Rodrigo Hasbún: »Die Affekte«. Übersetzung von Christian Hansen. Suhrkamp Verlag. 2017. 142 Seiten
Das Buch handelt von Monika Ertl, der Guerillakämpferin und Tochter von Hans Ertl, einem nationalsozialistischen Filmemacher und Bergsteiger. Ich mag Hasbúns Ton, in dem er schreibt, sehr gern. Er ist kurz, kühl und uneindeutig. Leider geht so der Tiefgang der einzelnen Figuren verloren. Es fiel mir sehr schwer herauszufinden, wer gerade erzählt, weil die Erzählweisen der Personen keine besonderen Charakteristika haben. Die Verworrenheit der Erzählstimmen soll sicherlich wie ein Dschungel aus Indizien sein, durch den sich der Leser auf der Suche nach den Antworten schlägt; vieles ergibt sich erst in darauffolgenden Kapiteln. Diese Puzzlearbeit war mir als Leserin ohne biographisches Hintergrundwissen oft zu anstrengend. Hasbúns Antwort auf die Frage warum Monika Ertl zur Aktivistin wurde, erschöpft sich in etwa darin: weil sie reich und gelangweilt war, ihre Ehe sie nicht erfüllte und sie nicht so genau wusste, wie sie ihr Leben gestalten sollte. In den Kapiteln ihres inneren Monologs geht es nie (!) um ihre nationalsozialistische Herkunft. Auch der Zweite Weltkrieg spielt keine Rolle, ja nur durch die Lektüre des Romans könnte man meinen die Familie sei einfach so nach Bolivien ausgewandert. Es gibt in »Die Affekte« keine einzige kritische Stimme gegen den Nationalsozialismus sondern nur gegenüber der Gewalt im Zusammenhang mit den Guerillakämpfen. Auch Monika Ertls Rolle in Bezug auf die Entführung von Klaus Barbie wird nicht erwähnt. In diesem Buch bleiben persönliche und politische Sichtweisen verschwommen und werden verkürzt. Allein die Naturdarstellungen und der Schreibstil in »Die Affekte« konnten mich überzeugen. 2,5/5
Danke fĂĽr das Rezensionsexemplar.