Donnerstag / 14. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Leiden und Gesellschaft â Psychoanalyse in der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule
Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / UniversitÀt Halle
Vortrag und Diskussion mit Frank Schumann (Berlin)
Jede Gesellschaftskritik stellt wenigstens implizit die These auf, dass Menschen in irgendeiner Weise unter den kritisierten Bedingungen leiden. Das hat zwei naheliegende GrĂŒnde. Denn nur wenn die kritisierten Bedingungen fĂŒr die betroffenen Menschen selbst in irgendeiner (auch unbewussten) Weise mit Leid verbunden sind, sind Kritik und VerĂ€nderung notwendig. Und möglicherweise lĂ€sst sich in den gesellschaftstypischen Mustern des Leidens auch ein Indiz dafĂŒr entnehmen, in welche Richtung eine VerĂ€nderung zu gehen habe. Gesellschaftskritik kann sich also mit dem Verweis auf gesellschaftstypische Leidenserfahrungen erstens selbst als Kritik legitimieren und zweitens zugleich ihre inhaltlichen Aussagen und Forderungen rechtfertigen.
Aber auch wenn es fĂŒr eine Kritik notwendig ist, im Leiden der Menschen ein StĂŒck Gesellschaft zu rekonstruieren, ist das VerhĂ€ltnis von Leiden und Gesellschaft alles andere als leicht zu bestimmen. LeidphĂ€nomene, wie etwa psychische Symptome, sind etwas, das in die konkrete Biografie eingebunden ist und das in seiner Dynamik nur vor dem individuellen Lebenshorizont verstanden werden kann. Dagegen ist eine Gesellschaftstheorie und -kritik notwendig abstrakt und lĂ€uft daher Gefahr, ĂŒber diese Eigendynamik hinwegzugleiten. Der Vortrag nĂ€hert sich dem Problem vor dem Hintergrund der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule und versucht dabei nachzuzeichnen, wie das VerhĂ€ltnis zwischen Leiden und Gesellschaft von den jeweiligen Theoretikern gefasst wurde â und welche unklaren Punkte und offene Fragen dabei geblieben sind.
Frank Schumann promovierte in Jena bei Hartmut Rosa und ist Postdoc an der International Psychoanalytic University in Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Sozial- und Gesellschaftstheorie, Sozialphilosophie, psychoanalytischen Subjekttheorie und der sozialpsychologischen Einstellungsforschung. Veröffentlichung: Leiden und Gesellschaft. Psychoanalyse in der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule (Transcipt 2018).
Freitag / 22. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Make Love, Donât Gender! Möglichkeiten und Grenzen von HeteronormativitĂ€tskritik in cis-/heterosexuellen Paarbeziehungen
Hörsaal I / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / UniversitÀt Halle
Vortrag und Diskussion mit Ann-Madeleine Tietge (Bremen)
Basierend auf den Ergebnissen ihrer Dissertation wird Ann-Madeleine Tietge zeigen, dass der heteronormativitĂ€tskritische Versuch, Geschlecht in einer cis/heterosexuellen Liebesbeziehung zu dekonstruieren, nicht unbedingt an den Vorstellungen âdominanter Mackerâ und âabhĂ€ngige Hausfrauâ scheitert. Vielmehr re-inszeniert sich hier eine Mutter-Sohn-Konstellation zwischen Partnerin und Partner, was die Referentin auf dem Hintergrund psychoanalytischer Sozialpsychologie und konstruktivistischer Geschlechtertheorie deutet. Die mĂ€nnlich sozialisierten Partner geraten hĂ€ufig in eine kindliche/adoleszente Position, welche von undifferenzierten Fernweh- und Autonomiestrebungen und ĂŒbermĂ€Ăigen Selbstverwirklichungstendenzen gekennzeichnet ist. Ihre Partnerinnen, welche sich meist mehr VerantwortungsĂŒbernahme ihrer Partner wĂŒnschen, reagieren auf diese Position mit mĂŒtterlichen Erziehungsversuchen, welche jedoch die Kindlichkeit ihrer Partner zu zementieren scheint.
Tietge plĂ€diert fĂŒr eine neue Schwerpunktsetzung in der feministischen Kritik des Privaten. Eine âReduzierungâ des Maskulinen hin zur Figur des âkleinen Jungenâ kann genauso wenig wie eine rein Ă€sthetische Femininisierung ausreichen, um Geschlecht (und damit MachtverhĂ€ltnisse) in Beziehungen zu destabilisieren. Stattdessen gilt es fĂŒr Cis-MĂ€nner, mĂŒtterlich konnotierte Sozialisationsaspekte zu ĂŒbernehmen, also Femininisierung auch auf Ebene der emotionalen FĂŒrsorge zu erreichen.
Ann-Madeleine Tietge hat Psychologie an der UniversitĂ€t Bremen und der Universitat de ValĂšncia studiert. Ihre kĂŒrzlich abgeschlossene Promotion an der Leibniz UniversitĂ€t Hannover untersucht die unbewusste Reproduktion von MĂ€nnlichkeit in heterosexuellen Paarbeziehungen. Schwerpunkte ihrer Arbeit und Forschung umfassen psychoanalytische Sozialpsychologie, Geschlechterforschung/Queer Theory und qualitative Methoden (insbesondere Lorenzers Tiefenhermeneutik). Zur Zeit arbeitet sie in einer Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt und befindet sich in Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin (DGPT) am Psychoanalytischen Institut Bremen e.V. Aktuelle Veröffentlichung: Tietge, A.-M. (2018). The Mamis and the Puppies â Möglichkeiten und Grenzen von HeteronormativitĂ€tskritik in heterosexuell definierten Paarbeziehungen. In Ch. Busch, B. Dobben, M. Rudel und T.D. Uhlig (Hrsg.). Der Riss durchs Geschlecht. Feministische BeitrĂ€ge zur Psychoanalyse. GieĂen: Psychosozial.
Dienstag / 3. Juli 2018 / 19.00 Uhr / Machtlust. Psychoanalyse und Kapitalismuskritik
Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / UniversitÀt Halle
Vortrag und Diskussion mit Samo TomĆĄiÄ (Berlin)
Wenn eine gesellschaftskritische Ausrichtung die Psychoanalyse kennzeichnet, dann ist es die Aufdeckung dessen, was Freud das »Unbehagen in der Kultur« nannte. Damit direkt verbunden ist die Aufdeckung der libidinösen Ausbeutung bzw. der libidinösen Verankerung der MachtverhĂ€ltnisse. Diese Einsichten Freuds wurden einerseits von der Kritischen Theorie aufgegriffen und fanden andererseits in Jacques Lacans »RĂŒckkehr zu Freud« wichtige psychoanalytische Weiterentwicklungen. Ausgehend von der Lustproblematik wird sich der Vortrag der andauernden AktualitĂ€t der freudo-lacanschen Psychoanalyse widmen. Wieso braucht die Kritik der politischen Ăkonomie psychoanalytische Grundbegriffe (Trieb, Unbewusstes, Ăbertragung)? Wie mischt sich Lust ĂŒberhaupt in die Reproduktion der kapitalistischen MachtverhĂ€ltnisse ein? Und schlieĂlich: Was kann uns die Psychoanalyse ĂŒber den Aufstieg des sogenannten Neopopulismus sagen?
Samo TomĆĄiÄ promovierte in Philosophie an der UniversitĂ€t Ljubljana, Slowenien, und ist seit 2011 an der Humboldt UniversitĂ€t zu Berlin tĂ€tig. Seine Forschungsbereiche umfassen französische Philosophie, deutschen Idealismus, Epistemologie, Psychoanalyse und Sprachphilosophie. Letzte Veröffentlichungen: The Capitalist Unconscious. Marx and Lacan (Verso, 2015) und Psychoanalysis: Topological Perspectives (Hg. mit Michael Friedman, Transcript, 2016).
Sonnabend / 7. Juli 2018 / Workshop: Psychoanalyse und Gesellschaftskritik
10 â 17 Uhr / Studierendenrat der Martin-Luther-UniversitĂ€t Halle-Wittenberg / UniversitĂ€tsplatz 7 / Halle (Saale)
Die kritische Theorie sprach sich immer fĂŒr eine psychoanalytische Erweiterung der Marxschen Gesellschaftskritik aus. Anders sei es nicht zu verstehen, dass die Menschen sich selbst und Anderen weiter eine UnterdrĂŒckung aufzwingen, die beim heutigen Stand der ProduktivkrĂ€fte nicht mehr notwendig wĂ€re, statt in Opposition zur bestehenden Gesellschaft vernĂŒnftig ihre BedĂŒrfnisse zu vertreten. Dieser IrrationalitĂ€t spĂŒrt die Psychoanalyse nach. Obwohl die Psychoanalyse folglich ein zentraler Bestandteil der Frankfurter Gesellschaftskritik ist, sieht Adorno auch einen objektiven Grund fĂŒr die disziplinĂ€re Trennung zwischen Soziologie und Psychologie. Dieser liege darin, dass die gesamtgesellschaftlichen Prozesse und die beteiligten Einzelnen soweit von einander entfremdet seien, dass sie sich nicht mit den gleichen Begriffen beschreiben lieĂen. Die theoretische Vereinheitlichung der beiden Disziplinen unterstelle somit einen Zustand schon als gegeben, der sich nur als Utopie formulieren lieĂe. In welcher Interaktion die Individualpsyche und Gesellschaft trotz ihrer EigenstĂ€ndigkeit stehen und wie sich die psychoanalytische und gesellschaftskritische Perspektive ergĂ€nzen und auch widersprechen, wollen wir anhand der gemeinsamen LektĂŒre des Textes âZum VerhĂ€ltnis von Soziologie und Psychologieâ von Adorno mit euch diskutieren.
Wir bitten um Anmeldung unter gruppe.aufgetaucht (at) web.de.
Sonnabend / 14. Juli 2018 / Workshop: Kritik der psychoanalytischen Praxis
10 â 15 Uhr | Studierendenrat der Martin-Luther-UniversitĂ€t Halle-Wittenberg | UniversitĂ€tsplatz 7 | Halle (Saale)
Nachdem wir uns in unserem ersten Workshop mit dem VerhĂ€ltnis von Psychoanalyse und Gesellschaftskritik â konkret mit dem VerhĂ€ltnis von Soziologie und Psychologie bei Adorno beschĂ€ftigt haben und der Frage nachgegangen sind, wie sich beide notwendigerweise ergĂ€nzen (sollten) und doch klar von einander zu trennen sind, wollen wir uns im zweiten Workshop eingehender mit Adornos Kritik an der psychoanalytischen Praxis auseinander setzen. Was wir heute eigentlich an der Verhaltenstherapie kritisieren, der Psychoanalyse aber gerade absprechen wĂŒrden â die Anpassung an die VerhĂ€ltnisse â sah Adorno auch in der Anwendung der Psychoanalyse bestĂ€tigt. Psychotherapie negiere die gesellschaftliche ObjektivitĂ€t am Leiden der Einzelnen, Kritik werde psychologisiert, Psychotherapie sei âobjektiv unwahrâ: âIndem der Geheilte dem irren Ganzen sich anĂ€hnelt, wird er erst recht krank, ohne daĂ doch der, dem die Heilkur miĂlingt, darum gesĂŒnder wĂ€re.â (S. 57). Mit und ohne Psychotherapie geht es den Leuten also schlecht. Eine vermeintlich gesunde, âgut integrierte Persönlichkeitâ mute dem Individuum eine âBalance der KrĂ€fteâ zu, die real nicht existiere. âMan lehrt den Einzelnen die objektiven Konflikte vergessen, die in jedem notwendig sich wiederholen, anstatt ihm zu helfenâ (S. 65). Wie die These Freuds âWo Es war, soll Ich werden.â unterschiedlich verstanden werden kann und ob sie â wie Adorno suggeriert â lediglich auf eine falsche Befriedung mit den VerhĂ€ltnissen hinaus lĂ€uft oder doch gerade den Einzelnen erst in die Lage versetzt, die Quelle seines Leidens zu erkennen und sich dazu zu verhalten, wollen wir uns an Hand des zweiten Teils (ab S. 60) des selben Aufsatzes durch gemeinsame LektĂŒre und Diskussion erarbeiten.
Wir bitten um Anmeldung unter gruppe.aufgetaucht (at) web.de.











