Komische Typen (Vmx Tour in Köln, Kiel und Hamburg)
Die letzte Etappe unserer Guerillabike Promotour führte uns durch Köln, Kiel und Hamburg, durch unzählige Radiostationen und Interviews. Diese Aktion war das Anstrengendste, das wir bis dato zusammen gemacht haben. Aber nicht wegen des Fahrradfahrens. Im Gegenteil. Wenn man nach einer fünfstündigen Autobahnfahrt im Sprinter endlich aus der Karre aus und auf den Drahtesel aufsteigt, dann ist das ein Gefühl purer Freiheit. Außerdem sieht man auf diese Art ausnahmsweise die Stadt. Wenn wir auf eine normale Clubtour fahren sehen wir immer nur Clubs. Von außen, von innen. Voll, leer. Kein Licht. Vitamin D technisch war die Tour ein totaler Bringer. Sie war der ehrgeizige Versuch die Albumpromotion und die Interviews mit dem Guerilla spielen zu verbinden. So hatten wir meistens eine kurze Nacht, eine mehr oder weniger lange Fahrt, ein paar Termine, und dann unsere Tour durch die Stadt. Zunächst ein paar kleinere Stopps mit drei bis vier Songs und einen Abendabschluss, bei dem wir nochmals ein ganzes Konzert spielten. Essens- oder Ruhezeiten einzuplanen haben wir leider vergessen. Ich habe mich in meinem gesamten Tourleben keine zwei Wochen am Stück so miserabel ernährt. Teig und Käse, Teig und Käse, Teig und Käse. Es wird Zeit für eine Gemüsesuppenkur. Ich bin unendlich stolz darauf, wie wir es mittlerweile schaffen zu zehnt (oder meistens sogar noch mehr) diese Arbeitsabläufe zu bewältigen ohne uns zu zerfleischen. Klar gibt es hier und da mal Krach, den obligatorischen Unterzuckerwutanfall, Lästereien in Abwesenheit Einzelner, aber im Großen und Ganzen haben wir einen sehr respektvollen Umgang miteinander gefunden. Wir sind eine Spezialeinsatztruppe. Wenn ich irgendwann mal unbedingt eine Bank ausrauben muss, weiß ich mit wem. Bei jeder dieser Kraftanstrengungen lernt man sich besser kennen. Die Eigenarten und Schattenseiten all dieser komischen Typen muss man lieben lernen, man wird Familie. Das ist so eine Mischung aus Schullandheim und Dschungelexpedition. Ein wenig Big Brother ist auch dabei. Extreme Höhen und Tiefen. Privat sind die alle ganz nett.
Das gilt für die Band. Aber auch außerhalb der Gruppe macht man Bekanntschaft mit allerhand illustrem Volk. Letztens bekam ich ein paar Fotos zugesteckt die Erinnerungen weckten. Eins davon zeigt uns im Schanzenpark, wo wir mit unserem Guerillakonzert eine Geburtstagsparty crashten. Es war nicht der Geburtstag von irgendwem, sondern der von "Kiffer Klaus". Man sieht ihn auf dem Bild in der Mitte vor uns stehen. Er fand das Ständchen gut. Hätte sich aber gewünscht dass wir was von Bob Marley spielen. Wir können nichts von Bob Marley, Daher versuchten wir es mit einer reggeaesken Version von Happy Birthday. Er gab sich damit zufrieden.
In die Top 3 Der absurden Partygäste auf der Straßentournee gehören auf jeden Fall noch der vollkommen dichte Penner in München und der Superangeber in Hamburg:
In München spielten wir an der Reichenbachbrücke. Unser Gast des Tages gehörte vermutlich zur örtlichen Flaschensammler Crew. Er war so dicht, dass er seine Umgebung kaum noch wahrnahm. Er reagierte lediglich auf starke Reize. Beispielsweise auf Musik. Angezogen von unserem Sound und der offensichtlich guten Stimmung, mischte er sich unter das Publikum und suchte sich einen Platz zum tanzen. Den fand er auch. Nämlich zwischen Band und Zuschauern. Da wo ich normalerweise rumlaufe. Hier fühlte er sich wohl und gab sich seiner Trance hin. Eine Weile ließ ich ihn machen. Irgendwann versuchte ich mal ihn anzusprechen, aber da war nichts zu holen. Zu seinem Sprachzentrum gab es kein Durchdringen. Ich glaube die Frauen in der ersten Reihe gefielen ihm. Meine Frau, meine Frau, waren die einzigen Worte die ich verstand. Zufällig zeigte er dabei auf meine Freundin. Daher war ich mir sicher dass er sich täuschte. Die Tanzenden hatten irgendwann eine großartige Idee. Irgendwer sprang nach vorne und bald umtanzten ihn viele, verdrängten ihn so aus der Mitte. Er verlor die Orientierung und verschwand in der Menge. Aber zu früh gefreut, beim nächsten Song war er wieder da, wo die Musik am lautesten war. Direkt bei uns. Als er dann irgendwann stolperte und mit samt meines Bonanza Bikes zu Boden ging, wobei er auch noch einem befreundeten Fotografen den Lautsprecher an die Birne haute, kippte die Stimmung leicht. Zum Glück erbarmte sich Hef unser Tourbegleiter, ihn freundlich aber bestimmt weg zu eskortieren.
In Hamburg an der Alster gab es auch einen, der mir meinen Platz streitig machte. Wir standen direkt am Wasser, vor uns viele Spaziergänger und Leute die es sich auf den Stufen bequem gemacht hatten. Dieser Kandidat witterte hier eine Chance sich in Szene zu setzen. Den Wunsch gesehen zu werden sah man ihm an. Er trug ein Unterhemd, dass seinen auf eine komische Art durchtrainierten, etwas zu braun gebrannten Oberkörper zur Geltung brachte. Eine Sonnenbrille und sehr ölige Schulterlange Locken. Er begriff sofort, dass der Platz vor der Band derjenige war, auf den sich die meisten Blicke konzentrierten. Also schnappte er seinen Basketball und ehe ich mich versah waren wir auf der Bühne zu zweit. Er hatte genau einen Trick drauf, den er beständig ausführte. Er konnte sehr gut den Ball auf seinen Fingern drehen. Auf allen. Mit einer erstaunlich steifen Haltung drehte und drehte er den Ball auf Zeige- dann Mittel- dann Ring- und kleinem Finger. Dazu führte er Bewegungen aus, die für einen tanz zu steif waren. Sein ganzer Körper war hart. Wir ließen ihm seinen Spaß, obwohl er nervte, denn wir wollten ohnehin, nur ein paar Songs spielen. Als wir zusammenpackten kam er noch und schlug mir vor gemeinsame Sache zu machen. Ihr macht Musik und ich tanze mit dem Ball Ok? Nee du, keine Chance, wir haben schon genug komische Vögel in der Band.













