Frei sein
Frei sein
Tage in den Bergen und an den Grenzen
Deutschland, vor einem halben Jahr: Ich habe nie irgendwie das WAHRE gesehen. 7 Uhr frĂŒh. Wecker klingelt. All die EinflĂŒsse im Bus auf dem Weg zur Schule prasseln auf einen wie ein Wasserfall ein. Den Wind wenn man aus dem Bus steigt, nimmt man gar nicht mehr wahr. TatsĂ€chlich ist alles etwas abgestorben. In uns. Wir denken und fĂŒhlen doch nehmen im Grunde nichts wahr. Geht der Alltag nicht oft an uns einfach so vorĂŒber? Das habe ich in den halben Jahr am meisten gelernt: Sich und andere, jede einzelne Sache bewusst wahr zu nehmen. Zu erleben. Und wenn es noch so banal ist.
Ich arbeite in der Bergschule Avrona in Tarasp,, Teilort Avrona, Kanton GraubĂŒnden. 30 Minuten mit dem Auto nach Ăsterreich und 45 Minuten nach Italien. Die Schule ist oben auf einen Berg. Weit weg von SmartphonegeplĂ€rre, AutolĂ€rm, schimpfenden Passanten und Trubel. Ohne Fernseher, manchmal gar ohne Zeitung. Einfach nur wir. Rund 25 Kinder und etwa 30 Mitarbeiter. Von SozialpĂ€dagogen, Lehrer, Freiwillige und Praktikanten. Mein Chef meinte mal, wir sind ein kleines Universum. Voll TrĂ€ume, Hoffnung, Erfahrungen und unterschiedlichen Menschen. Es ist kein Zufall, dass wir hier sind. Es hat uns angezogen. Und tatsĂ€chlich: Diese paar Hektar auf dem unsere Schule, die WohngebĂ€ude fĂŒr SchĂŒler, Lehrer und Praktikanten steht, der HĂŒhner und Pferdehof und ein kleines Gasthaus schmĂŒcken Avrona. Der Rest? BĂ€ume...Rehe...und gerade in dieser Zeit viel Schnee. Nach Feierabend muss ich oft einen kleinen HĂŒgel runter laufen der mich zu meiner Wohnung fĂŒhrt in der ich mit fĂŒnf anderen wohne. Am Hang schaue ich meist nochmal in den Himmel, denke nach oder genieĂe einfach die absolute Freiheit.
In unserer Einrichtung gibt es drei Wohngruppen auf denen Jugendliche im Alter zwischen 11-18 Jahren wohnen. Die drei Wohngruppen sind bunt gemischt. NatĂŒrlich wird darauf geachtet das die Jugendlichen einigermaĂen âzueinander passenâ. Ich arbeite auf der âWohngruppe 2â mit mittlerweile 9 Jugendlichen. Die SchĂŒler sind dort weil sie verschiedene Probleme haben. VerhaltensauffĂ€lligkeiten, Lernprobleme oder gar manchmal leichte geistige Behinderungen. Nach einem Jahr erfahre ich immer mehr ĂŒber die Jugendlichen. Aber auch ĂŒber mich selber. Die Kinder sind sehr feinfĂŒhlig, merken genau deine StĂ€rken und SchwĂ€chen und sind sehr empathisch. Unsere Schule hat des öfteren den Namen Sonderschule weg. Einige bezeichnen unsere Kinder als âschwerâ. Das wĂŒrde ich mir nie anmaĂen. NatĂŒrlich bin ich durch die verschiedene Charaktere an meine Grenzen gekommen, war verzweifelt, traurig, wĂŒtend oder gar unfair. Aber all die Emotionen die hoch kommen, sind normal. Die Menschen sind dort, weil sie Schwierigkeiten haben, mit denen sie nicht umgehen können. Eventuell, weil sie auch viel Pech im Leben hatten und viel erlebt haben. Es sind Menschen, die Leben, vielleicht viel mehr als wir, die dauernd unser Leid beklagen, wie schlecht es uns doch geht. Die Kinder haben so unsagbar viele Talente. Von Stimmen bis hin Schauspielwunder ist alles dabei. Und trotz aller, wo sie wissen, dass sie in einem Heim sind und nur in den Ferien oder jedes 2te Wochenende nach Hause können, machen sie eins: Sie sein. Ganz unbeschwert. Klar, manchmal mit Phasen, Intrigen uvm. Sie versuchen sich, so glaube ich, gegen Ihre GefĂŒhle zu wehren, haben Angst vor der RealitĂ€t oder fĂŒhlen sich allein. Ich glaube aber an die Jugendlichen, denn jeder von ihnen ist etwas besonderes. Aber: Oft genug flieĂen auch in mir auch viele Schimpfwörter und Phasen wie âwie man nur so sein kannâ oder âso was wĂŒrde bei uns gar nicht normal seinâ. Ich darf keine konkreten Beispiele nennen, was unsere Jugendlichen denn so anstellen. Wichtig ist, jeden Tag neu anzufangen und den Menschen und sich selber, nicht aufzugeben. Mein Tag beginnt manchmal mit der FrĂŒhschicht. Dort ist es meine Aufgabe darauf zu achten das die Kinder aufstehen, mit mir FrĂŒhstĂŒcken, Zimmer aufrĂ€umen und ganz normal mit mir zum Morgenkreis gehen. Im Morgenkreis werden AnkĂŒndigungen getĂ€tigt wie KrankheitsfĂ€lle oder besondere Ereignisse. Meist wird auch eine kleine Szene aufgefĂŒhrt oder zusammen ein Lied gesungen. Danach gehen die SchĂŒler zur Schule und haben Unterricht wie Deutsch, Mathe, Englisch, Theater, Klettern, Langlaufen, Werken, Praxis, Naturwissenschaften, Schwimmen, Sport, Eurythmie, Kunst uvm. Der Stundenplan ist sehr Personenspezifisch. So wird z.B. ein kreativer SchĂŒler bestĂ€rkt in dem er z.b. viel Kunst und Theater im Stundenplan hat. In dieser Schulzeit putze ich noch etwas die Wohngruppe oder mache sonstige Erledigungen. Um 12 kommen die SchĂŒler wieder kurz auf die Wohngruppe um mit uns Betreuern Mittag zu essen. Wir haben einen Diplomkoch an unserer Schule der uns mittags und abends mit leckerem essen versorgt. Am Wochenende kochen wir meist mit den SchĂŒlern alleine. Nach dem Essen haben die SchĂŒler Haushaltsaufgaben wie wischen, fegen, Tisch abrĂ€umen, Gang sauber machen, GlastĂŒren putzen, Kompost oder MĂŒll raus bringen, Bad putzen, Toilette putzen, abwaschen, abtrocknen, Kaminholz holen uvm. Nach diesen Aufgaben wo ich sei bei unterstĂŒtze haben sie Zimmerzeit wo sie ihre Hausaufgaben machen können und ich ihnen helfe. Danach geht es fĂŒr zwei Stunden wieder in die Schule. In der Zeit habe ich meist Pause. Ab 16 Uhr gibt es das âZ'vieriâ in der die Kinder eine Zwischenmahlzeit einnehmen. Oft Obst, GemĂŒse aber natĂŒrlich auch mal Schokolade. In der anschlieĂenden Zeit ist alles möglich. Workshops, Arbeitsgruppen, einfach nur zusammen chillen, spielen, basteln, kochen, backen, Musik machen oder einfach rumgammeln. Oft brauchen die Jugendliche aber auch ihren Freiraum, fragen ob sie nach Scuol dĂŒrfen (Ein 2000 Einwohnerdorf mit vielen Touris) oder auf die anderen Wohngruppen zu ihren Freunden. Abends wird zusammen gegessen. Danach gibt es wieder Haushaltsaufgaben auch Ămtlis genannt. Dann gibt es Freizeit. Ich habe aber z.b. jeden Mittwochabend eine Theatergruppe. Mein Ziel ist es mit den Jugendlichen ein modernes StĂŒck aufzufĂŒhren. Ich habe erst mit 2 Jugendlichen angefangen und habe mittlerweile 4 zuverlĂ€ssige Jugendliche die es echt packen wollen, was mein Traum wĂ€re und auch eine BestĂ€tigung fĂŒr meine Arbeit. Es gibt auch noch andere Gruppen wie freiwilliges töpfern, Unihockey oder vor kurzem gab es noch die Theaterproben zum Weihnachtsspiel. Am spĂ€ten Abend sitzen wir noch meist gemĂŒtlich zusammen, trinken Tee oder spielen noch etwas. So um 21.30 gehen alle Jugendlichen ins Bett. Der Alltag ist sehr mit Regeln und Grenzen verknĂŒpft. Wer raucht und erwischt wird bekommt einen Strich, bei drei Strichen muss er 5 std Arbeiten oder wandern gehen. Das Handy wird erst nach dem Abendessen rausgegeben und darf nur bis maximal 22 Uhr benutzt werden. Das auch nur auf dem eigenen Zimmer. An den Computer im Medienraum dĂŒrfen sie nur 30 Minuten in der Woche. FĂŒr Bewerbungen schreiben etc. gern auch lĂ€nger. Viel muss begleitet werden und oft fĂŒhlen sich die Jugendlichen eingeengt. Aber: Ziemlich toll an der Dienststelle ist folgende Sache: Ich werde total eingebunden. Meine Wohngruppenchefin ist auch ein echtes Vorbild fĂŒr mich. Auch meine anderen Teamkollegen sind mega toll. Sie unterstĂŒtzen mich, fördern mich und helfen mir dabei, mich selber zu finden. Ich habe viel Mitbestimmungsrecht und allerhand Möglichkeiten. So wird auch bei Jugendlichen nach meiner Meinung gefragt, darf an sĂ€mtliche Konferenzen teilnehmen und kann die SozialpĂ€dagogen bei ihrer Arbeit in einem groĂen Umfang unterstĂŒtzen. So plane ich auch mit meiner Chefin eine Abschlussreise nach Berlin mit unserer Wohngruppe. RĂŒckblickend habe ich schon so viel erlebt und geschafft. Ich habe bei einer 3 Tageswanderung mitgemacht, war 2 Tage in Italien, habe 20kg abgenommen, bin ruhiger im positiven Sinne geworden, versuche Ski fahren zu lernen, bin sportlich an meine Grenzen geraten, habe einfach nur ein Lagerfeuer gemacht, ausgiebig shoppen, im Wald gelegen, Feste vorbereitet, mich musikalisch und theatralisch weiter gebildet, habe gelernt was eine Wohngemeinschaft bedeutet und erfahren was ich bin. Jemand der lebt und etwas verblendet war. Ich habe es lieben gelernt einfach rodeln zu gehen, den Schnee auf meine Zunge zu spĂŒren, einfach nur am Boden liegen und lachen oder 2 Stunden sinnlos Mau Mau zu spielen. Freude am leben. Sich selber nicht so ernst nehmen und die Arschbacken zusammen kneifen und Probleme anpacken. Einatmen und ausatmen ganz ruhig, statt durch das Leben zu hetzen. Im Mondschein geschaukelt und einen Berg bestiegen. Die persönliche Herausforderung fĂŒr mich ist: Mit mir zufrieden zu sein. Ăber das glĂŒcklich zu sein was ich habe und Lösungsorientierte AnsĂ€tze fĂŒr Probleme zu finden, auch mit den Kindern. Ăber Ăngste zu steigen und einfach mal Dinge zu tun, die man sonst nicht tun wĂŒrde. Das groĂe Thema hier ist GlĂŒck und Freiheit. Denn alle hier sehen sich nach einer Gemeinschaft. Einfach glĂŒcklich sein. Hier ist alles gelassener, ruhiger und orientierter am Leben. Auch die politische Welt ist hier anders. Direkte Demokratie hautnah. Menschen mit so vielen Facetten und unterschiedlichen Kulturen, dazu eine Sprache die merkwĂŒrdig klingt aber doch irgendwie schön ist. FĂŒr die zweite Halbzeit, nehme ich mir ganz bewusst folgendes vor: So weiter machen, dankbar sein und ein TheaterstĂŒck auffĂŒhren. :)



















