In 10 Tagen bist du seit einem Jahr tot.
Kaum zu glauben, dass ich vor einem Jahr die Schlimmste Zeit meines Lebens durchgemacht habe. Es fühlt sich noch so real an, so echt, als wäre es gestern gewesen.
Ich hab gelernt damit zu leben, mit den Schmerzen zu leben, mit all den traurigen Erinnerungen, die mir mehr als einmal die Luft zum Atmen genommen haben.
Mein Vermissen hat sich in keinster Weise gelindert, ich sehe die Bilder, deine Augen und dann sehe ich dich vor mir. Ich esse deine Marmelade, blättere in deinen Büchern, trage dienen Schmuck.
Du bist weg, aber es ist noch so viel von dir da.
Manchmal überlege ich mir all die Geschichten, die ich dir zu erzählen hätte, aufzuschreiben, mein ganzes Leben.
Hätte mir mal jemand vor 2 Jahren erzählt, du wirst nicht mehr miterleben, wie ich studiere, hätte ich ihn ausgelacht. Mein Gott, du hattest ja noch nicht mal das Alter dafür, warst agil, fit.
Aber du warst schon immer krank, vor 20 Jahren das erste Mal Brustkrebs, dann Metastasen in den Knochen. Ich hab nie was davon gemerkt, mir hat auch niemand was davon gesagt. Als ich das im Nachhinein erfahren habe, war ich wütend, wie feige ihr wart, mir das nicht zu erzählen, im Nachhinein, bin ich froh, nicht schon mein Leben lang damit konfrontiert werden zu müssen.
Ich hab es erfahren, da hab ich dich Weinen gehört im Kinderzimmer mit W. zusammen, schlimme Dinge hast du gesagt, von denen ich hier gar nicht schreiben will.
Ich bin nicht in das Zimmer, ich bin einfach aus dem Haus raus. Ich hab gewusst, irgendwas ist ganz und gar nicht in Ordnung.
Fortan hatte ich das Gefühl die Welt steht still. Deine letzten zwei Jahre datiert in einem dicken Ordner, voll Prognosen, Chemotherapien, Medikamente. In einer Welt voller Hoffnung und Bangen und einem Arzt, der viel zu spät die Notbremse zog. Vielleicht könnte ich jetzt ein Resümee aus dem Ganzen ziehen, denn ich weiß, dass der Schmerz nicht mehr schlimmer wird. Manchmal würde ich noch mal gern die Palliativstation besuchen. Einfach den Gang entlang gehen, um die Ecke abbiegen, und weiter zu deinem Zimmer laufen. Ich könnte den Weg sogar im Schlaf, so tief hat er sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich glaube der Schmerz bleibt ein Leben lang, wie eine Art Mahnwache, um die Liebenden nicht zu vergessen. Zeit heilt keine psychischen Wunden, aber man lernt damit zu leben und irgendwann fühlen sich die Schmerzen, auch gar nicht mehr wie Schmerzen an. Irgendwann ist es vielleicht einfach nur noch eine Erinnerung, an den Verlorenen, die sich eben anders anfühlt, als der Hauptgewinn im Lotto. Das ist ein Gefühl, für das gibt es keinen Ausdruck. Es ist einfach da und bleibt, solange man lebt.