Sexueller Missbrauch: Wie Eltern ihre Kinder wirklich schĂŒtzen können
Manche Themen sind so schwierig, dass man schon beim Gedanken daran ins Stocken gerĂ€t. Sexueller Missbrauch gehört fĂŒr viele Eltern dazu. Oftmals bleibt das Thema unausgesprochen, aus Angst, das Kind zu verunsichern oder eigene alte Wunden aufzureiĂen. Gerade dieses Schweigen birgt jedoch eine groĂe Gefahr. Die regelmĂ€Ăig veröffentlichten Zahlen sind erschĂŒtternd. Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland ĂŒber siebzehntausend FĂ€lle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen polizeilich erfasst. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt, da viele Taten nicht gemeldet werden. Kerstin Claus, die Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, betont zudem, dass sich das Grundrisiko durch die digitale Welt erheblich erhöht hat. Wer sich mit diesen Zahlen auseinandersetzt, fragt sich schnell, welche MaĂnahmen Eltern ergreifen können. Die positive Nachricht ist, dass PrĂ€vention nicht erst mit einem schwierigen GesprĂ€ch ĂŒber Missbrauch beginnt. Sie beginnt viel frĂŒher und beilĂ€ufiger, im ganz normalen Familienalltag.
GefĂŒhle benennen ist der erste Schritt
Tanja von Bodelschwingh, Leiterin der Nationalen Informations- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt (N.I.N.A.) in Kiel, betont, dass Kinder ernst zu nehmen und sie zu ermutigen, auf ihre eigenen GefĂŒhle zu hören, der beste Schutz vor sexualisierter Gewalt ist. Dies kann bereits im Kita-Alter beginnen, indem Eltern ihren Kindern helfen, Worte fĂŒr ihre Emotionen zu finden. Wenn Kinder lernen, dass GefĂŒhle wie Traurigkeit oder Wut normal und respektiert sind, entwickeln sie etwas sehr Wichtiges: eine Sprache fĂŒr das, was sich gut und was sich komisch anfĂŒhlt. Nur wer diese Sprache besitzt, kann spĂ€ter auch darĂŒber sprechen, wenn etwas nicht stimmt. Die korrekte Bezeichnung der eigenen Anatomie ist essenziell. Penis ist Penis, Vulva ist Vulva â ohne Verniedlichungen oder Ausweichmanöver. Ann Kristin Hartz, Diplom Psychologin und GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Fachzentrums Sichtbar in Braunschweig, das sich gegen sexualisierte Gewalt einsetzt, betont die Wichtigkeit, dieses Thema offen anzusprechen. Wenn Kinder merken, dass Erwachsene bei solchen Wörtern verlegen reagieren, zögern sie möglicherweise spĂ€ter, ĂŒber VorfĂ€lle zu sprechen.
Nein heiĂt Nein, auch beim Kitzeln
Eng verbunden mit dem Thema GefĂŒhle ist das Thema Grenzen. Hier geht es zunĂ€chst nicht um Missbrauch, sondern um das grundlegende Miteinander. Hartz erklĂ€rt es mit dem Beispiel Kitzeln: Manche Kinder lieben es, andere können es ĂŒberhaupt nicht aushalten. Beides ist völlig in Ordnung, denn Grenzen sind sehr persönlich und jeder Mensch hat das Recht, dass diese respektiert werden. Von Bodelschwingh betont, dass Kinder das Recht haben, Nein zu sagen, auch zu Erwachsenen. Dies gilt selbst in alltĂ€glichen Situationen, wie beispielsweise beim ZĂ€hneputzen. NatĂŒrlich bedeutet dies nicht, dass jedes Nein eines Kindes zu jeder Zeit von den Eltern befolgt werden muss. Vielmehr ist das Aushandeln und gemeinsame Finden von Lösungen ein wichtiger Lernprozess fĂŒr das Kind.
Die gröĂte Gefahr ist nicht der Fremde im Park Viele Eltern warnen ihre Kinder vor fremden Erwachsenen. Obwohl diese Warnungen gut gemeint sind, sind sie aus Sicht von Fachleuten wenig hilfreich. Von Bodelschwingh rĂ€t ausdrĂŒcklich davon ab, Kinder mit pauschalen Warnungen zu verunsichern, da dies zu erhöhter Angst und Schweigen fĂŒhren kann. Im schlimmsten Fall kann ein Kind nach einem Ăbergriff sogar glauben, dass es selbst schuld sei, weil es nicht vorsichtig genug war. Hinzu kommt, dass das Bild vom bösen Fremden schlicht nicht der RealitĂ€t entspricht. Hartz betont, dass TĂ€ter in den allermeisten FĂ€llen aus dem nahen Umfeld wie der Familie oder dem Freundeskreis stammen. Es ist daher entscheidend, Kinder generell fĂŒr GrenzĂŒberschreitungen zu sensibilisieren, unabhĂ€ngig davon, ob der TĂ€ter fremd ist oder nicht. Kinder mĂŒssen wissen, dass sie auch ĂŒber Dinge sprechen dĂŒrfen, die ihnen jemand verboten hat zu erzĂ€hlen. Hartz unterscheidet hier zwischen guten und schlechten Geheimnissen, eine Unterscheidung, die Kinder kennen sollten.
Was vor Ferienlagern wirklich hilft
Eltern geben ihren Kindern oft eine Liste von Verhaltensregeln mit, wenn diese ins Feriencamp oder zum Training fahren. Hartz rĂ€t jedoch davon ab und empfiehlt stattdessen, sich die Schutzkonzepte der Veranstalter im Vorfeld anzusehen. Eine offene und transparente Kommunikation darĂŒber ist ein positives Zeichen. Das Kind sollte das GefĂŒhl haben, jederzeit erreichbar zu sein, und wissen, dass es sich jederzeit an einen wenden kann, wenn etwas nicht stimmt. Mit zunehmendem Alter wird SexualitĂ€t zu einem wichtigeren Thema. Von Bodelschwingh betont die Bedeutung von AufklĂ€rung ĂŒber positive SexualitĂ€t, die Gewalt klar benennt. Jugendliche sollten wissen, dass sie jederzeit Nein sagen können, auch wenn sie vorher Ja gesagt haben. Wichtig ist auch, dass sie ihre Rechte kennen. So ist es beispielsweise gesetzlich verboten, dass LehrkrĂ€fte oder Trainer eine Beziehung zu einer ihnen anvertrauten Person beginnen.
Wenn sich ein Kind anvertraut
Der wohl schwierigste Moment fĂŒr Eltern ist, wenn ein Kind etwas erzĂ€hlt, egal ob es vage oder konkret ist. Bodelschwingh betont, wie wichtig es ist, das Gesagte ernst zu nehmen und nicht zu ignorieren oder abzutun. Gleichzeitig rĂ€t sie davon ab, ĂŒberstĂŒrzt zu handeln, auch wenn der Drang, sofort etwas zu unternehmen, groĂ ist. Stattdessen empfiehlt sie ein ĂŒberlegtes Vorgehen. Hier kommen spezialisierte Anlaufstellen ins Spiel. N.I.N.A. zum Beispiel, bietet eine Beratung an, die auch anonym genutzt werden kann, und unterstĂŒtzt Eltern und FachkrĂ€fte dabei, die Situation einzuordnen und die nĂ€chsten Schritte zu planen. Besonders wichtig ist vor allem immer, dass das Kind spĂŒrt, ernst genommen zu werden und mit dem Erlebten nicht allein zu sein. Quellen: https://nina-info.de https://beauftragte-missbrauch.de// https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2024/pks2024_node.html Die Sicher-Stark-Initiative zĂ€hlt bundesweit zu den wichtigsten Anlaufstellen, wenn es um den Schutz und die StĂ€rkung von Kindern geht. Seit ĂŒber 30 Jahren engagiert sich ein interdisziplinĂ€res Team aus PĂ€dagog:innen, Psycholog:innen, IT-Expert:innen und ehemaligen Polizeibeamt:innen fĂŒr die Sicherheit von Kindern. In ganz Deutschland bietet die Initiative praxisnahe Schulungen, Elterntrainings und Webinare an â mit dem Ziel, Kinder frĂŒhzeitig zu stĂ€rken und ihnen ein sicheres, selbstbestimmtes Leben in analogen wie digitalen Lebenswelten zu ermöglichen. Mehr Infomationen: https://www.sicher-stark-team.de/ FĂŒr RĂŒckfragen: BUNDESPRESSESTELLE SICHER-STARK Hofpfad 11 D - 53879 Euskirchen Service -Tel. 0180 - 5550133-2* Service -Fax: 0180 - 5550133-0* (* 0,14 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz; maximal 42 Cent pro Minute aus dem Mobilfunknetz.) Internet:www.sicher-stark-team.de E-Mail: [email protected] Autorin: Daniela Schönwald












