1 kleiner Appell
Eine Therapie lĂśst nichts. Nichts in dem Sinn, in dem problemorientiertes Denken die Welt konstruiert: Ein Problem wird identifiziert und dann abgeschafft. Eine Psychotherapie kann helfen zu verstehen, wo wiederkehrende Schwierigkeiten liegen, aber sie macht nichts ungeschehen, schafft keine anderen politischen Umstände, sie bewirkt keine radikalen UmbrĂźche im AuĂen, vor allem nicht schnell, vor allem nicht eindeutig quantifizier- und messbar. Was eine Therapie im Idealfall schafft, ist, die eigenen VerhaltensmĂśglichkeiten zu erweitern. Eine flache Kritik an Therapie behauptet, sie sei nur dazu da, Menschen ins System einzupassen und funktionieren zu lassen. Andere sagen, sie brauchen einfach keine Therapie. Wie feige (ja, feige) diese Argumentation in vielen Fällen ist, wird vor allem daran erkennbar, wie die LebensentwĂźrfe der Nicht-BedĂźrftigen oder der Unangepassten in der Praxis aussehen. Die Lebenspraxis von vor allem Männern, denn es sind gut doppelt so viele Frauen wie Männer, die sich in Therapie begeben.Â
Die Männer, die keine Therapie brauchen, wĂźrde ich anekdotisch so beschreiben: Sie trinken, rauchen und kiffen gern (âgernâ), arbeiten oder zocken bis zum Umfallen, haben ständig Angst vorm Versagen und kĂśnnen emotionale BedĂźrfnisse anderer kaum ertragen, geschweige denn Kritik ruhig aufnehmen. Die Männer, die keine Therapie brauchen, haben keine Ahnung, wie sie ihr Verhalten ändern kĂśnnten, wenn sie sich nicht durch Disziplin (read: Angst) irgendwohin peitschen kĂśnnen. Es ist ein Trauerspiel, und nicht nur fĂźr sie.
Vor allem fĂźr die linken Männer, die gern die âIndividualisierungâ der Gesellschaft beklagen, sollte es eigentlich keine Ăberraschung sein: Ihr seid soziale Wesen. Ihr seid eingebunden in Beziehungen mit anderen Menschen. Dann, wenn ihr euch am meisten als lonely wolf fĂźhlt, schaut euch um. Irgendwo am Horizont ist da eine Partnerin, eine Liebhaberin, eine Freundin, eine Tochter oder Mutter, meinetwegen auch eine besonders zugewandte Kollegin, die sich fĂźr euch interessiert, wenn es euch beschissen geht. Wenn die politischen Diskussionen mit den Genossen plĂśtzlich nicht helfen kĂśnnen und die Witze von den Kumpels nicht landen. Es sind die Personen, die euch wirklich nah sind, die euch nah bleiben mĂźssen oder wollen, die darunter leiden, dass ihr unangepassten und männlich fest im Leben stehenden Typen meint, keine Therapie zu brauchen.
Ich habe einem jungen Mann dabei zugesehen, wie er Ăźber mehrere Jahre all seine Freund:innen verlor und dabei der Meinung blieb, es seien andere, die Therapie bräuchten. Ich sehe Partnerschaften, in denen Männer sich lieber teure und zeitintensive Hobbies zulegen, als sich einem Gespräch Ăźber die Aufteilung der Kindererziehung zu stellen.Â
Es heiĂt, Therapie setzt da an, wo der Leidensdruck zu groĂ ist. Aber wessen Leidensdruck, und von wessen gutem Leben wird hier ausgegangen, wenn es am Ende die Partnerin ist, die unter der Doppellast von Arbeit und Care-Work zusammenbricht, oder die Tochter, die depressiv wird oder die Kollegin, die jeden Tag mehr Ăźbernimmt und schlieĂlich â eine Therapie beginnt?Â
Sicher leiden auch Männer im Umfeld einer Person, die ihre Probleme externalisiert, unter einem Vater, Vorgesetzten, Kollegen. Aber es sind oft die Frauen, die den grĂśĂten Teil von Pflegearbeit und emotionaler Arbeit Ăźbernehmen und dafĂźr am wenigsten Wertschätzung erfahren.
Eine Therapie lĂśst keine gesellschaftlichen Probleme, die Ăźblichen Diskriminierungsformen machen auch vor therapeutischen Praxen keinen Halt. Wenn aber Männer, die keinen Rassismus und keine Queerfeindlichkeit zu befĂźrchten haben, lieber Substanz-Finetuning betreiben, lieber in den totalen emotionalen RĂźckzug gehen, sich lieber als Opfer welcher Umstände auch immer sehen als eine Therapie zu beginnen, sehe ich darin nur ein feiges Stehlen aus der Verantwortung.Â
Eine Therapie kann diejenigen Menschen, die uns am nächsten stehen, entlasten. Eine erfolgreiche Therapie sensibilisiert nicht nur fßr eigene Bedßrfnisse, sondern auch dafßr, was andere brauchen. Sie gibt MÜglichkeiten an die Hand, wie miteinander anders umgegangen werden kann. Eine Therapie zu machen bedeutet oft schlicht, Verantwortung zu ßbernehmen. Nicht nur fßr sich selbst, sondern auch fßr die Menschen, mit denen man das Leben teilt.
















