wir uns nicht vor jeder Handlung diese Frage stellen können, gibt es für bestimmte Handlungstypen Regeln. Das sind die Tugenden. Tugenden sind eine Institution, die es uns erspart, vor jeder Handlung neu die Frage nach der sittlichen Qualität der Handlung stellen zu müssen. Tugend ist definiert als habitus operativus bonus, also als eine auf Handlungen eingerichtete Grundeinstellung zum sittlich Guten hin. Sie ersetzt den Gewissensentscheid, da ein habitus dahinter steckt, kein actus. Es ersetzt bei vielen Handlungen die Mühsal des jeweiligen Beurteilens über die ethische Qualität. Das Gegenteil ist das Laster. Es gibt Mängel, das Gewissen auszubilden: Zum einen ist das die Gesinnungsethik. Dem Manager reicht die gute Absicht. Zum anderen ist das die Ergebnisethik. Die Absichten waren ziemlich mies, nur ist leider das Ergebnis ein sehr gutes.
„Das Fernsehen hat ein einziges Interesse, die Quote“, meinte Roger Willemsen einmal.“ Die Menschenwürde ist nachgeordnet“. Sind Menschen für die Medien nichts anderes als Markenartikel? Kann das sein? Ganz ehrlich, die Bigotterie der Medien ist doch nichts anderes ist als die Bigotterie des Publikums. Willemsens Fazit: Sie ist nur das Resultat der Bigotterie des Publikums. Ich denke, dass es grundfalsch ist, den Grund für die Unredlichkeit der Medien beim Publikum anzusiedeln. Nicht wenigen Journalisten reicht ihr guter Wille oder ihre Empörung. In der Sache machen sie sich nicht kundig. So verkennen sie, dass das Elend in der Welt unter anderem eine leider unsägliche schlimme Mischung von gutem Willen und Inkompetenz ist.
Hannah Arendt hat uns daran erinnert, dass es in der Moral um das Individuum in seiner Einzigartigkeit geht. Auf einem Pfad gemeinsamer Unsicherheit ethisch zu handeln, ist allemal wichtiger, als endlose dogmatische Kämpfe um vermeintlich endgültige Wahrheiten zu führen.
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Uns Deutschen fehlt eine Vertrauenskultur.
Eine neue Regierung ist noch nicht im Amt und schon setzt die Häme ein. Mal ehrlich, wem soll das nutzen?
Kreativität soll eine Fähigkeit sein, über die alle Menschen irgendwie verfügen. Dasselbe sagt man auch über Musikalität, doch kennt jeder musikalische und halt auch weniger musikalische Mitmenschen. In Staat und Unternehmen fehlen oft kreative Impulse und man wünscht sich die erneuernde Kraft von Kreativen. Doch schon sich und andere ehrlich zu fragen, wer da was beizutragen hat, scheint nicht so einfach zu sein. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man das Thema ohne Tabus angehen könnte. Und mit Vertrauen.
Angst ist ein entscheidender Gegenspieler von Kreativität, Vertrauen ein »Gegenmittel«. Einerseits Vertrauen, bei anderen Menschen Hilfe, Beistand und Unterstützung finden zu können. Andererseits die Zuversicht, dass neue Lösungen möglich sind. Vertrauen und Zuversicht sind gestört, wenn Menschen nicht auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen können. Positive Erfahrungen mental zu aktivieren oder wiederholt erleben lassen zu können, wären dann überzeugende Schritte, die »Sicherheitslösungen« zugunsten kreativer Versuche zurückstellen lassen. Für positive Erfahrungen werden meist andere Menschen und deren hilfreiche Resonanzen gebraucht. Kreative Kultur holt dafür hilfreiche Verhaltensweisen in den Vordergrund und vernetzt sie miteinander.
Angst sollte nicht nur als zu beseitigendes Hemmnis angesehen werden. Angst kann z.B. auch als Folgeerscheinung negativer Erfahrungen oder verpasster Lernvorgänge auftreten. Dann ist Angst nicht die Ursache, sondern steht für fehlendes Erkennen und Beantworten neuer Herausforderungen. In unseren bundesdeutschen durch Komfort abgeschotteten Gesellschaftsbereichen scheint Entwicklungsdruck immer noch zu wenig wahrgenommen zu werden. Entwicklungen werden verschleppt, auch weil die wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Folgen zu lange ausgeblendet und verschoben werden können, bis sie endlich und dann in erschreckenden Dimensionen zu Tage treten. Viele Verantwortliche (auch in den Medien) haben lange den Kopf in den Sand gesteckt, um dann mit harten Maßnahmen eher Angst zu erzeugen als Wege in neue Kreativität zu weisen. Auch hier paradoxe Anforderungen: einerseits Menschen wecken, notfalls mit Schocks, andererseits sie nicht durch Angst lähmen und in irrationale Rückwärtsgewandtheit treiben.
Die Natur ist der beste Lehrmeister. Das weiß man in den Naturwissenschaften schon lange. Die Bionik imitiert die Natur und bringt Lösungen hervor, wie sie der klügste Ingenieur nicht besser entwickeln hätte können. Auch in der Wirtschaft lohnt sich ein Blick auf die Managementprinzipien der Natur. Einstein ermahnte uns sehr treffend, dass es die reinste Form des Wahnsinns wäre, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert. Wenn wir zukünftig Krisen vermeiden wollen, werden wir unser Denken und Handeln in Bezug auf Wirtschaft grundsätzlich umstellen müssen. Die Natur hat sich in den zwei Milliarden Jahren ihres Wirtschaftens zwangsweise mit der Begrenztheit unserer Heimatwelt arrangieren müssen. Deshalb erscheint es naheliegend, nachhaltiges Wirtschaften an den (Wirtschafts-) Prinzipien der Natur auszurichten. Es ist alternativlos, auch unsere Wirtschaft an die Begrenztheit unseres Ökosystems anzupassen. Die Natur ist Meister der Anpassung.
Innovation findet in ihr auf verschiedenen Ebenen statt: durch Mutation, Selektion und Kooperation. So paradox es klingt: Selbst der Tod ist eine wichtige Komponente des Überlebens. Durch immer neue Generationen werden die aufzubauenden Strukturen immer wieder den gerade herrschenden Umgebungsbedingungen bestmöglich angepasst. Natürlich erfordert dies regelmäßig auch Wachstum. Aber es gibt genauso Schrumpfungsprozesse. Zyklen und Veränderungen sind die Regel. Um langfristig zu überleben ist es offensichtlich wichtiger, die Mechanismen der Anpassung zu optimieren, statt sich auf eine Maximierung von Umsätzen oder Marktanteilen zu konzentrieren.
Der Mensch ist ein Herdentier, zwar Egoist, aber sehr auf andere angewiesen, praktisch und seelisch. Vertrauen zu fassen, muss immer, will man es so sagen, einen Versuch wert sein. Der kann gelingen oder nicht; blickt man auf Umfragen, zeigt sich, dass das Vertrauen ins Gemeinwesen, also in die Politik, heute größer und morgen kleiner ist, oft mit beträchtlichen, auch sehr kurzfristigen Schwankungen.
Ohne Vertrauen kann keine Gesellschaft in Freiheit überleben.
Um eine Masse zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, reichen nach Einschätzung einiger Experten häufig schon zehn Prozent der Akteure aus. Dieses Wissen ist ermutigend und sollte all jenen Ansporn sein, die es als ihre moralische Verpflichtung ansehen, durch ihr Verhalten unsere Welt für alle Mitglieder unserer Spezies lebenswert zu gestalten und unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Sollten sie sich dabei manchmal recht einsam vorkommen, dann lassen Sie sich derweil durch die Wort Mark Twains trösten: Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat.