unberührt
gedanken ersticken sünde in mir verwelkende hände greifen nach mir nie vergangen zerdrücken die worte in meinem hals wandernde finger lass mich los
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@bellfleur
unberührt
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Zimt
Ich sehne mich nach Wärme in mir nach Liebe einem Gefühl das mir selbst für mich selbst so fremd erscheint erschien Ich kann die Schönheit nicht mehr sehen meine Tränen fallen glanzlos in die Leere in mir Ich bin es leid zu verschlingen jede Freude, jeden Moment mich ganz Ich sehne mich nach Farbe in mir nach Bewegung und Worten die sonst nur in mir versinken Ich sehne mich nach Leben mit mir in mir
Wochen später
Du hast nie versprochen, nie wirklich gesprochen, dir Worte in den Mund zu legen war so einfach, selbstverständlich Mein eigenes Selbstverständnis. Du hast nie gelogen, nur gerade nicht genug gesagt, hast mich benutzt und ich dich noch mehr, um mir weh zu tun wie ich allein es niemals könnte. Du hast mich nie wirklich berührt und doch lässt du mich nicht los, dein leeres Abbild ist gefüllt mit meiner Illusion, ich wollte ganz sein und habe mir selbst das Herz gebrochen.
Wahnstimmung
Ich sitze hinter meinen Spiegeln. Sie spiegeln mir die Welt, spiegeln mich der Welt, Realität ist ein Puzzle aus Spiegelbildern, was man sieht hängt vom Standpunkt ab. Ich sitze hinter meinen Spiegeln und beobachte mein Leben. Wenn ich vergesse, dass es nur Spiegelung ist und ich hineinlaufen, erleben möchte, erinnert mich das Glas, dass ich gefangen bin. Ich sitze hinter meinen Spiegeln, sehe manchmal nur mich selbst. Es ist einsam allein mit meinem Spiegelbild. Ich sitze hinter meinen Spiegeln und meine Spiegel sind zerbrochen. Ich sitze in einem Scherbenhaufen und kann gar nicht mehr sehen. Ich sitze in meinen Scherben, kann nicht erkennen und werde nicht erkannt. Als aufgelöstes Spiegelbild bin ich unsichtbar und blind. Ich wühle durch die Scherben, baue sie aneinander, auseinander, puzzle mir meine Realität. Ich sitze vor meinen Spiegeln. Mit blutigen Fingern kann ich sehen, was auch immer ich möchte.
Ethik der Weiblichkeit
Was mir getan, bestimmt wird, kann ich nicht bestimmen, kann ich nicht tun. Verdammt zum Passiv, in mein Geschlecht definiert. Mein Körper mir verantwortet bin ich zur Rechenschaft gezwungen, seit ich mündig gemacht worden bin. Verantwortlich für Handlungen derer, die sich nicht kontrollieren können, wird mir Kontrolllosigkeit zur Schuld gemacht. Für das Leben wird mein Körper zum Eigentum, für mein Leben Gefängnis meines anerzogenen Geistes. Sexualisiert darf ich nicht sexuell sein. Angesprochen, habe ich keine Stimme. Befreit, kann ich mich selbst nicht bestimmen, mir selbst nicht frei sein.

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Scherbenhaufen
Ich bin das Mädchen aus Glas zwischen durchsichtig und unsichtbar schlichtweg durchschaubar bricht meine leere Hülle jedes Licht. Ich bin das Mädchen aus Glas man sieht mich an, sieht durch mich hindurch ein anderes Bild verzerrte Realität. Ich bin das Mädchen aus Glas trüb und schmutzig von Abdrücken, die jede Berührung an mir hinterlässt. Ich bin das Mädchen aus Glas eine Skulptur, ein Werk fremder Hände geformt nach Ideen, fremden Gedanken. Ich bin das Mädchen aus Glas abstrakte Kunst, die unverstanden bleibt. Gefangen in erstarrten Konturen will ich zerbrechen.
Hinter Spiegeln
Sie sitzt am Fenster, dicke Wollsocken und Spitzenunterwäsche, ascht ihre Zigarette drei Stockwerke in die Tiefe ab. Auf der Fensterbank vor ihren Füßen stehen zwei lippenstiftverschmierte Gläser. Zwischen Fenster und Horizont sind die blauen Lichter der Hochhäuser zu sehen, etwas näher leere Straßen im trüben Schein der Laternen. Es wird Frühling, man riecht es sogar nachts, in den namenlosen Stunden, trotz des kalten Windes, der kühlen Temperaturen. Er steht hinter ihr, am anderen Ende des Zimmers, sein Blick ruht auf ihr, so intensiv, dass sie ihn spüren muss. Sie dreht sich nicht um. Blickt weiter über die Lichter der Nacht, dem Paar hinterher, das hinter der letzten Straßenlaterne in der Dunkelheit verschwindet.
Du bist glücklich. Das debile Grinsen fließt aus deinen Augen und es tut fast weh dich anzusehen. Ich lache mit dir, es fühlt sich an wie ein Abschied, vielleicht ist es das auch. Du hast aufgehört Briefe zu schreiben. Du hast sie mir gezeigt, ich habe sie gerne gelesen. Aber erst jetzt verstehe ich, lese sie wieder und wieder. Ich schreibe immer noch Briefe. Der Empfänger ist derselbe, du wusstest das schon. Warst du so verliebt, wie ich es bin?
Frühmorgens trägt sie schwarz zu dunkeln Lippen, Kaffee und ein Buch melodischer Worte. Auf ihrer Playlist mischt sich Jazz mit Rock zu den Geräuschen der niemals schlafenden Stadt. Die Bahn ruckelt durch die Straßen, die sich mehr und mehr mit Fahrzeugen füllen, immer zäher und langsamer. Wenn sich die Türen öffnen strömt eiskalte Luft, schneidend mit der verschlafenen Menschenmasse in den Wagen. Als ihr Handy vibriert drückt sie den Anruf weg, steigt aus und verschwindet hinterm Häuserblock.
Er sitzt am Fenster, sieht ihr nach. Die Bahn fährt ab. Er schaut mir direkt in die Augen, lächelt, ich lächle.
Sie wird ein paar Straßen weiter ganz hinten im Eck eines Cafés sitzen, ihr Buch lesen. Er wird zwei Stationen später aussteigen. Ich werde zögern, an der Endstation aussteigen, durch die Stadt irren. Ich werde ihn schließlich finden. Gegenüber dem Café werde ich mich neben ihn stellen und sie wird uns nicht bemerken, wenn sie zum Rauchen vor die Tür geht.
Bis heute wird viel Zeit vergehen, wie das eben so ist, es wird viel passieren und ich werde mit beiden geschlafen haben.
Er hat mir erzählt du warst sein bester Freund. Deine alten Briefe hat er mir geschenkt, er liest sie nicht mehr. Ihr werdet euch wiedertreffen, irgendwann, als alte Freunde. Ich weiß, dass er Recht hat.
Sie kennt ihn nicht, ob sie dich kennt weiß ich nicht. Ich will sie nicht fragen. Manchmal gehe ich mit ihr tanzen, bis in die Morgenstunden. Sie erzählt viel über ihr Leben, wenn sie in meinen Armen einschläft. Sie ist beinahe so glücklich wie du, sie anzusehen tut genauso weh.
Wenn er mich küsst klebt ihr Geschmack noch an meinen Lippen. Er will sie, das weiß ich, seit wir gemeinsam vor dem Café gestanden sind. Ab und an folgt er uns, wartet dann vor ihrem Haus. Ich sehe ihn dort stehen, abseits der Straßenlaternen, wenn sie ihre Zigaretten am Fenster raucht, wir weit nach Mitternacht, ihre Haut auf meiner, Cola mit Rum aus schmutzigen Gläsern trinken.
Sie ist weit weg, wenn ich mit verschmiertem Lippenstift nackt in seinem Bett liege und später das Geld auf dem Nachttisch mitnehme. Er weiß, ich gehöre nur ihm alleine und er bezahlt, ich bezahle. Ich bleibe nie bis zum Morgen, aber er erzählt mir oft von dir, von ihr, du kennst das ja, bist ja auch mal in seinem Bett gelegen. Irgendwas zwischen Liebhaber und Hure.
Ich habe ihn gefragt ob du glücklich sein wirst. Er hat versprochen auf dich zu warten. Vielleicht schenkt er dir dann meine Briefe, er braucht sie jetzt nicht mehr.
Heute hat sie vergessen, die Tür abzuschließen. Er steht neben mir, sein Blick ruht auf ihr, so intensiv, dass sie ihn spüren muss. Sie dreht sich nicht um.
Als ich seine Hand nehme, läuft eine Träne über meine Wange. Er sieht mir direkt in die Augen, lächelt, ich lächle. Hand in Hand gehen wir in die kalte Nacht. Ich kann den Frühling riechen.
Straßenkatze
„Versuchst du wegzulaufen?“, das Mädchen riecht süßlich, ein bisschen nach Rauch, fast wie Lakritze. Sie zieht sich die Ärmel ihres viel zu kurzen Pullis über die Handgelenke, mustert das Lakritzmädchen mit den dunkelroten Lippen und den riesigen Ohrringen. Die Ohrläppchen zieht es ein bisschen nach unten, sie selbst bekommt immer Kopfschmerzen von schweren Ohrsteckern.
Das Mädchen zieht eine Augenbraue nach Oben, die Frage, sie hat die Frage vergessen. Sie kramt in ihrer Tasche, findet schnell das zerdrückte Päckchen, hält es dem Lakritzmädchen hin.
„Mentholkippen haste mir hingehalten“, Miezes kratziges Lachen wird von den kahlen Wänden zurückgeworfen, als sie sich auf das durchgesessene, muffige Sofa fallen lässt. Während sie sich die Klammern aus den orangen Haaren rupft erzählt sie davon, dass Dente heute einen guten Tag gehabt hatte. Konnte sie sich nicht vorstellen. Das erste und einzige Mal als sie Dente gesehen hatte, war sie aus dem Auto eines Kunden gerannt, der dann das Geld von ihm wiederwollte. Hatte sie auch Mieze zu verdanken, die mit ihren dunkelroten Lippen Dentes Verlust wieder ausgeglichen hatte.
Mieze wirft ihr ein Tütchen mit drei grünen Pillchen zu, bevor sie sie vom Sofa zieht. „Hab ne Überraschung für dich“, murmelt sie und befiehlt ihr die Augen geschlossen zu halten, als sie sie auf den Stuhl neben dem Waschbecken setzt. Die Bürste streicht durch ihre Haare, sie hört die Schere dicht an ihrem Ohr, aber die flüchtigen Berührungen, der rauchig süße Geruch fangen ihre ganze Aufmerksamkeit ein.
„Augen auf“, Miezes Hand ruht auf ihrem Schlüsselbein und ihr Herz macht einen Hüpfer, als dem ausgezehrten Gesicht im Spiegel kinnlange, platinblonde Haare vor die Augen fallen. „Jetzt siehste nicht mehr wie die Spießerbraut aus“, wieder das kratzige Lachen, die Hand streift ihren Hals, verschwindet.
Mieze steckt das Leben hier besser weg, sorgt um sie. Manchmal versetzt es ihr einen Stich, wenn Mieze in den weißen Stiefeln die winzige Wohnung verlässt, aber sie weiß, von irgendwas müssen sie leben.
Sie zerknüllt das leere Tütchen, nimmt noch einen Schluck aus der Flasche neben der Matratze, bevor Mieze sie ihr aus der Hand reißt und durch dunkelrote Lippen ersetzt. Sie vergräbt ihre Hände in orangem Haar, schließt die Augen, benebelt vom Lakritzgeruch versinkt sie im Farbenmeer.
Die Sonne sticht , als sie die Augen aufschlägt. Benommen tastet sie neben sich über die leere Matratze, keine Mieze. Entweder hängt sie über der Kloschüssel, wie so oft die letzten Wochen, oder sie wird gleich einen Becher Instantkaffee neben ihr auf den Boden stellen. Beim Gedanken an Kaffee zieht sich ihr Magen zusammen und sie stolpert ins Bad. Bevor sie das Waschbecken erreichen kann, verfängt sich ihr Fuß in etwas orangem und bevor die Bilder in ihrem Kopf ankommen übergibt sie sich auf den Boden.
Rainer schnaubt verächtlich als er die Zeitung- aktuell gibt es eine Themenwoche „Die wilden 80er“- auf den Tisch schlägt. „Da soll sich noch wer über die Wirtschaftskrise wundern, die ganzen Konzernchefs haben ja nicht mal die eigene Familie im Griff. Ausgerissen, die Tochter und dann im Drogensumpf verreckt. Sowas gäbs bei mir nicht.“ ,er gibt seiner Frau, die sich bei seinen Worten von den Pausenbroten abgewandt hat, einen Abschiedskuss auf die Wange und geht.
Zitternd greift sie nach der Zeitung, streicht sich eine kinnlange Strähne platinblondes Haar hinters Ohr. Der Artikel ruft die zahlreichen Kinderprostituierten der 80er ins Gedächtnis der Leser. Unten im Eck ein Einzelfall, ein Bild, ein dunkelhaariges Mädchen, dunkle Lippen und leicht hängende Ohrläppchen mit viel zu großen Ohrringen.
„Mami, Mami, was hast du?“
Spießerbraut
Das Kind ist tot. Und ich habe es umgebracht.
Gewaltsam erstochen liegt es dort, auf dem Hügel unter dem Sternenhimmel. Es hat sich einen schönen Moment ausgesucht um zu sterben. Über ihm fallen 1000 Sterne, 100 hatte es schon gezählt. Nun ist es so tot wie die Sterne. Schön haben sie geleuchtet....
Sternschnuppe
Aufgeschlagen
Und die Helden meiner Kindheit
waren viel zu schnell verloren.
Alles wird gut!
Virtuelle Götter, meine angebeteten Götzen,
hatten den Dämonen nichts entgegenzusetzten
und nimmst du meinen Blickwinkel,
dann war ich tot,
zwischen den Zeilen.
Ladefehler
Auf der Suche nach dem Himmel
Konnte ich den Fährmann nicht bezahlen,
musste nicht ertrinken,
bin endlich gestorben.
Jetzt ein neues Kapitel im alten Buch,
oder doch eher der Tragödie zweiter Teil.
Ich muss die Seiten durchblättern,
bis zum Ende,
was steht unten auf der letzten Seite?
Ein Zettel fällt heraus,
handgeschrieben:
Völlig umgehauen von der Schönheit des Lebens?
Und ich setzte ein Kreuzchen
Vor ja.

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Kometen
Die Welt verschwindet, versinkt im Meer,siehst du sie,
der dunkle Schemen unter dir. Wir fliegen,
hinüber, darüber, wohin? Zurück zu der Zeit in der wir geboren sind. Weißt du was sie sagen? Hörst du es? Wir kommen allein, allein sterben wir.
Stirb mit mir,
nimm meine Hand, wir lassen uns fallen, wir reißen den Himmel mit uns in die Tiefe
des Ozeans. Blau in blau versinkt er, verschwindet er hinterm Horizont. Die Flugzeuge breiten die Flügel aus und heben ab, ohne uns,
wir bleiben auf dem sinkenden Schiff, aber weißt du, die Titanic ist unsinkbar, also was soll uns schon passieren?
Lass uns sterben,
denn unter Wasser können wir eh nicht atmen, lass uns aufhören zu fliegen, ich will mich nicht immer vor dem Fallen fürchten müssen.
Bleibst du hier, für immer?
Nimm meine Hand, nimm mich, alles was ich bin, meine Hand, mein Herz
kann ich verlieren, aber wenn du mich trägst bin ich endlich komplett. Stirb für mich, mit mir, denn nur dann kannst du mir versprechen, dass deine Welt stillsteht, nur dann hat ewig
eine Bedeutung. Ich will tanzen,
für den kurzen Moment, den uns die Wasseroberfläche trägt, bevor wir durch das Glas brechen, die Splitter unsere Augen zerschneiden.
Blind jonglieren wir mit Sternen, bis sie uns in den Abgrund entgleiten, komm wir springen,
fallen mit den Sternen, reißen Löcher in den Boden, wenn wir zerbersten. Feuerwerke explodieren in uns, zerreißen uns die Brust, wir sind überall, strahlen am Horizont für einen Augenblick und
endlich
gemeinsam sinken wir zu den Sternen.
Vergessene Bilder
Unter einer Schicht Staub
Verblichen und verblasst.
Unberührt von der Zeit,
die Momente darauf
nur schwer zu erkennen.
Die Bilderrahmen glänzen
Golden poliert,
bedecken die Fenster.
Es bleibt dunkel,
das einzige Licht
aus gerahmter Vergangenheit
verliert sich
hinter dem Glas.
Wo ist die Sonne
Fragst du verträumt
die Bilder,
verhängen die Fenster
Verdunkeln den Raum
Es wäre finster,
ohne sie
lächelst du.
Über unsere Gräber
Ich habe meine Flügel verloren,
sie verlegt, hinter meine abgetragenen Masken gehängt.
Kein Geheimnis, Alle haben Masken,
die jeder andere auch kennt.
Ich habe meine Meinung verloren,
vergessen, in der Diskussion
Ich kann ja deine tragen, mir mal borgen
Bis mir jemand sagt
Welche jetzt dann meine ist.
Ich habe mein gesicht verloren,
zu viel mit abgeschminkt,
hab mein Lächeln neu aufgesetzt
um die Blöße zu bedecken,
die Leere endgültig besetzt.
Ich habe das Mädchen verloren
Das mal meine Kleider trug,
die Fassade durchschaut schon jeder,
das dahinter ist purer Selbstbetrug.
Ich habe den Verstand verloren
Und mit mir die Welt.
Ein Teil von mir wollte fliegen
Ich lache, als er fällt.
Ich habe mein Herz verloren
An einen Ballon gebunden,
losgelassen, damit es fliegt.
In meinem Grab ruh ich am Horizont
Und frag mich wo mein Herz wohl liegt.
Deutschland ist auch keine Lösung
Die Schatten werden länger
Im Spiegel,
mein Gesicht ist mir fremd
und zum ersten Mal
wirklich ich.
Die Zukunft reicht mich
An die Gegenwart weiter
Lässt mich fliegen, berühre
Nie mehr den Boden
Bis die Realität mich
Aus den Wolken wirft,
die Vergangenheit
mich nicht mehr fängt.
Cheers
Meine Lieben
Sagt mir wann
Sind wir so geworden,
dass ich den Spiegel verhänge,
um zu schlafen.
Versprecht mir
Was es auch kostet
Die Leere zu füllen,
uns.
Hört ihr den Bass,
er spielt für uns
diese letzte Nacht.
Kommt, geben wir den Kindern in uns
Eine Runde Tequila aus,
damit sie vergessen,
wer einst aus dem Spiegel
entgegensah.
Wenn die Sonne aufgeht,
sind die Schatten gestorben,
nur wir
forever
until the end.
Es waren Wochen, Monate, Jahre. Kein Blick, kein Lachen, keine Umarmung. Wir waren in Kontakt, 2.0. Du dort und ich hier.
Ich bin zurück. Du, ich, wir. Du erzählst, von Wochen, Monaten, Jahren. Das Sphärenorchester spielt Melodien von früher, von der dunklen Nacht und dem Feuer, vom ruhigen See...

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Zugvögel
Der Globus steht an der Wand, hoch oben, in einer Glasvitrine. Neben ihrem Bett, eine Matratze, die auf dem nackten Boden liegt. Kein Bettkasten, wofür auch, sie schläft eh kaum, zumindest nicht hier. Die Wände sind kahl, nicht weiß, schon lange nicht mehr und der Putz zerbröckelt zu kleinen Haufen am Boden. Chai-Tee dampft in dem Pappbecher vor ihr, Kaffe würde sie nur wach machen, aber hier, in der Wohnung, die sie sich als Zuhause behält, muss und will sie nicht wach sein. Sooft sie in der Gegend ist, kommt sie hierher, immer wenn sie einen freien Tag hat, kommt sie in die kleine Wohnung. Früher hat sie teure Apartments gehabt, ganz am Anfang, vor einer halben Ewigkeit und doch erst gestern. Hat in Tokio gelebt, weil sie sich in die Stadt verliebt hatte, in einem gläsernen und innen grauen, edlen Apartment ganz weit oben. Sie hat den Blick auf die Skyline geliebt, von der sie ein Teil war, ein kleines Viereck, mal gelb, mal schwarz. In New York, in New York hat sie auf dem Parkett eines Apartments fast über den Wolken barfuß zu „Ich war noch niemals in New York“ getanzt und Stunden in einem Aufzug aus Glas zugebracht, weil sie sich in die Skyline verliebt hatte. In Berlin, Stockholm, Paris und Sydney hat sie sich Apartments oder kleine Häuser gekauft, am Fenster gestanden und in den Küchen versucht, die Nationalgerichte nachzukochen, weil sie in die Welt verliebt war. Überall hat sie neue Songs entdeckt und sie in Playlists der jeweiligen Stadt zugeordnet, einen Globus gekauft und jedes Land angemalt, in dem sie gewesen ist. Der Globus, der jetzt ganz bunt ist und in der Glasvitrine an der Wand steht. Heute muss sie ihre Wohnung wieder verlassen, gestern ist sie angekommen. Sie nippt am Tee, verzieht das Gesicht, in New York schmeckt er besser. Ihr Koffer steht noch gepackt im Eck, das Taxi kommt in einer halben Stunde, den Tee gießt sie ins Waschbecken. In der Küche verteilt liegen Karten aus unzähligen Städten und Ländern, alle von ihr selbst, sie mag es, die Tür zu öffnen und Post am Boden liegen zu sehen. Sie tippt auf ihr Smartphone, viel zu viele ungelesene Mails im Postfach über neue Aufträge, Flug -und Hotelzimmerbestätigungen. Wann sie angefangen hat, in Hotels zu wohnen, in großen, weichen, fremden Betten zu schlafen, in teuren Restaurants zu essen, weiß sie nicht. Die Zimmer, die Betten, die Restaurants, alle sehen sie gleich aus und schon lange bestellt sie an der Rezeption keinen Blick auf die Stadt mehr, die Skyline sieht ja doch überall wie ein und dieselbe aus. Ihre schmuddelige kleine Wohnung ist wenigstens nicht so kalt, nicht so perfekt und wenn sie aus dem Fenster sieht, steht da nur ein Apfelbaum. Früher einmal, in einem ganz anderen Leben, da hat sie ihren Freunden erzählt, sie würde die ganze Welt bereisen, die verschiedenen Länder und Städte besuchen, immer Neues und Aufregendes erleben, niemals, niemals zu lange oder zu oft an einem Ort sein. Damals hat sie von unendlichen Weiten, Ländern und Städten geträumt, sich selbst geschworen, sie alle zu sehen. Die Welt zu bereisen und glücklich zu sein. Sie hat alles, von dem sie damals geträumt hat, war in mehr Ländern und Städten gewesen, als sie zählen konnte, hat mehr Geld, als sie sich vorstellen hätte können, lebt in den schönsten Hotelzimmern. Und ihr verhasstes Zuhause, das ihr immer das Gefühl gegeben hat, eingesperrt zu sein, so etwas hat sie nun nicht mehr. Sie schleppt ihren Koffer die kurze Treppe hinunter, die Tür hinaus, auf die Straße. Als sie sich umdreht, ist hinter ihr nur die leere Tür, die langsam zufällt. Es ist still, still und kalt, bis das Taxi hält, sie sich in das warme, muffige Auto setzt. Der Fahrer versucht höflich eine Unterhaltung zu starten, aber sie hat es satt mit irgendwelchen Fremden in irgendeiner Sprache zu reden. Sprachen, Menschen, Städte, alles zieht an ihr vorbei wie die Landschaft am Fenster des Taxis. Nächste Woche, nächsten Monat, irgendwann würde sie wieder in die Wohnung zurückkehren, eine Postkarte, vielleicht zwei auf dem Boden hinter der Tür finden, alle mit der gleichen Unterschrift und einige Stunden, vielleicht sogar Tage bleiben. Der Fahrer dreht das Radio auf: I´m driving home for Christmas , driving home, driving home
Maiglöckchen
Die Bordsteinschwalbe am Strich, am Ende der großen Straße, am Ende der Stadt, Richtung Freiheit, Richtung Sternenhimmel. Nur einen Sprung, eine kurze Autofahrt entfernt und noch ein Stück weiter:große Schilder, große Namen, fremde Städte. So viele Autos, so viele Menschen fahren vorbei, blenden sie, lassen sie wieder hier zurück. Sie steht da und friert schon längst nicht mehr in knappen Röcken und engen Korsetts. Die verächtlichen Blicke derer, die die Welt in Abschaum und Ihresgleichen aufteilen, schmerzen sie schon lange nicht mehr. Nur ihre Füße tun immer noch weh, wenn sie morgens die Schuhe in die Ecke wirft, wo die Absätze schon lange Löcher in das schmutzige Parkett geschlagen haben. Jetzt, im Licht der letzten Laterne, schmerzen ihre Fersen kaum, wenn sie den vorbeifahrenden Autos lasziv den Zigarettenrauch entgegenbläst. Nuttenstängel da, wo sie hingehören.
Ein Auto hält, endlich, schon wieder, sie weiß es nicht. Sie hört dem Fahrer nicht zu, ihr ist nur schrecklich kalt. Sie nennt ihre Preise, er scheint einverstanden, sie steigt ein.
Er hat ein Auto, er hat Geld, er kann fahren, Richtung Freiheit, Richtung Sternenhimmel, doch stattdessen vögelt er sie. Ein Geschäftsmann, in Sakko und Krawatte, mit einem Ring an seinem Finger. Er hat eine Frau, wahrscheinlich eine, die ihn über seine verlorene Jugendliebe hinwegtrösten sollte, die dann schwanger wurde, die er dann geheiratet hat. Deshalb fickt er jetzt sie. Kann nicht weg aus dem Haus mit Frau und Kind, ist doch seriös, ist doch Geschäftsmann. Ist aber eben Mann und fühlt sich vom Leben betrogen.
Die Stadt liegt hinter ihnen, die Straßen werden weiter, die Autos weniger. So wenige trauen sich frei zu sein, zu viele hat ihr Leben in Ketten gelegt. Sie wünschte das Auto würde immer weiterfahren, immer weiter Richtung Freiheit, Richtung Sternenhimmel.
Aber er, er will nicht, will nicht, kann nicht frei sein. Denkt für Geld vögeln ist Freiheit. Sieht nicht, dass sein Auto Freiheit ist, dass er wegfahren kann zu den großen Schildern mit den großen Namen fremder Städte. Er fährt rechts ran, mitten auf dem Weg zum Horizont.
Wieder der altbekannte Rastplatz ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, so viele Männer schon, dass sie nicht mal mehr weiß, wie der erste geschmeckt hat. Sie hat vergessen wie Liebe riecht, schmeckt, sich anfühlt, ihr ist kalt.
Männer wie er glauben, sie zu kennen, nur weil sie ihren Körper anfassen, glauben sie zu besitzen weil sie sie ficken, für Geld. Glauben, sie kaufen sie mit ihrem Körper gleich mit, glauben sie kaufen ihre Liebe mit.
Das Auto fährt wieder, nur in die falsche Richtung, fährt weg vom Sternenhimmel, fährt Richtung Straßenlaterne. Er hat ihr noch mit offener Hose versichert, er sei kein schlechter Mensch, natürlich nicht. Er betrügt zwar seine Frau, aber die Schuldgefühle zerreißen ihn, aber es ist ja auch nicht seine Schuld, natürlich nicht. Er ist ja auch nur ein Mann und seine Frau kann ihm eben nicht geben, was er braucht, oder will es nicht, tut es nicht, er weiß sich nicht mehr zu helfen, das muss man ja verstehen. Sie haben ja auch nicht aus Liebe geheiratet, nur wegen dem Kind in ihrem Bauch, und jetzt, jetzt bekommt man halt die Quittung, er kann ja nichts dafür, natürlich nicht. Schließlich hat er sie geheiratet, hat seine große Liebe für sie vergessen, hat ihr ein gutes Leben bereitet, aber sie, sie macht ihn nicht mehr an, natürlich nicht. Er braucht Liebe, sagt er. Natürlich, sagt sie. Keiner gibt ihm Liebe, sagt er, er tut alles und gibt alles, arbeitet den ganzen Tag, kommt spätabends heim und niemand liebt ihn dann. Er weint jetzt, erzählt von seiner Jugendliebe, die ihn verlassen hat, wegen der seine jetzige Frau schwanger wurde, er brauchte ja Liebe, was hätte er denn tun sollen. Seine große Liebe, die ist auch verheiratet, vielleicht auch wieder geschieden, das weiß er nicht. Er kann seine Frau eh nicht verlassen, wegen der Kinder, er zahlt ja nicht auch noch Unterhalt, natürlich nicht, er wollte eh nie welche.
Er heult, hält an der Straße, heult keiner versteht ihn, er kann ja nichts dafür, natürlich nicht. Natürlich, hört sie sich sagen, natürlich nicht. Sie steigt aus, irgendwo zwischen Straßenlaterne und Sternenhimmel, steht da am Straßenrand, geblendet von den Autos der Menschen, die an ihr vorbei vor der Freiheit fliehen.