Tag 348 / Noch 652 Tage bis zur Ichwerdung
Als ich mich von den Jungs aus der Suchtberatungsgruppe verabschiedete, streckte ich die Faust in den Himmel und sagte laut: "Bis nächste Woche! Und: Trocken bleiben!"
Reise zu dir selbst. Den einen erinnerte ich in der Sitzung daran, dass er das doch vorhatte. Ohne bewusstseinsverändernde Substanzen. Dreimal konsumierte er dennoch in den letzten vierzehn Tagen.
Was ist mit meiner Reise zu mir selbst?
Wann arbeite ich mit dem Buch, das ich mir letztes Jahr in dem Museumsshop gekauft habe? Was ist mir wichtig? Wie möchte ich leben? Welche Dinge in den Händen halten? Wie mich kleiden?
Schöne Stifte und Notizbücher...
Ein weißes Kleid mit Lochstickerei, Cowboystiefel...
Badewanne, Duftlampe, Körperöl...
Singen, Backen, Fahrradfahren...
Immerhin habe ich mir eine Bastelschere gekauft.
In dem Einkaufszentrum dachte ich, ich kann meinen Geist, der so traurig war und so ver-rückt, bedrückt, mit Basteln ablenken.
Was mir nicht gut getan hat: Zu viel Handy und Laptop auf nüchternen Magen. Und auch wieder so viel scheiß Schrott-Infos in mich aufgesogen. Es ist völlig egal, wer Christina Stürmer ist!
Das Gesicht vom Sexdatemann von Sonntag habe ich zum Glück schon vergessen. Sehr verschwommen alles. Er hat seinen Schwanz größer angekündigt als er ist. "Sehr groß." Naja. Ich glaube, das Reiten hat meinem Körper gut getan. Aber sein Küssen war mir zu schlingend-feucht.
Was kann man ansprechen, ohne den anderen zu sehr zu verunsichern, ohne die Stimmung zu zerstören, aber um eigene Bedürfnisse und Empfindungen nicht zu untergraben?
Ich habe mir noch mal den Nachrichtenverlauf mit Dingens angesehen. Während ich oft lange Texte in eine Nachricht schreibe, höchstes mal drei hintereinander, kommen von ihr eigentlich fast immer fünf bis acht oder mehr. Stakkato-Stil. Lautes Denken. Dahingerotzte Satzfetzen.
Ich kann so nicht.
Und mit Justin kann ich so auch nicht.
Ich fühlte mich verabredet zum Samstag-Meeting. Er war nicht da. Als ich schrieb: "Wo bist du?" kam nur "Zu Hause" zurück. Am nächsten Tag textete er, was er stattdessen gemacht hat. Da habe ich nicht mehr geantwortet. Und auch nicht auf die zwei verpassten Anrufe gestern. Leck mich!
Zwei schmerzhafte Erfahrungen in zwischenmenschlichen Beziehungen in den letzten Tagen. Das darf mich auch betrüben.
Schließlich habe ich ja bei Justin zwischenzeitlich auch an 'Kinderkriegen', 'Wo wohnen wir dann?', 'Wird mich seine Dummheit irgendwann nerven?' gedacht.
Die reiche Prenzlbergmutti, die natürlich Schönhauser ausstieg, hat mich echt neidisch gemacht. Auch wenn mich der Öko-Baby-Geruch störte. Aber sie hat Kids. Alles super teuer. Jacke, Schuhe, Kinderwagen... Ich könnte mir das alles auch leisten, wenn ich nach dem Studium durchgehend top und töpper funktioniert hätte. Was Nils immer beim blauweißen sozialen Netzwerk postet. Hat der jetzt drei oder vier Kinder? Ständig Urlaub. Konzerte. Geile Klamotten... Dafür ist ein Studium ja auch da - für einen guten / hohen Lebensstandard. Für Wohnen wie bei "Freunde von Freunden". (http://www.freundevonfreunden.com/city/berlin/)
Doch Reise zu mir selbst heißt eben heute mit Jobcenterkram befassen. (Mail und Unterlagen raussuchen) Was denkt die Vermittlerin denn? Dass ich schon in der beruflichen Reha stecke und nicht Bescheid gegeben habe? "Gibt es inzwischen eine Entscheidung?"
Reise zur mir selbst. Kann ja sein, dass ich nicht nur feststelle 'Auto, ferne Länder, Markenklamotten sind lange nicht mehr so wichtig für mich wie früher'. Kann ja auch sein 'Ehe, drei Kinder, Haus mit Garten' passt nicht zu dem, was ich sein werde nach 1.000 trockenen Tagen. ("Werde, der du bist", Tag 170)