War da wer? War da je jemand gewesen?
Er wand sich auf die Seite und auf Knirschen folgte nach einigen Sekunden dumpfe Schmerzen. Warum? Er wollte doch still sein, verdammt. Trotzdem hob er seinen Arm und ließ ihn taub links von sich fallen. Etwas weiches umspielte seinen Handrücken und er ballte sie zur Faust. Ließ wieder locker und ballte sie wieder zur Faust. Immer wieder kitzelte es auf seinem Handrücken. 1,99€. Waren seine Augen offen, oder geschlossen? Was ein Angebot. Raiden machte einige Worte unter dem stetigen Brummen in seinem Kopf aus. (Wie hören sich Worte an?) Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Hatte er vielleicht grade was gesagt was wie Gott klang? Vielleicht war es auch nur seine kurze Atmung und das Summen in seinen Ohren, die ihm gefährliche Dinge zuflüsterten. » Komm mit. « Er wollte nicht und er konnte nicht. Hatte er überhaupt eine Hose an - so konnte er nicht auf den Gehweg. Außerdem war ihm kalt. Er wollte viel lieber hier liegen bleiben. Kalt ja und müde. Sehr müde. Er sah sich selbst wie er die Augen öffnete und Walter vor ihm stand. Das Gesicht hassverzerrt und verschwommen. Aus seinem linken Auge triefte Eiter. Er schrie ihn an und Raiden begann wie immer zu weinen. Der Boden unter seinem Rücken verschwand. Als hätte er ihn im hohen Bogen in den Rhein geworfen. Er strampelte und schlug mit aller Kraft um sich. Aber all seine Kraft war nie viel. Ihm wurde schwindelig und sah nur noch tiefes Schwarz.
Er saß auf einer Bank am Rhein und weinte. Es war Morgen und Abend und der Mond schien hell auf sein Gesicht. Dicke Nase. Dickerchen. Er drehte sich zur Seite, aber sah noch immer das Gleiche. Unter seinen Füßen knirschte der Kies nicht. Vor ihm rauschte der Rhein nicht. Über ihm hing keine Wolke. Und die Welt befand sich unter ihm. Eingegraben, vielleicht vergraben; Seine Stirn war feucht.
Ein lauwarmer Tropfen berührte seine Wimpern. Weinte er? Von oben? Es musste regnen. Er drehte sich mit einem tiefen Stöhnen auf die Seite und hörte nichts. Etwas verlagerte sich auf seiner Stirn, aber er konnte nicht sagen was es war und ehrlichgesagt war es ihm auch egal. Selbst als es an seiner Wange klebte. Hey.
?
Kühle Äste berührte sein Gesicht und er musste würgen. Sein Kopf hing zur Seite und Speichel und Magensäure drängten sich aus seinem Mund. Er rang nach Luft, bevor sich seine Kehle wieder zuschnürte. Kotze rann ihm zäh aus der Nase und Tränen sammelten sich an seinen zugekniffenen Augen Hörte er was? Sprach jemand? Raiden höre lange s-ähnliche Laute zwischen dem dumpfen Pochen in seinem Kopf. Irgendetwas berührte sein Gesicht. Stechender Schmerz breitete sich von seinen Wangen auf sein Gesicht aus und einige hässliche Geräusche schlichen aus seiner Kehle. » Alles wir … der « Raiden verstand die Bedeutung der Worte nicht und er konnte nicht über sie nachdenken. Alles wackelte, rüttelte an ihm. Sein Magen beteuerte er würde schweben während sein vor Schmerzen steifer Rücken ihm versprach dass er lag. Obwohl er die Augen fest verschlossen hatte begann sich alles zu drehen. Er würgte heftig und irgendetwas umgab seinen Kopf. Scharfe Magensäure brannte in seiner Kehle. Tränen tropften ihm vom Kinn und sein Magen krampfte sich zusammen. Er wollte schreien, schluchzten, aber aus seinem Mund kam nur ein raues Röcheln. Ihm fehlte jegliche Kontrolle über seinen Körper, er fühlte sich wie ein Blinder in einem Stummfilm. Es wackelte wieder, oder war es nur sein Körper der sich hilflos schüttelte?
Hatte er geschlafen, so hatte er nicht geträumt. Und war er wach so hatte er nichts bemerkt.
Noch immer lag er, die Arme an sich gedrückt als gehörten sie einem anderen. Zu dem unnachlässigem Dröhnen in seinem Schädel hatte sich jetzt auch ein scharfes Brodeln in seinem Inneren gesellt. Sein Magen fühlte sich heiß und deformiert an, als hätte er sich in seinem ganzen Bauch verteilt. Er öffnete vorsichtig die Augen und sah sich erschöpft um. Das Zimmer um ihn herum erschien ihm flüssig und war dabei völlig zu zerlaufen, aber dennoch erkannte er diese schwarze Couch, die ihn umgab. Er hätte Heikos Couch überall wiedererkannt. Raiden stöhnte und setzte sich auf. Ein Trampeln hinter ihm wurde laut.
» Du bist wach. « Heiko hockte sich neben ihn, aber Raiden konnte seine Mimik nicht ausmachen, nur die dicke, runde Brille. » Wie geht es dir? « Raiden hatte der Frage nicht recht zugehört, schüttelte aber den Kopf. Langsam, als könnte er jeden Moment abfallen und genau so fühlte es sich auch an. Er wollte das nicht mehr - er wollte nur noch zurück auf den Boden. Seine Sicht wurde noch unschärfer bevor sie kurz ganz verschwand und er verzweifelt seine Augen zudrückte. Als er sie wieder öffnete schien das Wohnzimmer ein wenig klarer zu werden. » Alles wird schon wieder. « Heiko führte ein Glas an Raidens Mund und begann langsam zu kippen. Raiden hatte erst Schwierigkeiten mit dem Schlucken und das Wasser tropfte ihm aus dem Mund, floss kühl seinen Hals hinunter. Doch je öfter er Schluckte desto sicherer fühlte er sich. Er bemerkte wie Heiko ihn nach jedem Tropfen über den Rücken strich, als würde er das Wasser anleiten in seinem Magen zu verschwinden.
In die Dusche zu kommen war schwer, seine stinkende Kleidung auszuziehen allerdings noch schwerer. Es war als wäre sie an ihm angebacken, oder als hätte irgendwer in der Nacht seine Muskelfunktionen vertauscht. Er zog an seiner Hose, anstelle sie herunter zu ziehen. Das T Shirt hing ihm noch 5 Minuten um den Kopf bevor er es in Panik halb zerriss und gegen die geflieste Wand taumelte.
Endlich hievte er seinen schweren, ungelenken Körper in die Dusche. Er versuchte sich am Duschkopf festzuhalten, bevor er die Duschstange zu fassen bekam und sich an sie klammerte wie eine verwirrte, demente Oma.
Das Wasser, das nun seit 10 Minuten auf immer den gleichen Fleck seines Rückens prasselte war viel zu heiß. Aber es fühlte sich gut an. Er matschte ein bisschen Shampoo zwischen seinen Fingern und rieb (oder eher strich) es sich unbeholfen in die Haare. Unter dem Stahl kochendheißem Wasser schien er langsam zu sich zurückzukommen. Sein Bewusstsein lag nicht mehr unbeholfen neben seiner eingeschränkten Wahrnehmung, sondern sie hinkten nun im Gleichschritt der Zeit hinterher.
Schwer atmend stapfte er wieder ins Wohnzimmer. Seine Schritte zumindest einigermaßen sicher. Wo ihm vor einigen Monaten dieser Flur noch so vertraut vorkam war er nun nichts mehr als eine Erinnerung an leere Versprechen. Und obwohl er wusste, dass es nicht Heikos Schuld war fing die Wut wieder an unablässig in ihm zu brodeln. Vielleicht war es aber auch nur sein gereizter Magen.
Als er Heiko im Wohnzimmer sitzen sah wäre er am liebsten einfach gegangen, aber das konnte er nicht. Er setzte sich, wie schon so oft zuvor, neben ihm auf die Couch. Die Beine steif angewinkelt sah er ihm in sein Gesicht, dass vor Mitleid nur so zu triefen schien. » Wie hast du mich gefunden? « Es interessierte ihn nicht, aber er fragte dennoch. » Du hast mich angerufen und mir erst gesagt, dass du gerne einen Donut hättest. Dann sagtest du gelallt, 'Ich bin am Strand, mein Arsch brennt, aber nicht mit heißen Babes, ich bin das heiße Babe.' « Heiko kratzte sich am Hinterkopf und Raiden wusste, dass er ihm etwas verschwieg. » Das mit dem Strand hast du ziemlich oft erwähnt deswegen bin ich die Rheinseite neben dem dreiköpfigem Reiter abgegangen. « Raiden nickte, als hätte er sowas erwartet. » Geht es dir besser? « Raiden nickte wieder. » Möchtest du vielleicht noch etwas trinken, oder was essen? « Er machte Anstalten Raiden in den Arm zu nehmen, als dieser nur den Kopf schüttelte.
» Ich sollte lieber gehen. « » Warte! « Raiden hatte sich kaum von der Couch erhoben, doch Heiko war panisch aufgesprungen. Langsam setzte er sich wieder, als könnte Raiden jede Sekunde davonsprinten. » Du kannst heute Nacht hierbleiben, das darfst du immer. Das weißt du. « Das war das letzte, was Raiden derzeitig wollte. » Heiko, das kann ich nicht und das weißt du auch. « » Warum? « Seine Stimme nahm einen flehenden Ton an und er umfasste Raidens linke Hand. » Wir könnten uns es hier bequem machen. Ich könnte für dich da sein. Pizza bestellen, vielleicht einen Film sehen, oder Monopoly spielen- « Raiden sog scharf die Luft ein und Heiko wusste, dass es Zeit war die Fresse zu halten. Stumm zog er seine Hände zurück. » Warum ich das nicht kann? Ist das dein scheiß Ernst? David fickt mich du Hurensohn. Er steckt mir seinen breiten, schlabbrigen Pimmel in meinen behinderten Arsch während du irgendwo am anderen Ende der Stadt rumrennst. Du hast mir versprochen bei mir zu sein, aber jeden zweiten Tag bist du high, oder betrunken. Meinst du wenn du mich ein Mal in der Woche verhätschelst wird alles wieder gut? « In seinen trockenen Augen bildeten sich kleine Tränen. » Ich bedeute dir einen Scheißdreck! Das einzige, was für dich zählt ist, dass du am Ende des Tages mit deinem scheiß Gewissen klarkommst. « Heiko hob vorsichtig die Arme » Raiden, das ist nicht- « » Nein halt's Maul! Armer Raiden hier, schenken wir ihm vielleicht ein paar Kleinigkeiten, vielleicht kann ich ihn dann ja in den Arm nehmen weil's sonst keiner tut, hä? Wie seh' ich für dich aus? Ich bin nicht dein verletztes, kleines Haustier! Ich brauch keine halbherzige Beziehung, die jeden zweiten Tag auf's neue aufhört und dann wieder anfängt. Du kannst mich nicht nur rausholen wenn's dir passt und erwarten, dass ich dir als meinen Erretter huldige. « Raiden hatte schreien wollen, aber es war mal wieder nur in ein mitleidserregendes, raues Schluchzten herausgekommen. Er war sich nicht sicher, ob man die letzen Worte überhaupt verstehen konnte. Frustriert wischte er sich über die Augen und bevor Heiko den Mund aufmachen konnte drehte er sich um.
» Raiden, bitte! Wir können zusammen weggehen! Es tut mir so leid! Raiden! « Er verschwandt durch die Haustüre. Auch wenn er sich nicht umsah war er sich sicher Heiko würde immer noch genauso dort sitzen. Die Augen weit aufgerissen, die Hände nutzlos in seinen Schoß gefaltet.
Da ging seine einzige Freundschaft dahin. Er hatte sie in die Tonne gehauen, als würde sie ihm nichts bedeuten. Als wären ihm die kleinen Geschenke, die Zuneigung, die Ermunterungen, die Komplimente, der Trost, ja auch die Küsse alle gleichgültig gewesen. Aber um Gotteswillen das waren sie nicht und genau das schmerzte ja so sehr.
Wie sehr wünschte er sich doch bei ihm zu sein. Sich von ihm in den Arm schließen zu lassen. Es ging nicht.
Nein.
Nicht so.