Der Tag X - ich bekomme eine Niere
Jahrelang hieß es immer, wenn der Tag X da ist und ich eine (neue) Niere bekomme. Ich wusste nie, wann es soweit sein wird. Dieser Zwiespalt zwischen froh sein, dass die eigenen Nieren noch ausreichend funktionieren und der Wunsch, dass es doch endlich soweit ist, man Pläne schmieden kann und nicht dauerhaft in der Luft hängt. Gerade die letzten Monate, als die Krankheit mich mit ihren Symptome fest im Griff hatte, die Niere aber noch zu gut für eine Transplantation funktionierte, war eine mental sehr anstrengende und schwierige Zeit.
Nun ist aber endlich der Tag X gekommen - es ist der 2. Mai 2019 ca. 6.15h am Morgen, als es an der Zimmertür klopft. Die Schwester tritt einige Schritte ins Zimmer und sagt mir, dass der OP sich gemeldet hat und es gleich auf den Weg zu selbigen geht. Kurz darauf kommt noch eine Ärztin, die mir Blut abnimmt um nach der Transplantation einen Vergleichswert zu haben um festzustellen, ob die Niere schon arbeitet. Sie wünscht mir alles Gute für die OP und verlässt das Zimmer. Dann bin ich für einige Minuten alleine. Bin ich aufgeregt, nervös oder gar ängstlich? Ich habe erstaunlich gut geschlafen und verspüre eine leichte Nervosität und auch Vorfreude. Endlich geht es los.
Vor der OP werde ich im Aufwachraum “geparkt”. Hier liegen viele andere Patienten, Erwachsene und Kinder, die auch auf ihre OP warten oder gerade von einer aufwachen. Durch Stellwände sind die einzelnen Plätze abgetrennt. Nach ein paar Minuten wird eine Frau von einem Pfleger von außerhalb des OP Bereiches reingeschoben. Da ich meine Brille nicht trage, sehe ich nicht direkt, dass es sich um meine Mutter handelt. Der OP Pfleger schiebt auf der einen Seite die Stellwand etwas zur Zeit und lässt meine Mutter neben mich parken. Im ersten Moment wundere ich mich, dass sie noch nicht im OP ist, im nächsten Moment bin ich aber sehr froh sie nochmals vorher sehen zu können (wir liegen auf unterschiedlichen Stationen). Als sie dann von den Pflegern abgeholt wird, vereinbaren wir beiden noch kurz, dass wir die OP “jetzt mal eben rocken”. Für mich beginnt dann (zumindest gefühlt) eine sehr lange Zeit des Wartens bis ich endlich abgeholt werde. In der Zeit mache ich mir weniger Gedanken über mich und die OP (ich habe ja quasi nix zu verlieren - nagut, ich könnte die OP nicht überleben aber da die Wahrscheinlichkeit mit 0,03% sehr gering ist und ich es dann ja wohl eh nicht mehr merke, mache ich mir darüber keine Gedanken). Sehr wohl mache ich mir aber viele Gedanken über meine Mutter. Hoffentlich geht alles gut, hoffentlich passiert ihr nichts und sie übersteht die OP gut. Es ist ein geliebter Mensch, der sich einen Eingriff unterzieht, der eigentlich nicht notwendig ist.
Irgendwann werde ich auch abgeholt, in einem ersten großen Vorraum robbe ich mich vom Bett auf einen OP Tisch, der eigentlich eine Liege ist. Es ist ein komisches Gefühl komplett nackt zu sein, während zig fremde Personen um einen stehen. Nun werde ich in den OP Vorraum geschoben. Dort sind bereits viele Pfleger und Ärzte. Mir wird gesagt, dass die OP bei meiner Mutter bisher sehr gut läuft. Ich bin erleichtert und fange an mich etwas zu entspannen. Während mir Zugänge gelegt werden (ich bin erleichtert, als ein zweiter Pfleger seinem Kollegen hilft den Zugang zu legen, da er bisher schon mehrmals versuchte und es langsam unangenehm wurde). Oberhalb meines Kopfes hauscht ein Mann vorbei und grüßt kurz. Mir wird gesagt, dass es sich dabei um den Chirurgen handle (oder war es doch der Urologe?). Das schnelle Piepen des Gerätes zur Überwachung meiner Herzfrequenz enttarnt mich, dass ich doch sehr aufgeregt bin. Aber wer wäre das nicht bei so einer OP, die hoffentlich mein weiteres Leben verändert und verbessert? Das letzte, woran ich mich erinnere ist, dass ich an die Decke starre, während ich tief in die Sauerstoffmaske ein- und ausatme.
Im Halbschlaf bekomme ich mit, wie sich einige Personen unterhalten und ich mit Gurten auf eine weiche Unterlage gehieft werde. Es muss mein Bett sein, genau weiß ich es allerdings nicht, da mir die Kraft fehlt um die Augen zu öffnen. Mit einem entspannten Gefühl nicke ich nochmals weg. Als ich endgültig zu mir komme liege ich tatsächlich in meinem Bett im Aufwachraum. Ich höre wieder das Piepsen meiner Herzfrequenz. Schmerzen verspüre ich nicht, allerdings eine Art Druck in der rechten Leiste und ich fühle einige Schläuche. Wie viele es genau sind, kann ich zu diesem Augenblick noch nicht sagen. Das Druckgefühl muss von der implantierten Niere kommen, die OP ist vorbei. Ohne zu wissen wie es meiner Mutter geht oder wie bei mir die OP verlaufen ist, sinke ich erschöpft etwas tiefer in das Kopfkissen. Erleichterung.
Ich frage einen Pfleger ob er weiß, wie es meiner Mutter geht. Er verneint. Einige Minuten später kommt ein anderer Pfleger mit einem Telefon, hällt es mir hin und meint “die Schwester” - wie die Schwester, denke ich mir. Wie kann meine Schwester hier anrufen? Als ich den Hörer in die Hand nehme, Hallo sagen und dies am anderen Ende erwiedert wird, wird mir klar, dass der Pfleger eine Schwester vom Pflegepersonal meint. Sie wolle mir nur mitteilen, dass es meiner Mutter gut geht und sie die OP gut überstanden hat. In meinem Körper macht sich noch mehr Erleichterung breit, ich bin jetzt schon glücklich. Dieses Gefühl soll sich in einigen Minuten noch um ein Vielfaches verstärken. Ein Arzt kommt mit einem mobilen Ultraschallgerät zu mir ans Bett. “Dann schauen wir uns mal das gute Teil an.” - seine lockere Art beruhigt mich, gleichzeitig bin ich aber auch sehr nervös. Ich sehe nun zum ersten Mal die verbundene Wunde und den Schlauch der Wunddrainage. Der Arzt geht mit dem Schallkopf über den Bereich, es tut nur sehr leicht weh und gleichzeitig denke ich mir, dass er doch nicht so stark drücken darf. Er zeigt mir die Niere - sehr viel erkenne ich nicht. Aber dann, der emotionalste Moment des Tages, ich höre wie das Blut durch die Niere rauscht. Ein gleichmäßiges Pochen. Ich bin überwältigt, mir schießen zig Gedanken durch den Kopf. So in der Art müssen sich bestimmt Eltern fühlen, die zum ersten Mal den Herzschlag ihres Kindes hören. Dies ist mein “Kind”, ein unbeschreiblich wertvolles Geschenk was ich bekommen habe. Ich nehme mir fest vor, die Niere mit all meinen Kräften zu schützen und zu “pflegen”. Ich will so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Sie gehört jetzt zu mir, die Niere ist jetzt ein Teil von mir. Der Arzt ist mit der Durchblutung sehr zufrieden und lässt mich erstmal alleine.
Wenig später kommt ein anderer Arzt zu mir, er beantwortet mir einige Fragen zur OP und sagt mir, dass die Niere bereits auf dem OP Tisch Urin produziert hat (Best Case - sie arbeitet direkt). Eigentlich war geplant, dass ich gegen 14-15 Uhr wieder zurück auf der Station bin, da die Niere, ääähh meine Niere, so viel Urin produziert und die Pfleger mit Infusionen kaum nachkommen, habe ich am Anfang zu wenig Flüssigkeit und deshalb einen viel zu hohen Puls. Gegen 18 Uhr bin ich dann endlich zurück in meinem Zimmer. Kurz darauf kommt meine Family. Sie hat schon ungeduldig darauf gewartet, dass ich im Zimmer bin und hat die Zeit bis dahin bei meiner Mutter verbracht. Sie bestätigen mir auch, dass es ihr gut geht.
Ein Arzt kommt ins Zimmer, er hat die aktuellen Blutwerte dabei. Sie bestätigen, dass die Niere bereits arbeitet. Der Kreatinin ist bereits etwas gefallen.
Ich bin glücklich, endlich war der Tag X. Ab jetzt beginnt ein neues Leben.














