ex10215 - eins [Kräuseln]
Verloren und irgendwie verbraucht stehst du vor den Glastüren irgendeines Bäckers in irgendeiner Stadt und starrst auf die in weißen Buchstaben und Zahlen auf das Glas geklebten Öffnungszeiten, ohne die Kraft oder Motivation aufbringen zu können, ihnen in deinem Kopf einen Sinn zu geben. Du bist auf der Suche nach deiner persönlichen Krönung des Abends, der mittlerweile zu einem hellen Morgen geworden ist: Ein vollautomatischer, heißer Abfuck-Kaffee und eventuell ein Brötchen, ein frisch belegtes Abfuck-Brötchen, wenn du es so willst. Aber eigentlich geht es nur um den Kaffee, auch wenn der sich, seitdem man draußen rauchen muss, schon lang nicht mehr so sehr nach Abfuck anfühlt, wie er es einmal tat. Trotzdem hältst du an deinen Angewohnheiten fest, an dem Ritual, diesen Kaffee zu Trinken um einen weiteren Abend am Abgrund zu Feiern, von dem du später, wenn du aufwachst, wahrscheinlich schon wieder die hälfte vergessen haben wirst. Generell scheint es als sei dieser Abend, Morgen, wie auch immer man diese Feierzeitspanne nennen mag, geradezu dazu prädestiniert alte, schlechte Angewohnheiten wieder aufleben zu lassen.
Du musst wohl genauso nach Abfuck aussehen, wie sich der Kaffee, den du dir so wünschst, anfühlen soll, weil anscheinend sogar der Mann, der mit dir dort vor den Türen wartet, mitleid für dich aufbringen kann und dich noch einmal darauf hinweist, dass der Bäcker nun geöffnet hat, nachdem du dich vor den Glastüren irgendeines anderen Ladens zusammensacken lassen hast, dich schlussendlich sogar noch als erstes bestellen lässt.
Anstelle des Abfuck-Brötchens bestellst du einen Schokomuffin, von dem du gleich wieder bereust, dass du ihn gekauft hast, weil er dich nur an die Dinge - kindliche Freude - erinnert, die du vergessen wolltest.
Sie hatte gesagt, du sollst auf dich aufpassen, weil sie glaubte, dass du das nicht tun würdest.
Recht hatte sie. Du wolltest es nicht zugeben, aber sie hatte Recht damit und du logst ihr ins Gesicht, dass du es in Zukunft tun würdest. Eiskalt. Weil die Realität so selten eine Rolle spielte. Weil wir nur Inszenierungen sind. Lediglich Verschnitte unseres Lebens, die wir mit anderen teilten, oder auch nicht. Was du mit ihr in Zukunft teilen würdest, lief gegen null und so spielte lediglich der Moment eine Rolle und das Bild, das du in diesem Moment hinterlässt. Und wenn du ehrlich bist, war selbst das nicht relevant, die Realität auszusprechen hätte es nur komplizierter gemacht, unvorhersehbar.
Beim ersten gierigen Schluck verbrennst du dir tierisch die Zunge, von der du dir nicht einmal mehr sicher bist, ob die Küsse der fremden Mädchen in dieser Nacht sie nicht schon zuvor Taub werden lassen haben. Wahrscheinlich solltest du dich wohl darüber freuen, aber es ist so unendlich belanglos, so wie deine nun verbrannte Zunge und der Abfuck-Kaffee in deiner Hand, der einfach nicht mehr abfuck sein will. Du fühlst dich auf eine gewisse Weise erfrischt, ob der Erkenntnisse, die du in den letzten Tagen über dich gewonnen hast und im gleichen Moment aber auch zerrissen. Du fängst an dich zu Fragen, wie viel du von dir Selbst eigentlich wirklich weißt, denn die Worte, die wie schwere Steine aus den Mündern der Menschen in deine Seele fielen, schlagen gigantische Wellen, brechen sich an den Innenwänden deines Kopfes, kräuseln die Oberfläche des Meers in dir, verknoten deine Gedanken, verbinden sich, schlagen neue Wellen, hören nicht auf, hören niemals auf Fragen wie Sand vom Grund dieses Meeres aufzuwirbeln. Verhallen nicht.