10. Zürcher Filmfest 2014:
Toto and his sisters
Internationaler Dokumentarfilm, Wettbewerb
Dok, Rumänien, 2014, 93 Min, DCP, Farbe
Regie: Alexander Nanau, Drehbuch: Alexander Nanau Kamera: Alexander Nanau Schnitt: Alexander Nanau, George Cragg, Mircecea Olteanu Ton: Matthias Lempert, Florian Ardelen Produzente: Valeriu Nicolae; Catalin Mitulescu; Alexander Nanau
Am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen
Filmkritik von Judith Schuck
15 Monate begleitete der rumänisch stämmige Filmemacher Alexander Nanau Ana (17), Andreea (15) und Totonel (10). Die bitterarme Wohnsiedlung am Rande der Hauptstadt Bukarest ist alles andere als das ideale Milieu für einen guten Start ins Leben. Hier geht es nur ums Überleben. Irgendwie. Während die Mutter der drei Roma - Kinder wegen Drogenhandels im Gefängnis sitzt, kümmert sich vor allem Andreea um ihre Geschwister. Die heruntergekommene Wohnung versuchen die sie mit viel Mühe und einfachsten Mitteln halbwegs in Schuss zuhalten – doch wird ihre Bleibe weiterhin von Junkies heimgesucht, die sich auf dem selben Sofa Heroin drücken, auf dem Toto spielt. Auch Ana steckt schon tief in diesem Sumpf.
Es ist manchmal kaum nachzuvollziehen, wie Regisseur Nanau diese intimen Bilder einfangen konnte. Wie er selbst berichtet (Interview, Variety, 22.092014), hätte er sich nach und nach das Vertrauen der Leute erworben. Zudem erhielt die äusserst toughe Andreea eine Kamera von ihm, die sie teilweise für ein Videotagebuch nutzt, aber damit auch einen ergreifenden Dialog zwischen ihr und Ana aufzeichnet. Nachdem Ana der Polizei wegen ihrer Drogengeschichte noch einmal entkommt, möchte sie clean werden und eine Ausbildung beginnen. Aber das heimische Umfeld führt sie schnell zurück zum Heroinkonsum – anstatt mit Andreea und Toto in eine Art Waisenhaus zu fliehen, bis die Mutter aus dem Gefängnis entlassen wird, gibt sie sich der Sucht hin und wirft den Geschwistern schliesslich vor, sie und die Mutter verraten zu haben.
Der Film erschüttert auf Grund seiner Härte. Die Story steht nicht nur für dieses Familienschicksal, es ist die Realität vieler Vergessener, an den Rand Gedrängter. Und er berührt, weil es trotz aller Widrigkeiten Lichtblicke gibt: Andreea beeindruckt mit ihrer Willensstärke und Reife; und der Film zeigt Totos erste Erfolge als Hip - Hop - Tänzer.
Die vielen halbnahen und nahen Kameraeinstellungen führen den Zuschauer in diese paralysierende Welt hinein. Nanau erspart sich jeglichen Kommentar und lässt die Menschen vor Ort zu Wort kommen. Um die Ereignisse möglichst realitätsnah zu erzählen, benutzt er teilweise Archivmaterial der Drogenfahndung von der Razzia, als einst die Mutter verhaftet wurde. Dieser Wechsel von einer neutral beobachtenden Kamera, den Polizeivideos und der von Andreea geführten Kamera eröffnen dem Zuschauer verschiedene Perspektiven auf die Geschehnisse, welche gerade durch die jeweils verschiedenen Blickwinkel zu mehr Offenheit und Glaubwürdigkeit beitragen.
Nach seiner Weltpremiere in San Sebastian im September 2014, feiertToto and his sisters nun beim 10. Filmfest in Zürich seine deutschsprachige Erstaufführung. Und es bleibt nur, dem Film zu wünschen, noch viel gezeigt und gesehen zu werden.










