Die Sonne brannte seit Tagen auf den Standort. Die Temperaturen kletterten vormittags in rasender Schnelligkeit ĂĽber 25° und erreichten schon um 12:00 Uhr mittags die 30° Schwelle. Der Zug junger Rekruten der Infanterieeinheit befand sich auf dem Höhepunkt der Ausbildung.Â
Für die 27 Männer gab es keine Erleichterung. Eingepfercht in den 3-Mann-Hochbetten war der Schweiß der Nacht in den viel zu engen Stuben zu einem kontinuierlichen Fluss des Leidens geworden. Zugführer Stahlmann weckte nicht um 4:00 Uhr, sondern peitschte die Männer mit seiner Trillerpfeife aus den Betten.
Nackt, wie Gott sie schuf, standen die jungen Männer stramm neben ihren Betten. In dem fahlen Morgenlicht schimmerte ihre Haut weißlich. Stahlmann brüllte den ersten Befehl: „Antreten im Flur in Sporthose und Sportschuhen!“
Niemand der Männer konnte so früh denken, aber es verbreitete sich Erleichterung. An jedem anderen Morgen mussten sie in ihre viel zu heiße Uniformen mit Schaftstiefeln, Krawatte und Stahlhelm steigen, die bei den Temperaturen Qual und Schweiß bis zum Dienstschluss garantierten. Die Männer fragten sich innerlich: „Warum heute so bequem?“
Stahlmann ließ die Männer im Flur durchzählen und bellte dann den Befehl: „Gasmasken aufsetzen!“.  Blankes Entsetzen ließ die aufgekeimte Erleichterung der Männer verpuffen. 27 Männer stürzten in ihre Stuben und setzten sich binnen Sekunden die Masken auf, um dann wie getriebene Ameisen auf dem Appellplatz in Reihe anzutreten.
Während Stahlmann selbst, nur in Sporthosen und mit der Stoppuhr in der Hand, ungerĂĽhrt die Formation abging, hörte er die Männer keuchen und sah die ersten SchweiĂźperlen unter der Maske hervorquellen. Die Sonne bahnte sich langsam ihren Weg, als ob sie das Startsignal gäbe fĂĽr die Qual, die jetzt auf die Männer wartete.Â
Und in den 27 Köpfen rasten die Gedanken, ob sie heute beim FrĂĽhsport scharf leiden werden. Und Stahlmann wusste, was in den Köpfen vor sich ging. Er lieĂź sie strammstehen und ging ohne weitere Befehle zurĂĽck ins Gebäude. Kein einziger Mann dachte, dass die sonst täglichen 3000 m Lauf mit Calisthenics heute auch auf sie warten wĂĽrden.Â
Die angetretenen 27 sahen durch ihre kleinen Gasmaskengläser die aufgehende Sonne und spĂĽrten die ersten Strahlen auf den nackten Oberkörpern. Aber niemand konnte dies genieĂźen, denn die Strahlen erhitzten das Gummi der Gasmaske. Rasend schnell atmeten die Männer die Luft in einer heiĂźen Gummischale vor ihrem Gesicht. Nach der viel zu kurzen Nacht, dehnten sich die Minuten zu Stunden in ihrem Gummigefängnis.Â
Stahlmann hatte dies genau kalkuliert. Er wusste, dass die Männer anfangen zu kochen. Er musste sie nur ein paar Minuten den ersten Sonnenstrahlen aussetzt, um ihre Masken ins unerträgliche aufzuheizen. Nach einer fĂĽr die Männer unerträglich langen Zeit der Regungslosigkeit, kam Stahlmann mit einem weiteren Unteroffizier zu den Männern, und es begann die Kontrolle der Einsatzbereitschaft und PrĂĽfung der Dichtigkeit der Masken.Â
Dies ist ein qualvoller Vorgang, und heute hatte sich Stahlmann etwas besonderes ausgedacht. Einzeln trat er von Mann zu Mann und hielt das Ventil der Maske zu. Der Mann konnte nicht mehr atmen. Die Luftzufuhr war unterbrochen. Er saugte an der Maske wie eine Ertrinkender, aber kein Luftzug konnte durch das Gummi durchdringen. Das perfide war, dass der zweite Unteroffizier die Arme des geprĂĽften Mannes in stahlhartem Griff hielt, um zu vermeiden, dass sich der Mann die Maske vom Kopf riss.Â
Das Saugen nach Luft, nachdem Stahlmann und der Unteroffizier den Mann losließen, war bis ins Gebäude zu hören. Nach dieser Dichtigkeitsprüfung war nur noch ein Keuchen und Japsen nach Luft der 27 durch ihre Masken hörbar.
Die Männer wussten nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber Stahlmanns Uhr zeigte deutlich 4:40 Uhr. Und damit begann die echte Folter.Â
„Laufschritt... Marsch-Marsch!“, gellte Stahlmanns Stimme, kurz nachdem er die Dichtigkeit des letzten Mannes geprüft hatte. Die 27 Körper setzten sich in Bewegung. Es war kein normaler Lauf. Die Gummimasken saugten sich mit jedem panischen Atemzug fester an die erhitzten Gesichter. Die Maskengläser beschlugen sofort, verwandelten die Welt in einen grauen Nebel. Der Schweiß, der nun in Strömen floss, sammelte sich im Inneren der Masken, ein rutschiger, heißer Sumpf vor dem Mund.
Erbarmungslos lief Stahlmann rechts vorn neben der Kolonne, den peitschenden Takt vorgebend. Er trug als einziger keine Maske. Seine Augen wanderten unaufhörlich über die Formation, wie ein Wachhund über sein Revier. Er sah nicht das Leiden, er sah nur die Ordnung und die Einhaltung des Taktes. Ihre Welt schrumpfte zusammen auf den Rhythmus ihrer Tritte im trockenen Gras und das panische, keuchende Geräusch, das 27-fach durch die Ventile brach.
Die ersten tausend Meter waren eine einzige Lektion in Überlebenswillen. Der staubige Boden des Übungsplatzes wirbelte bei jedem Schritt auf und legte sich wie eine graue Schicht auf die schweißnassen, nackten Oberkörper. Durch die beschlagenen Sichtfenster war die Welt zu einem diffusen Etwas verschwommen. Das Ein- und Ausatmen der Truppe klang wie das monotone, panische Fauchen einer defekten Maschine.
Plötzlich riss Stahlmanns Stimme die mühsame Monotonie in Stücke: „Tiefflieger von rechts! Deckung!“
Wie vom Blitz getroffen warfen sich die 27 nassen Körper ins trockene, stachelige Gras. Das harte Gummi der Masken schlug unsanft auf den Boden, nackte Knie und Ellbogen schrammten über Steine und Wurzeln. Doch an Ausruhen war nicht zu denken.
„Zehn Liegestütze! In meinem Takt! Eins... Zwei...“, brüllte der Unteroffizier.
Aus den Ventilen drang nur ein dumpfes, fast unmenschliches Stöhnen, als die Männer versuchten, das Kommando zu erwidern. Das Gummi saugte sich bei jedem tiefen Atemzug so fest gegen Mund und Nase, dass das Gefühl des Erstickens die Muskeln lähmte.
„Auf! Marsch-Marsch!“, gellte Stahlmanns Befehl, noch ehe der letzte Mann den Boden berührt hatte.
Das Tempo wurde merklich langsamer. Die Beine waren schwer wie Blei, die Formation begann bedrohlich auseinanderzubrechen. Einige Rekruten taumelten mehr, als dass sie liefen. Stahlmann registrierte jede Schwäche sofort. Er zog das Tempo an, setzte sich an die Spitze und drehte sich im Lauf um. Seine Stimme schnitt durch den heißen Morgendunst wie ein Rasiermesser.
„Wer die Formation abreißt, für den ist der Frühsport hier nicht vorbei!“, brüllte er gegen das Keuchen an. „Der läuft die 3000 Meter gleich noch mal – in voller Felduniform, mit Stahlhelm und Gewehr in Vorhalte! Und eure Gasmasken bleiben im Gesicht. Ich mache aus euch Soldaten, und wenn ich euch einzeln schleifen muss! Tempo halten, ihr Waschlappen!“
Die Drohung wirkte wie ein brutaler Adrenalinstoß. Die Vorstellung, sich jetzt in die dicke Tuchuniform zwängen und mit Extragewicht in die glühende Sonne zu müssen, mobilisierte die allerletzten Reserven. Blind vor Erschöpfung, den eigenen Herzschlag wie ein Hämmern in den Schläfen, liefen sie weiter. Sie liefen nicht mehr für das Vaterland oder den Dienstgrad – sie liefen nur noch, um Stahlmanns nächster Schikane zu entkommen.
Die mörderische Hitze und der Sauerstoffmangel forderten ihr erstes Opfer. Keine fünfhundert Meter vor dem Ziel sackte Rekrut Weber mitten im Schritt in sich zusammen. Seine Knie gaben nach, er schlug ungebremst mit dem Gesicht voran auf den harten Boden. Das dumpfe Aufschlagen des Gummis auf der Erde war kaum zu hören, aber die Lücke in der Formation war sofort spürbar.
Zwei Männer stoppten instinktiv, um ihm aufzuhelfen, doch Stahlmann war schon heran. Seine Stoppuhr tickte unerbittlich.
„Wer hat Ihnen erlaubt anzuhalten?!“, brüllte er den nächsten Rekruten an. „Weber bleibt nicht liegen! Aufheben! Mitschleifen! Wenn er nicht laufen kann, tragen Sie ihn eben! Aber das Tempo wird gehalten!“
Vier Rekruten packten den schlaffen, schweißnassen Körper ihres Kameraden an Armen und Beinen. Ein erwachsener Mann, der sich nicht selbst stützen kann, wird im Zustand totaler Erschöpfung tonnenschwer. Die verbliebenen 26 Männer versuchten, die Formation zu schließen, doch das zusätzliche Gewicht brachte den Rhythmus komplett durcheinander. Das panische Fauchen aus den Gasmasken wurde zu einem verzweifelten, rasselnden Keuchen.
Die Schritte wurden kürzer, das Tempo brach ein. Die Beine zitterten, der heiße Schweiß brannte in den Augen hinter den beschlagenen Gläsern. Sie schafften es einfach nicht. Sie verloren Sekunde um Sekunde.
Stahlmann lief ungerührt neben ihnen. Er sah auf seine Uhr, dann blickte er auf die keuchende, taumelnde Masse aus nackter Haut, Gummi und blanker Erschöpfung. Es gab keine Gnade.
Erbarmungslos brüllte Stahlmann ein letztes Mal: „DECKUNG!“
Das Aufstehen nach diesem letzten Befehl war kein militärisches Aufstehen mehr, sondern ein zähes, schmerzhaftes Aufbäumen gegen den eigenen Körper. Mit den allerletzten Kraftreserven rafften sich die Männer aus dem Staub auf, packten den bewusstlosen Weber erneut und schleppten sich die letzten Meter bis auf den Appellplatz.
Dort warteten bereits zwei Sanitäter. Wortlos übernahmen sie den regungslosen Körper, legten ihn auf eine Trage und transportierten ihn ab. Doch kein Blick der Rekruten durfte ihm folgen.
„In Reihe... Antreten!“, gellte Stahlmanns Stimme über den Platz.
Das Zittern in den Knien ignorierend, die Lungen brennend vor Sauerstoffmangel, formierten sich die verbliebenen 26 Männer. Der Schweiß stand zentimetertief in den Masken, das Gummi klebte wie eine zweite Haut auf ihren Gesichtern. Stahlmann stand vor ihnen, die silberne Stoppuhr in der Hand. Sein Blick glitt kalt über die keuchende Reihe.
„Drei Minuten und vierzig Sekunden über der Zielmarke“, verkündete er mit einer schneidenden, emotionslosen Ruhe. „Ein Totalausfall. Eine Schande für diese Einheit.“ Er steckte die Uhr langsam in die Tasche seiner Sporthose und fixierte die Männer.
„Das bedeutet: Das Ziel wurde nicht erreicht. Und was wir nicht im Guten lernen, das lernen wir eben auf die harte Art. Die Gasmasken bleiben auf dem Gesicht! In fünf Minuten angetreten auf dem Appellplatz – in voller Tuchuniform, mit Stahlhelm und Marschgepäck! Wiederholung des Frühsports! Weggetreten!“
Das letzte Wort wirkte wie ein Peitschenhieb. Blanker Überlebensinstinkt setzte die erschöpften Muskeln wieder in Bewegung. Wie gehetzte Tiere jagten die 26 Männer zurück ins Gebäude, die Treppen hinauf in ihre viel zu engen Stuben, um sich in die dicken, heißen Uniformen zu zwängen. Die Hölle des heutigen Tages hatte gerade erst begonnen.