Aus dem Tagebuch des Lazlo Thoran (3)
III. Heute keine Lust zu Schreiben
Ich habe heute keine Lust, was zu schreiben. Deshalb nur ein paar kurze Notizen, für wen auch immer … ach, was soll ich eigentlich schreiben, es liest ja sowieso keiner. Dass ich etwa die ganze Nacht nicht schlafen konnte, weil mich diese blöden Mücken wachgehalten haben? Oder weil in meinem Kopf wieder das Gedanken-Karusell Doppelschichten fuhr?! Na ja, ein Gutes hat das Ganze wenigstens: Die Oger sind nicht mehr hinter mir her. Im Dorfblatt stand, dass man den "Dieb vom Goblintal" nicht mehr weiter verfolge, weil er nur ein wertloses "Stück Papier" hat mitgehen lassen. Toll. Also war die ganze Rennerei umsonst.
Warum ich auch noch absolut keine Lust habe, was zu schreiben, sind die Menschen. So, jetzt ist es raus. Nein, ich bin kein Menschenfeind, es ist eher eine optische Sache. Diese komischen Wesen mit ihrer Schweinchen-Haut tragen konsequent Schuhe und schauen auf uns Goblins herab, weil wir barfuß sind (die meisten von uns jedenfalls). So was arrogantes und überhebliches habe ich ja noch nie erlebt. Wahrscheinlich sind es leiter empfindliche Memmen, die Angst davor haben, sich mal die Füße schmutzig zu machen oder sich ein Aua zu holen. "Nur die Armen und die Ausgestoßenen sind barfuß" hat dieser halbseidene Wichtigtuer gesagt, als ich im Gemeindehaus um einen Termin gefragt habe und wieviel Geld ich wohl bräuchte, um einen Antrag beim … ach, dieser ganze Bürokratie-Schwachsinn, nur, weil man eine Ziegelei verkaufen will.
Lange Rede, gar kein Sinn: Die haben mich nicht in ihre saubere Amtsstube gelassen, weil ich keine Schuhe trage. Und bei nährem Hinsehen auch noch ein nettes Schild mit dem Hinweis: "Wir müssen draußen bleiben", dazu eine Kinderzeichnung eines Goblins. Nett, oder? Da fühlt man sich doch so richtig willkommen. Finsterbrand soll mal so was wie ein Geheimtipp für Goblins und Kobolde gewesen sein, aber seit ganz bestimmte Menschen hier das Sagen haben, sind immer mehr von meinen Artgenossen abgewandert. Das war auch der Grund, warum meine Tante die Ziegelei dichtmachen musste. Nicht, weil sie zu dusselig gewesen war, die Fabrik zu führen (sie hatte sie ja schließlich auch aufgebaut), sondern weil keiner mehr dort arbeiten wollte.
Die Sache ist nämlich die: Goblins und Kobolde sind zwar faul, aber sie sind auch hungrig, und sie arbeiten gut, wenn sie Hunger haben. Und einfache Arbeiten lieben wir einfach (nun ja, es gibt auch Bader, Tempelprediger oder Baumeister unter uns). Doch immer mehr Menschen sahen hier in Finsterbrand darin einen Nachteil für sich selbst. Wie dumm diese Menschen doch sind: Goblins arbeiten gerne und das für ein paar Äpfel und Brot, oder wenn es sein muss, auch gegen Kupfermünzen. Menschen wollen aber generell immer Münzen, wollen Belege, Verträge und Abrechnungen. Man hat im Grunde die einfachen Goblins und Kobolde durch komplizierte, verbohrte Menschen austauschen wollen.
Tja, und jetzt? Es gibt keine Ziegel mehr, weil sich die Menschen zu fein sind, Lehm zu stampfen oder für weniger Geld länger zu arbeiten. Aber hauptsache, sie konnten die bösen Goblins vertreiben. Sogar die Menschenkinder lernen in blöden Büchern, dass wir garstige Wesen sind, die in Höhlen hausen und Kinder auffressen.
Und jetzt sitze ich hier und habe trotzdem schon wieder mehr geschrieben als ich wollte. Wenn ich in die Amtsstube will, muss ich Schuhe tragen. Und Geld kostet ein Antrag auf Verkauf der Ziegelei auch noch. Und Vira (also, die "dicke Trulla"), hat weniger Geld als ein Marienkäfer im Winter und kann erst recht keine Ziegelei gebrauchen. Wo soll ich denn jetzt Geld für Schuhe herkriegen? Oder für diesen Antrag? Ich muss jetzt erst mal was essen. Es ist noch Brot da.
So, nur noch ein paar Notizen am Ende des Tages: Ich habe mir mal meinen Besitz angeschaut. In die Bude hinein traue ich mich nicht, aber ich fand hinter dem Hauptgebäude einen großen Schuppen und Unterstand, wo jede Menge Ziegel fein säuberlich gestapelt herumliegen. Zwar ist da schon etwas Efeu und Moos darüber gewachsen, aber die Dinger sehen gut aus. Morgen früh packe ich ein paar Ziegel auf einen Schubkarren und versuche, sie im Dorf zu verkaufen. Vielleicht bekomme ich so ein bisschen Geld zusammen. Vorher kann ich hier sowieso nicht weg.




















