Ich bin der Einzige, der ihn sieht. Er steht da ganz alleine am Gartentor und schaut mich an. Meine Hand zittert, doch ich bleibe ganz ruhig.
Er hebt langsam den Arm und sein weißer Finger zeigt starr auf mich.
“ Geht schon mal rein. Ich bringe noch meine Jacke ins Auto.”
sage ich und die Anderen verschwinden ins Haus.
Ich gehe auf die Gestalt zu. So vertraut er mir auch ist, so spüre ich doch die Furcht vor dem, was kommt.
“ Ich kenne dich.” höre ich mich sagen. Meine Stimme beginnt zu zittern und ich habe Mühe ruhig zu klingen.
“ Es ist der Husten, oder? Ich hätte es wissen müssen, als das erste Mal Blut kam.” In diesem Moment wird mir klar, dass das Kratzen im Hals weg ist. Auch habe ich keine Schmerzen mehr in der Brust. Ich fühle nichts. Nicht die Kälte des Abends, oder den leichten Wind, der mir übers Gesicht streicht.
“ Warte noch.” sage ich. “ Ich habe eine Bitte an dich. Eigentlich zwei Bitten, doch die Erste ist etwas sehr Großes.”
Der Alte hebt die Brauen und schaut mich fragend an.
“ Ich möchte noch einen Tag. Nur einen Tag um mich von allen und allem zu verabschieden. Dann werde ich mit dir gehen. Was ist schon ein Tag im Leben eines zeitlosen Geistes? Für dich sind doch Monate nur Minuten und Jahre Stunden. Was ist da schon ein Tag? Ich bitte dich. Lass mir noch das Bisschen Zeit.”
Eine lange Stille tritt ein. Es fühlt sich an, als würde die ganze Welt erstarren.
Nur auf seine Entscheidung warten. Seinen Entschluss.
Plötzlich dreht er sich um. Er wendet sich von mir ab und geht die Straße entlang davon. Sein Mantel bewegt sich kaum, obwohl ein leichter Wind geht.
Ich kann ihn spüren!
Ich spüre den Wind wieder, und die Kälte!
Er hat meine Bitte akzeptiert. Einen Moment lang fühle ich mich wie im Rausch
durch all das Adrenalin, welches plötzlich durch meine Venen schießt.
Ich wirble herum und renne zu den Anderen ins Haus, vordere sie auf sich zu setzen, mir zu zuhören. Ich erkläre ihnen wie wichtig sie mir sind und wie sehr ich die Zeit mit ihnen genieße, doch ich muss leider los, da ich wo anders dringend gebraucht werde. Ich umarme sie alle und fahre los. Schnell, schneller. Ich habe keine Zeit mehr. Ein Tag ist plötzlich so kurz wie ein Atemzug. Ein letzter Atemzug.
Ich suche meine Liebe auf, schütte ihr mein ganzes Herz aus und schwöre, dass es ewig ihr gehören würde. Wir liegen uns lange in den Armen, ehe ich auch sie verlasse. Ich fahre nach Hause, rufe meine Familie zusammen und danke ihnen. Ich danke ihnen für alles, was sie für mich getan haben. Danke ihnen für Beistand, Geborgenheit und Unterstützung. Ich sage ihnen wie sehr ich sie liebe, und dass ich jetzt weiter muss.
Ich schreibe Briefe an jene, die ich heute nicht erreichen kann und fahre zu jedem Freund, der nahe genug ist ihn zu erreichen.
Ich danke ihnen für die gemeinsame Zeit. Für Lachen, für Weinen, für Krieg und für Frieden. Als der Tag sich seinem Ende nähert stehe ich auf einer Wiese. Nach meinem letztem Besuch bin ich weiter gefahren bis der Tank leer war. Danach bin ich gerannt. Weg von der Straße, durch den Wald, über ein Feld, bis hier hin. Ich sehe wie der Himmel sich langsam rot färbt.
Das hohe Gras um mich herum krümt sich, doch ich spüre den Wind nicht mehr.
Als ich mich umdrehe steht er wieder da.
Ich weiß nicht wie ihr ihn euch vorstellt, doch ich sehe ihn.
Ein großer Mann mit breiten Schultern und kräftiger Statur.
In einen schwarzen Mantel gehüllt und mit einem schwarzem Hut auf.
Ich habe ihn schon früher manchmal auf eine gewisse Entfernung gesehen.
Doch nie sein Gesicht. Das sieht man erst, wenn es an der Zeit ist.
Ihr denkt sicher, dass er sehr muskulös und bedrohlich aussieht, doch das ist nicht der Fall. Sein Gang, seine Haltung und seine Bewegungen sind gebeugt, schwach und müde. Er trägt das Gewicht von Trauer, Schmerz und Angst auf seinen Schultern. Egal ob ein Baum dem Feuer zum Opfer fällt, ein Hund vor ein Auto rennt oder ein Stern verglüht. Er ist da. Er ist der letzte Begleiter, der letzte Freund, der an deiner Seite steht. Damit du nicht alleine bist.
Ich spüre wie Tränen über mein Gesicht rollen und ich falle vor ihm auf die Knie. “ Ich bitte dich. Nimm mir die Angst. Die Angst vor dem was kommt. Vor dem was mich erwartet.”
Mit müden Augen schaut er auf mich herab und legt schließlich seine Hand auf meinen Kopf.
Plötzlich sehe ich Bilder vor meinen Augen. Doch es ist nicht mein Leben wie es war. Es ist das Leben meiner Freunde.
Ich sehe wie mein bester Freund und meine beste Freundinn sich in den Armen liegen.
Ich sehe meine Eltern auf der Hochzeit meiner Schwester tanzen.
Meinen Bruder, der sein erstes Kind in den Armen hält.
All meine Freunde, wie sie heiraten, Kinder kriegen, Liebe und Glück finden.
Die Zukunft ist ungewiss und wir verändern sie mit jeder unserer Entscheidungen, doch so könnte es sein. So könnte alles passieren.
Meine Angst ist wie weg gefegt und ein Gefühl der Ruhe überkommt mich.
Ich schaue auf in den sternenklaren Nachthimmel über mir.
“ Sie alle werden glücklich sein.” sage ich. “ Nun. Nun kann ich mit dir gehen. Jetzt wo ich weiß, dass es ihnen allen gut ergehen wird. Ich bin befreit und ganz gleich was kommt. Ob Himmel, Hölle, Nirvana, Paradies oder ein ganz neuer Anfang. Ich bin bereit.”
Er reicht mir seine Hand und zum ersten Mal, seit ich ihn das erste Mal sah,
sehe ich den Tod lächeln.
~ Der Rabenprinz