Stehe mit dem Landwirt am Zaun. Sein Auto knurrt  leise am StraĂenrand, wie ein EifersĂŒchtig unterm Ofen hockender Hund, auf der LadeflĂ€che ein Dieselfass mit Zapfanlage. Er war gerade unterwegs, die Maschinen auf den Feldern fĂŒttern, als wir uns trafen. Oder besser, als er anhielt um mir zu helfen â wie so oft hier auf dem Land das MissverstĂ€ndnis, wenn ich mein Rad schiebe statt zu fahren:
âKann ich helfen? PlattfuĂ?â
Alles, was möglich ist muss auch getan werden. Und schnell, aber ungefragt bekomme ich von ihm eine ErklĂ€rung der Landwirtschaft heute, wĂ€hrend wir am Zaun stehen und ĂŒber geschĂ€tzte Dreitausendsiebenhundertvierzig  grasende Rinder auf einer winzigen Weide schauen.
âDas ist alles Hetze. Kein wahres Wort dran â und â viel Schlimmer â in totaler Ahnungslosigkeit ĂŒber die wirklichen VerhĂ€ltnisse! Ăber âŠâ
Er schaut mir tief in die Augen und fast fĂŒrchte ich seine vertrauliche Hand auf meiner Schulter zu spĂŒren
â⊠die Funktion der Natur!â
Er schaut mich aufmunternd an â frag Junge, frag nach der Funktion der Natur â ich suche nach Worten mich dem GesprĂ€ch zu entziehen. Gern akzeptiert er mein verzweifeltes Schweigen und Suchen nach Worten als aufmunternde Frage, mir mal die Natur zu erklĂ€ren:
âAlso, erst mal das mit den Hörnern.â
(Ich sehe eine Scene vor mir, vor kurzem auf einem Gnadenhof. Ein kleines MĂ€dchen an der Hand seiner Mutter schaut sich Ă€ngstlich die KĂŒhe an und fragt:
âMama, was haben die da auf dem Kopf?â
âHörner mein Kleines, das hatten die frĂŒher so.â)
âNatĂŒrlich ist das kein VergnĂŒgen den KĂ€lbern die Hörner auszubrennen â stinkt absolut widerlich, macht keiner gerne â aber es muss eben sein! Was war das frĂŒher fĂŒr ein Elend!â
âJa, ist ganz oft passiert, dass sich die KĂŒhe mit den Hörnern selber den Bauch aufgeschlitzt haben. Laufen nebeneinander her, eine schaut zurĂŒck, dreht den Kopf, die andere lĂ€uft ganz doof weiter â und  Raaaatsch â Bauch aufgeschlitzt, GedĂ€rm rutscht raus und die Kuh ist tod. Ganz elende Sauerei. Oder das sie mit den Hörner in einem Baum feststecken â brechen dann irgendwann kraftlos zusammen, die Hörner so tief und fest in den Baum gerammt das sie verdursten, verhungernâŠâ
Er schaut sich kurz fragend in der weiten Landschaft um
âĂh, aber zum GlĂŒck gibtâs ja fast keine BĂ€ume mehr. Und natĂŒrlich, heute, ginge das mit den Hörnern ja gar nicht mehr, eben wegen der Funktion der Natur.â
âDer Funktion der Natur?â
âKlar! Wir helfen den KĂŒhen mit den Hörnern ja nun schon ein paar Jahre, und wenn wir jetzt aufhören, dann wuchern die Hörner! KĂ€lber wĂŒrden gigantischen Hornansatz haben, Armdicke, messerscharfe Dinger, so schwer, dass sie den Kopf nicht mehr heben könnten! Die Tiere wĂŒrden verenden, weil weder das Fressen noch die Atmung noch richtig funktioniert â drei, vier Hörner wĂŒrden dort wachsen wo sonst eines war, ein Geweih wie bei einem Hirsch! Und verdreht wĂŒrden die wachsen â manche wĂŒrden gebogene, nach innen gedrehte Hörner haben, die sich langsam und qualvoll in den SchĂ€del hineinbohren  â und so die Kuh töten. â
âDarum machen wir das, zum Besten der Kuh. Genauso mit dem Melken â stell dir vor, was passiert, wenn das Kalb die Milch bekommen wĂŒrde!â
âĂh, sollte das Kalb nicht âŠ.â
âPaperlapapp â irgend eine Ahnung, wieviel Milch so eine Kuh produziert?â
Habe ich natĂŒrlich nicht.
âDie ganze Milch, die du im Supermarkt findest! Das sind tausende von Litern! Und jede Kuh gibt davon völlig selbstlos so viel sie kann am Tag, 30, 40, manche sogar 50 Liter â in RumĂ€nien gibt es KĂŒhe, die geben bis zu 80 Liter Milch am Tag! Klar, dass man die nicht mehr mit der Hand melken kann â da mĂŒsste ein Melker den ganzen Tag fĂŒr eine Kuh zustĂ€ndig sein. Darum melken da jetzt Roboter, und die RumĂ€nen kommen hierher â die lieben ja die Tiere, mit Robotern können die nicht so. Darum misten die jetzt hier unsere StĂ€lle aus!â
Ich nicke â die Logik scheint mir stringent.
âAber wenn das KĂ€lber all die Milch trinken wĂŒrden â PENG! Die platzen.â
Er schaute mich an, als wenn ich das nicht gewusst, ja nicht mal geahnt hÀtte. Ich wusste es nicht. Hatte keine Ahnung.
âSo ein Kalb, das trinkt ja ohne Ende, das kann gar nicht aufhören, das ist seine Natur. Abgesehen davon, dass es die Euter blutig kaut trinkt es so viel, das es alle MĂ€gen bis kurz vor dem Bersten gefĂŒllt sind. Und dann bricht es erschöpft zusammen. Das gĂ€rt dann natĂŒrlich in dem Kalb, hat keine Chance das arme Vieh â und mitten in der Nacht: PENG!!
ReiĂt es von Ihnen auf, es platzt regelrecht. Darum muss die Menge an Milch ganz genau dosiert sein, die so ein Kalb bekommt. Wird alles am PC berechnet und automatisch dosiert. Und natĂŒrlich keine echte Milch â das können die gar nicht ab.â
Ich bleibe beim verstÀndigen Nicken.
â Siehst du ja auch daran, wie viele von den KĂ€lbern uns verrecken, was das fĂŒr ein Aufwand es ist solch ein kleines Tier am Leben zu halten! Die sind so empfindlich das wir alle Medikamente brauchen die es gibt, sie absondern â so ein bisschen wie auf der Intensivstation, wenn du als schwerkranker Patient ein Plastikzelt bekommst. Darum diese weiĂen PlastikhĂŒtten â das sie sich nicht anstecken. Und trotzdem â viel schaffen es einfach nicht. Das ist eben âŠâ
âDie Funktion der Natur?â unterbreche ich Ihn. DafĂŒr bekomme ich einen anerkennenden Blick.
âUnd beim Fressen, ich meine, was die Kuh angeht, auch da schauen wir natĂŒrlich aufs Gemeinwohl, und nicht auf uns selbst. Ich sag nur: Afrika!â
âKlar. Afrika. Schon mal in Afrika gewesen?â
War ich nicht. Wieder Ahnungslos.
âDa ist nur noch Sand, nur WĂŒste â und warum, wer hat da gelebt?â
Ich vermag es nicht zu sagen.
âDer Afrikaner, ich meine der richtig schwarze Afrikaner, und der ist eigentlich RinderzĂŒchter. Odxer besser â der WAR RinderzĂŒchter. Gigantische Herden hatten die, und die konnten echt gut mit den Tieren! Muss man schon bewundernd sagen. Haben sie von einem guten StĂŒck Weide aufs nĂ€chste gerieben, sich total bemĂŒht, haben mit den Tieren gelebt, Seite an Seite mit dem Fell Vieh, neben ihnen geschlafen â und dann wurden es so viele, das die ganz Afrika leer gefressen haben. Alles kahl. Und die armen Schweine, also, die Schwarzen, die Neger, die haben alles aber echt alles verloren. Ihre ganze Kultur. Darum kommen die jetzt auch hierher. Wegen den KĂŒhen. Und darum dĂŒrfen wir unsere Tiere auch nicht auf die Weiden lassen â zumindest nicht so oft, nur ganz kontrolliert, sonst vernichten die unsere ganze Kulturlandschaft! Darum fĂŒttern wir sie im Stall, automatisch und auf jede einzelne Kuh zugeschnitten â ĂŒberhaupt, nur nebenbeiâŠâ
Er stupst mich mit dem Ellenbogen an
âWeiĂt du, warum sie kĂŒnstlich besamt werden?â
Ich vermute zu ihrem besten, und ja:
âDie brechen unter den Bullen einfach zusammen â das ist so, als wenn du in einer Familie von Bodybuildern aufwĂ€chst: dein Papa ist einer, dein GroĂvater war ein einer, deine Mutter, deine Schwester â dann wirst du natĂŒrlich auch ein Muskelpaket, und das ist mit den Bullen passiert â jetzt, wo sie sich fast nicht mehr bewegen, sind ja dauern eingesperrt zu ihrem Besten, kommt ihre Natur raus: So groĂ und massig, wenn sie sich auf eine Kuh werfen wĂŒrden die 90 Liter Milch am Tag gibt â die sich ja ohne Hörner auch gar nicht dagegen wehren kann â dann bricht die zusammen. So ein Bulle wĂŒrde den ganzen Stall platt machen! Aus purer Geilheit!â
Dass das nicht passieren darf, leuchtet mir ein.
âDarum die kĂŒnstliche Besamung. In der Natur wĂŒrde sich nur ein kleiner, ja, ein zurĂŒckgebliebener Bulle durchsetzen können, der leicht ist, der keine Muskeln hat und kaum Widerstandkraft. Degenerieren wĂŒrden die Tiere!â
âUnd das mit den FĂŒssen?â
Werfe ich mutig ein, wissend, dass ein GroĂteil der Tiere, die aufgestallt sind eine elende Infektion an den Hufen hat. Die Landwirte schneiden es heraus und kleben Teilweise hölzerne Sohlen unter den Huf. Immer in der eigenen ScheiĂe herumlaufen ist halt nicht wirklich gesund.
âHa! Das ist kein Problem!â
Ich denke fĂŒr das Tier schon, halte aber besser meinen Mund.
âDu siehst, dass wir uns immer mehr der Funktion der Natur anpassen?â
âUnd mit den FĂŒssen, da ist UNS die Natur noch ein StĂŒck hinterher.â
Ich kann eine gewisse Spannung nicht verbergen.
âDie Natur der Kuh ist es, Milch zu geben. Dazu muss sie alles an Futter bekommen, was sie braucht. Die Natur der Kuh ist nicht herumzulaufen und sich zu fragen: Soll ich das Gras essen? Oder das? Oder das da? Mal abgesehen davon, das bei 140 Litern am Tag nicht genug Gras da wĂ€re! Darum sollte die Kuh nicht herumlaufen. Kostet auch ĂŒberflĂŒssig viel Energie, die nicht in Milch umgesetzt wird. Die Kuh sollte â so wie frĂŒher im Anbindestall â an einem Ort sein. Und darum â und da hat sich die Natur halt geirrt â braucht die Kuh keine Beine. Beine und FĂŒĂe, die sich infizieren können! Die Zukunft der Kuh hat keine Beine! Eine beinlose Kuh, auf einer Art Bahre, vor sich eine Rinne in der immer Futter liegt, leise Musik, der Stall in beruhigenden, grĂŒnen Farben â KĂŒhe bevorzugen GrĂŒn â und dann angeschlossen an einen Melkroboter, der sie kontinuierlich Melkt, damit sich keine Milch sammeln oder stauen kann â schon mal diese riesigen Euter gesehen? Sieht schmerzhaft aus, oder?â
âGenau! Und darum â beinlose KĂŒhe und 24 Stunden melken â ich sage dir, das ist die Zukunft! Das ist die:â
âFunktion der Natur!â
Anerkennend landet jetzt doch noch seine Hand auf meiner Schulter.
Dann geht er, nicht ohne mir zu raten mir ein Auto zu kaufen. Fahrradfahren, so erklĂ€rt er, wĂŒrde hier auf dem Land in Zukunft kaum noch möglich sein, schon versicherungstechnisch nicht, da die StraĂen Versorgungswege fĂŒr gps-gelenkte, automatisch fahrende Traktoren werden, die fĂŒtternd und Milch abtransportierend von einem gigantischen Viehversorgungstrakt zum nĂ€chsten fahren.
Der Mensch, der sich sonntags auf dem Land erholen möchte wird dafĂŒr eigene Reservate bekommen, stadtnah. Und auf seine BedĂŒrfnisse zugeschnitten, vielleicht ja auch mit einer Kuh, zum Anfassen. Eine mit Plastikhörnern.
Das ist eben die Funktion der Natur.