GĂŒlen-Schulen: Umstritten, angesehen, elitĂ€r
Lange waren GĂŒlen-Schulen im Ausland ein wichtiges Mittel tĂŒrkischer AuĂenpolitik. Durch den Konflikt zwischen PrĂ€sident Erdogan und dem Prediger gerieten auch diese unter Druck. Doch viele Staaten schĂŒtzen die Schulen, da sie eine wichtige Rolle in den Bildungssystemen spielen.
Von Silvia Stöber, tagesschau.de
Sie gelten als prestigetrĂ€chtig und von hoher QualitĂ€t â die Bildungseinrichtungen der GĂŒlen-Bewegung in Staaten von Afrika ĂŒber Europa bis nach Zentralasien. Forderungen der tĂŒrkischen Regierung nach SchlieĂung dieser Einrichtungen stoĂen in vielen LĂ€ndern auf groĂen Widerstand.
Denn viele Mitglieder der Eliten in Aserbaidschan oder Kirgistan wurden in den vergangenen Jahren an deren Schulen und UniversitÀten ausgebildet und schicken nun ihre Kinder dorthin.
Die GĂŒlen-Einrichtungen fĂŒllen besonders im post-sowjetischen Raum LĂŒcken in den schwach entwickelten Bildungssystemen, obwohl diese ĂŒberwiegend sĂ€kular ausgerichtet sind. Die Bewegung des Predigers Fethullah GĂŒlen strebt eine Gesellschaft im Einklang mit den Regeln des Islam an, nach auĂen hin gibt sie sich als âtolerantâ.
Zum Bildungskanon gehören Fremdsprachen, Naturwissenschaften und neue Technologien. Das Motto lautet: Muslime können dann mit dem Westen konkurrieren, wenn sie sich dessen wissenschaftliche Errungenschaften aneignen. In freier Marktwirtschaft, Demokratie und technischem Fortschritt sieht GĂŒlen kein Problem.
Ein Soft-Power-Instrument der TĂŒrkei
Ein weiteres Ziel GĂŒlens war es, der TĂŒrkei eine wichtige Rolle in den umliegenden Regionen zu verschaffen. Gute Chancen versprach man sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 in Staaten wie Aserbaidschan, in denen die Bevölkerung mit dem TĂŒrkischen verwandte Sprachen spricht und muslimischen Glaubens ist.
Da sich dieses Ziel schon damals mit den auĂenpolitischen Bestrebungen der Regierungen und den wirtschaftlichen Interessen der GeschĂ€ftsleute deckte, unterstĂŒtzten sie den Ausbau der GĂŒlen-Einrichtungen ĂŒber viele Jahre im Ausland. Dies funktionierte umso besser, als die Partei AKP von Recep Tayyip Erdogan 2002 die Macht ĂŒbernahm und ein BĂŒndnis mit der GĂŒlen-Bewegung einging.
âDie GĂŒlen-Schulen dienten der TĂŒrkei als Soft-Power-Instrumentâ, sagt der auf tĂŒrkische AuĂenpolitik spezialisierte Wissenschaftler Bayram Balci. Er arbeitet an der UniversitĂ€t Sciences Po in Paris. âIm post-sowjetischen Raum, im Kaukasus und Zentralasien waren die Schulen sehr angesehen und elitĂ€r.â
Schaden fĂŒr die tĂŒrkische AuĂenpolitik
Deshalb sei der âKriegâ zwischen Erdogan und GĂŒlen problematisch fĂŒr die tĂŒrkische AuĂenpolitik, so Balci: âDie Schulen werden darunter leiden. Die Soft Power der TĂŒrkei wird eingeschrĂ€nkt.â
Die Verbindung zwischen Erdogan und GĂŒlen habe sich bereits abgeschwĂ€cht, als sie ihrem gemeinsamen Ziel nahekamen, die rivalisierenden Kemalisten in der TĂŒrkei zu schwĂ€chen. Der Bruch setzte ein, als Erdogan ab 2009 einen Kompromiss mit der kurdischen PKK suchte. Der stĂ€rker nationalistisch ausgerichtete GĂŒlen war strikt dagegen und aktivierte seine AnhĂ€nger in der Justiz. Diese gingen gerichtlich gegen Erdogan und Geheimdienstchef Hakan Fidan vor, der die GesprĂ€che mit der PKK organisierte, wie Balci sagt.
Auch in der AuĂenpolitik habe es Differenzen gegeben. So habe sich GĂŒlen gegen die pro-iranische und anti-israelische Politik Erdogans gestellt. Offene Kritik GĂŒlens und fehlende SolidaritĂ€t seiner AnhĂ€nger habe Erdogan als eine Art Verrat empfunden, so Balci.
Eine Frage der SouverÀnitÀt
Nach dem Putschversuch erhoben tĂŒrkische Diplomaten auch im Ausland Forderungen, GĂŒlen-Einrichtungen zu schlieĂen. Um die Regierung Kirgistans unter Druck zu setzen, rief AuĂenminister Cavus Mevlet Cavusoglu persönlich seinen Amtskollegen in Bischkek an.
Dort aber waren Politiker, Journalisten und viele AbgĂ€nger von GĂŒlen-Schulen empört. âWir wollen daran erinnern, dass Kirgistan ein unabhĂ€ngiges Land ist und wir imstande sind zu entscheiden, was gut und was schlecht fĂŒr uns istâ, hieĂ es in einer Stellungnahme des AuĂenministeriums in Bischkek. ( Link http://ift.tt/2bhkHav) In Kirgistan gibt es 25 Schulen und eine UniversitĂ€t, die GĂŒlen zugeordnet werden. Auch in Tadschikistan und Kasachstan unterrichten die Einrichtungen weiter.
Weniger scharf, aber ebenso deutlich antwortete die Regierung in Georgien auf Aussagen tĂŒrkischer Diplomaten. Beide Seiten einigten sich darauf, dass es sich bei den tĂŒrkischen Forderungen um ein MissverstĂ€ndnis gehandelt hat.
Bildungsminister Alexandre Jejelava betonte, dass die mit der GĂŒlen-Bewegung verbundenen Einrichtungen in Einklang mit der Gesetzgebung und den LehrplĂ€nen Georgiens unterrichten. Das christlich dominierte Georgien richtet seine Gesetze nach EU-Richtlinien aus und pflegt zugleich im Rahmen der NATO-Kooperation eine strategische Partnerschaft mit der TĂŒrkei.
Autokraten schlieĂen Schulen
Dem Druck nachgegeben hat die Regierung im autoritĂ€r regierten Aserbaidschan, obgleich viele AbgĂ€nger der UniversitĂ€t und der Schulen weit in FĂŒhrung des Landes aufgestiegen sind. Die UniversitĂ€t schloss bereits vergangenen Monat. Die Schulen wurden unter Regierungsaufsicht gestellt. Viele Dozenten verloren ihren Job â dies inmitten einer neuen Verhaftungswelle gegen regierungskritische Aktivisten.
Die autokratisch regierten Staaten Usbekistan und Turkmenistan schlossen die GĂŒlen-Einrichtungen bereits vor einigen Jahren. Aus Turkmenistan hieĂ es dazu, man habe genug Eliten. In Russland wurden die GĂŒlen-Schulen in den muslimisch geprĂ€gten Regionen im Jahr 2000 geschlossen, um den tĂŒrkischen Einfluss zurĂŒckzudrĂ€ngen. Das war kurz nach der Ăbernahme des PrĂ€sidentenamtes durch Wladimir Putin.
Sollten mehr Bildungseinrichtungen GĂŒlens aus politischen oder finanziellen GrĂŒnden schlieĂen mĂŒssen, wĂŒrde dies in vielen Staaten einen Verlust bedeuten: âDiese Schulen bieten gute, moderne und sĂ€kulare Bildung. Die lokalen Eliten in Zentralasien und Afrika schicken ihre Kinder auf diese Schulen. Sie brauchen sieâ, sagt TĂŒrkei-Spezialist Balci. Er erwarte deshalb, dass die Schulen in vielen LĂ€ndern ĂŒberleben werden, wenn auch womöglich in geĂ€nderter Form.
FĂŒr die tĂŒrkische Regierung stellt sich die Frage, wie sie ihr Gesicht und zugleich den Vorteil wahren kann, dass viele Eliten in der Region TĂŒrkei-freundlich ausgebildet wurden. Denn inzwischen treten genau dort Russland und auch China in Konkurrenz zur TĂŒrkei.
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