AktivistA 2021 - die Konferenz-RĂŒckschau, Teil 2
Literatur-Vorgeschmack
Nach der Essenspause gab es einen kleinen literarischen Teil. Ich stellte kurz ein Projekt von DasTenna und mir vor. FĂŒr die Ace Week Ende Oktober ist eine Sammlung Kurzgeschichten als E-Buch und Print geplant. âBeweisstĂŒck A. Eine a_sexuelle Anthologieâ soll das Buch heiĂen. Die Erlöse gehen an 100 % Mensch. Warum ausgerechnet die? Holger Edmaier und sein Team hatten AsexualitĂ€t schon auf dem Schirm, als wir noch gar nicht wussten, dass es diese Organisation gibt.
Danach wurde es intersektional: Aus Göttingen war Jessica von Bi+ Göttingen angereist.
Von Bi+enchen und Eulchen/Asexu-Owls im Queeren Beet: A- & Bisexuelle Spektren im Visier
ZunÀchst fand eine BegriffsklÀrung statt. Was bedeutet BisexualitÀt?
Hier zitierte Jessica Robyn Ochs: âI call myself bisexual because I acknowledge that I have in myself the potential to be attracted â romantically and/or sexually â to people of more than one gender, not necessarily at the same time, not necessarily in the same way, and not necessarily to the same degree.â â Ich beschreibe mich als bisexuell, weil ich anerkenne, dass ich in mir das Potential habe, romantisch und/oder sexuell zu Menschen mehr als eines Geschlechts hingezogen zu sein. Dies muss nicht notwendigerweise zur gleichen Zeit, nicht notwendigerweise auf die gleiche Art und nicht notwendigerweise zum gleichen Grad stattfinden.â (Ăbersetzung von Carmilla.)
Und was macht dann das Pluszeichen hinter dem Bi?
Neben âBisexualitĂ€tâ sind einige andere Begriffe im Umlauf, die von der Gender-BinaritĂ€t wegfĂŒhren, die das Wort âBisexuellâ seit seiner Erfindung mit herumschleppt.
Pansexuell meint Anziehung unabhÀngig vom Geschlecht.
Omnisexuell meint Anziehung zu allen Geschlechtern.
Polysexuell meint Anziehung zu mehreren, aber nicht allen Geschlechtern.
Das AIB-Modell
Manchmal benutzen Menschen eine Selbstbeschreibung, die nicht vollstĂ€ndig zu ihrem gerade sichtbaren Verhalten passt. So ist eine bisexuelle Frau, die mit einem Mann in einer monogamen Beziehung lebt, immer noch bisexuell. Oder es gibt Menschen, die gelegentlich mit Menschen Sex haben, die nicht zu ihrer Selbstbeschreibung als homo- oder heterosexuell passen, die sich aber nicht als bisexuell beschreiben wĂŒrden. Oder Aroaces, die in einer von auĂen als romantisch gelesenen Partnerschaft leben. Und so weiter.
Nach dem AIB-Modell werden drei Aspekte betrachtet: A (Attraction, Anziehung) â I (Identity, IdentitĂ€t) â B (Behavior, Verhalten).
Somit lĂ€sst eine Selbstbeschreibung (IdentitĂ€t) niemals RĂŒckschlĂŒsse auf exakte Anziehungen oder auf das Verhalten zu. NatĂŒrlich verpflichtet auch eine Selbstbeschreibung nicht zu einem gewissen Verhalten. Und ein bestimmtes Verhalten lĂ€sst weder RĂŒckschlĂŒsse auf eine Selbstbeschreibung zu, noch verpflichtet es zu einer vorgeblich besser passenden Selbstbeschreibung.
Vorurteile und Ursachen?
Es folgte ein kleines Quiz. Wir bekamen ein Blatt mit acht Vorurteilen und sollten raten, ob die eher zum bi+ oder zum asexuellen Spektrum gehörten. Das Ganze war natĂŒrlich eine Falle, denn alle genannten EinwĂ€nde waren sowohl in bi+ als auch in ace Bullshit-Bingos zu finden.
Woran liegt es, dass uns als vermeintliche âsexuelle Gegenteileâ so viel gleiche SprĂŒche treffen?
Zum einen ist weder das bi+ noch das ace Spektrum eindeutig mit einem Bild zu symbolisieren. Wir können nicht einfach zwei dieser typischen Toilettenschild-Schattenrisse mit oder ohne Rock nebeneinander montieren, um auf unser Paarbildungsverhalten hinzuweisen.
Jessica vermutet, dass âSpektrenâ auch insgesamt mit âschlecht entscheidungsfĂ€higâ gleichgesetzt werden. Der deutsche Drang zu eindeutigen Kategorien scheint uns auĂerdem noch zusĂ€tzliche Steine in den Weg zu legen, die beispielsweise in den USA seltener wahrgenommen werden.
Eine âWeigerung, sich (fĂŒr eine Schublade) zu entscheidenâ lĂ€sst sich zu âlabil, schlechter Charakter, unfertigâ steigern. Eine solche Person gilt dann auch als beziehungsunfĂ€hig.
Gerade auch Menschen im bi+ Spektrum werden zudem als unersĂ€ttlich oder ĂŒbersexualisiert wahrgenommen. (Ich verweise auf Mc Innis und Hodson, 2012. Nach dieser Studie werden bi- und asexuelle Menschen tendenziell eher dehumanisiert als hetero- und homosexuelle Menschen.)
âUnfertigkeitâ ist natĂŒrlich ein Vorurteil, das auch Betroffene verinnerlichen, sodass sich sowohl ace als auch bi+ Menschen sehr hĂ€ufig selbst hinterfragen.
Zuletzt werden beide Spektren innerhalb der lesbischen und schwulen Communities oft als ânicht queer (genug)â wahrgenommen. Bi+ Menschen und Aces könnten als âstraightâ/hetero durchgehen und hĂ€tten deshalb weniger Schwierigkeiten.
Somit haben das B und das A sowohl von innerhalb als auch von auĂerhalb der queeren Buchstabensuppe Ă€hnliche Vorurteile auszuhalten. Permanent werden Zweifel an sie herangetragen.
VerbĂŒndete suchen
Gegen diese Wucht von Schwierigkeiten hilft nur, sich zusammenzuschlieĂen. Zum einen natĂŒrlich innerhalb der eigenen âBuchstabenâ. Der Austausch untereinander fördert das Selbstbewusstsein und die Gewissheit, dass die Zweifel System haben. âIhr seid nicht alleinâ ist hier die wichtigste Botschaft.
Zum anderen können sich Gruppen unterschiedlicher Buchstaben miteinander vernetzen. Wir können uns gegenseitig als Allys unterstĂŒtzen. Wie mit diesem Vortrag geschehen und in Stuttgart dank einer Anfrage von StuBi 2017 schon lĂ€nger praktiziert.
Bi+ Göttingen bietet ĂŒbrigens auch einen Vortrag zum Thema âAllyshipâ (VerbĂŒndetenschaft) an. Ihr findet die Gruppe unter anderem auf Facebook und bei Instagram.
Ausklang ...
Am Samstag haben es einige Menschen bis 23 Uhr ausgehalten, und auch am Sonntag wurde der Raum zum GesprÀch rege genutzt.














