Der Erste Weltkrieg forderte nicht nur Millionen Menschenleben – er gebar auch ein neues Krankheitsbild: die Kriegsneurose.
Heinrich Baumgartz ist der erste, der aus der Deckung springt. Es ist der 29. Oktober 1914, das Bataillon, dem der Gefreite Baumgartz angehört, soll bei Ypern einen Bahndamm erstürmen. Baumgartz rennt los. Er ruft: „Folgt mir, Kameraden!“ Kurz darauf wird er von einer Kugel an der rechten Schulter getroffen.
Baumgartz wird ins Lazarett geschleppt. Seine Verletzung ist nicht lebensbedrohlich, doch Baumgartz wird bald von heftigen Erregungs- und Verwirrtheitszuständen heimgesucht. Die Militärärzte verabreichen ihm Morphium und Chloralhydrat. Weil sich sein Zustand nach zwei Monaten nicht bessert, bringt man Baumgartz nach Düren in die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt – ins Irrenhaus, wie es zu dieser Zeit landläufig heißt.
Der Fall Baumgartz ist nur einer von vielen. „Kriegszitterer“ oder „Kriegsneurotiker“ werden damals Soldaten genannt, deren Psyche unter den Erlebnissen an der Front zusammenbricht; die keine Waffe ruhig und sich selbst kaum auf den Beinen halten können. Dieser Erste Weltkrieg, in dem Soldaten oft tage- und wochenlang in Gräben und Stellungen in Todesangst ausharren müssen und einer bis dahin unbekannten Vernichtungsmaschinerie ausgeliefert sind, fordert nicht nur Millionen Menschenleben, er gebiert auch ein neues Krankheitsbild.
Männer, die als ganz normal galten, geraten plötzlich aus der Bahn. Manche werden blind, andere taub, wieder andere haben Geh- oder Sprachschwierigkeiten, Herz und Kreislauf spielen verrückt. Solche Soldaten passen nicht ins Bild heldenhafter Männlichkeit. Denn ihre Symptome gleichen denen der Hysterie – ein Leiden, das man damals für eine ausschließliche Frauenkrankheit hält.















