Abriss einer philosophischen Interpretation der drei Menschentypen auf Basis gegenseitiger Freundschaft
Bevor ich anfange, diese Amateurthese auszubreiten und mit meinem recht eingeschrĂ€nkten und doch einleuchtenden Wissen ĂŒber meine Erfahrungen der Freundschaft und die philosophischen Schlussfolgerungen, die ich aus siebzehn Jahren des Umgangs mit Menschen gezogen habe, zu schreiben, muss ich zunĂ€chst etwas sehr, sehr klarstellen: Dies ist lediglich eine AnnĂ€herung, ein bloĂer Versuch, das komplexe Thema der Freundschaft zwischen zwei Menschen zu verstehen und womöglich auch gewisse Muster, beziehungsweise Trends, herauszuziehen. Meine Absicht ist demnach nicht, jeden einzelnen Menschen pauschalisierend in eine gewisse Kategorie zu zwingen und einzupferchen, sondern wohl eher eine Theorie zu unterbreiten, eine Theorie, welche ich selber aus meinen eigenen Erfahrungen abgeleitet habe. Meine Absicht ist es, eine ganz andere Sichtweise auf das Thema ,,Freundschaftâ zu bieten, ohne dabei die unangenehmen und âtrockenenâ Aspekte auszulassen. Das wĂ€re per definitionem, wenn wir dem tschechischen Romancier Milan Kundera Glauben schenken, Kitsch. ,,Kitsch schlieĂt alles aus seinem Blickwinkel aus, was an der menschlichen Existenz im Wesentlichen unannehmbar istâ und da ich nicht vorhabe, nur oberflĂ€chlich am Thema Freundschaft zu kratzen und relativ offensichtliche Dinge zu unterbreiten, komme ich zu den Dingen selbst. Das ist kein Kitsch.
2. Eine philosophische AnnÀherung an das Thema Freundschaft und auf welcher Basis wir Menschen als Freunde haben
Der Begriff ,,philosophische AnnĂ€herungâ basiert recht offensichtlich auf der Philosophie, welches von Google als ,,Lehre von den grundlegenden Bestimmungen und Strukturen des Lebens, der Welt und des Wissensâ definiert wird. Demnach verfĂ€llt das Thema genau in diese Lehre; ein Mensch braucht andere Menschen, Freundschaft und menschliche Zuneigung werden zu Grundbestimmungen der menschlichen Existenz. Freundschaft ist ein Fundament, auf welches wir nicht verzichten können und auch nicht wollen. Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty erklĂ€rte dieses ,,Mitseinâ, welches stark auf Martin Heideggers fundamentalen Werk Sein und Zeit aufbaut, als etwas, ohne das wir nicht leben können.
Nun muss man allerdings auch den philosophischen Standpunkt beachten, aus welchem ich diese These vorstelle: Der Mensch sollte stets danach streben, die bestmögliche Version seiner selbst zu sein. Das ist natĂŒrlich sehr vage und kann vieles bedeuten. In einer Welt, in der keine Existenz, kein Leben eine Rolle spielt beziehungsweise von Bedeutung ist, ist es umso wichtiger, dass der Mensch daran arbeitet, diese Bedeutungslosigkeit zu akzeptieren und als ,,Revolteâ sein bestes Leben zu leben. Dies ist lediglich der Grundsatz des existenzialistischen Gedankenguts, den ich hier zitiere: ,,Du bist frei - also wĂ€hle!â. Und genau diese Wahl muss auch in Hinsicht auf unsere soziale Existenz angewandt werden.
Demnach sollte ein Mensch, ungeachtet des Absurden, dennoch auf das Leben fokussiert sein. Es ist schwer ein gutes Leben zu definieren, jedoch wage ich nun zu behaupten, dass ein ,,gutesâ Leben davon gekennzeichnet ist, dass der Mensch stets die eigene, positive VerĂ€nderung und Entwicklung anstrebt. Denn dieses persönliche, geistliche ,,Wachstumâ bereichert auch die Menschen um einen selbst, ergo die Freunde. Ich spreche hier nicht vom kategorischen Imperativ, sondern von reiner Logik: Die beste Version meines Seins hilft, nahestehenden Menschen auch die ihre beste Version des Seins zu erreichen.
Daraus folgen die drei fundamentalen ,,Typenâ des Menschen in einer Gesellschaft:
Typ 1: Menschen, die wir lehren
Typ 2: Menschen, von denen wir lernen
Typ 3: Menschen, die uns lehren und wir sie im Gegenzug auch
Um diese Typen dem Leser verstÀndlich zu machen, werde ich diese Situation erklÀren, in dem ich die Personen A und B in Betracht ziehe. A und B befinden sich in einer Freundschaft, welche wie folgt aussehen kann.
2.a: Typ 1: Menschen, die wir lehren
Es ist an sich eine ganz einfache Sache, diesen Typ Mensch zu erklĂ€ren. WĂ€hrend diese Person fĂŒr den einen Menschen der erste Typus ist, ist man selbst fĂŒr den anderen der zweite Typus. Man kann nun solche Freundschaften als ,,einseitigâ bezeichnen, jedoch ist es nicht ganz so. Menschen des 1. Typen erlauben es einem, sein Wissen, seine Menschlichkeit, auf den anderen Menschen zu ĂŒbertragen. Alter hat in diesem Falle selten etwas damit zu tun, jedoch sollten Altersunterschiede ab einer bestimmten Spanne in Betracht gezogen werden.
Demnach erreicht man folgendes Freundschaftsprinzip: eine Person wird von der anderen geistlich bereichert, wĂ€hrend die andere zwar nichts dazugewinnt im intellektuellen Sinne, jedoch eine relativ ,,netteâ Zeit mit dem ,SchĂŒlerâ genieĂen darf. Freundschaften dieser Art sind in der Regel nicht besonders langwierig, denn es ist egal, wie sehr man sich anstrengt - eine Freundschaft bleibt unerfĂŒllt, wenn man sich selbst in der Anwesenheit einer Person nicht entwickelt und nicht bildet. Diese ,,Bildungâ muss nicht unbedingt geistlich oder intellektuell sein; eine Bildung kann sich auf alle Bereiche des Lebens beziehen - Leben, Tod, soziales Verhalten, sogar SpaĂ und Freude.
Person A in dem Falle hat keinen direkten ,,Vorteilâ an einer solchen Freundschaft, wĂ€hrend Person B durchgehend von Person A bereichert wird. Solche Freundschaft funktionieren demnach nur auf Basis dessen, dass Person A sich in der Illusion gut weiĂ, dass es womöglich einen Vorteil geben kann, oder womöglich dass eine Freundschaft trotzdem funktioniert. Diese Illusion ist nicht stabil oder standhaft; solche Freundschaften halten in der Regel nur sehr kurz.
Wenn diese Freundschaft dennoch ĂŒber Jahre hinweg anhĂ€lt, so nur, wenn Person A sich schlussendlich eingestanden hat, dass der eigene Entwicklungsprozess beeintrĂ€chtigt wurde. Nach einigen Jahren bemerkt Person A dann, dass sie sich nicht weiterentwickelt hat oder sogar, dass Person B diesen Prozess anhĂ€lt oder verhindert, wenn auch ungewollt. Die einzige logische Konsequenz aus so einer Freundschaft ist demnach die Distanzierung von Person A und das Ersuchen anderer Typen. Person B verliert den Vorteil, welchen sie von Person A ĂŒber Jahre oder Monate hinweg genossen hat. Eine Freundschaft dieser Art ist zwar perspektivlos, was allerdings nicht bedeutet, dass es keine ,,guteâ oder ,,spaĂigeâ Freundschaft ist. Es ist nur eine ziemlich einseitige Freundschaft.
Obengenanntes bezieht sich auf die unterbewussten GedankengĂ€nge in einer solchen Freundschaft. Allerdings gibt es dann auch die ,,Unterartenâ der Freundschaft mit dem Typen 1, welcher einen Vorteil auf Kosten Person As funktioniert. Person B kann demnach, wenn sie versteht, dass Person A eine geistliche Ăberlegenheit besitzt, eben diese Ăberlegenheit ausnutzen. In solchen Situationen ist Person A erneut benachteiligt, denn die Illusion der engen Freundschaft, welche Person A sowieso als Ausgangspunkt fĂŒr eine solche Freundschaft hat, verdreifacht sich beinah und wird fast zu einem zwanghaften Einreden der Freundschaft. Person B nutzt Person A aus, auf intellektueller, materieller, geistlicher oder sonst einer anderen Ebene. Person A erlaubt dies, denn ihr ist es dieses Ausnutzen wert. ,,Esâ ist die Freundschaft, oder die Einbildung derer. Person A ist submissiv, und zwar einer Person, welcher Person A eigentlich ĂŒberlegen ist.
Man kann demnach schlussfolgern, dass eine Freundschaft mit einer Person des Typen 1 nur dann funktioniert, wenn Person A dazu bereit ist, egal, ob bewusst oder unterbewusst, ihre eigene Entwicklung zu kompromittieren und im Gegenzug Person B zu bereichern. Solch eine Freundschaft ist nicht ideal und demnach nicht standhaft genug, um ĂŒber Jahre hinweg zu funktionieren. Dementsprechend sollte dem Leser die Frage aufkommen: Lohnen sich Freundschaften mit dem Menschentypus 1, wenn man als Mensch selbst seine Entwicklung beeintrĂ€chtigt? Angesichts der philosophischen Ansicht der Menschlichkeit, welche in der Einleitung erlĂ€utert wurde, lohnt es sich nicht; Freundschaften dieser Art sollten in extremsten FĂ€llen vermieden oder auf ein Minimum begrenzt werden. Sie schaden der Psyche des Individuums und können in den schlimmsten FĂ€llen darin resultieren, dass man sich nicht mehr sicher fĂŒhlt und erwartet, dass jeder einzelne Mensch in die erste Kategorie fĂ€llt.
2.b: Typ 2: Menschen, von denen wir lernen
Im Grunde genommen ist dieser Typus das genaue Gegenteil des ersten. Wenn Person A zum zweiten Typus gehört, so sieht sie wahrscheinlich in Person B einen Freund, der ihn bereichert. Person A entwickelt sich beinah rapide in der Gegenwart von Person B und bekommt alle Vorteile zu spĂŒren.
Normalerweise ist es so, dass Person A dabei nicht mitbekommt, dass Person B sich nicht weiterentwickelt und stattdessen sogar in dieser Entwicklung behindert wird. Sollte Person A dies allerdings doch bemerken, droht die Gefahr, dass Person A in einen Kult fĂ€llt und anfĂ€ngt, obsessiv an Person B festzuhalten oder sie zu einem ,,Mentorâ zu idolisieren. Dies kann, wie auch der erste Typus, unabhĂ€ngig von Alter passieren, allerdings ist es hier so, dass Person B Ă€lter als Person A ist.
Erneut muss ich hier sagen, dass Freundschaften dieser Art nicht langwierig sind und sich auf Person A sogar destruktiv auswirken. Es besteht groĂes Risiko, dass A einsieht, dass B die eigene geistliche Entwicklung fĂŒr eine Freundschaft kompensiert und somit versucht, sich selber zu verstellen, um auf einer Ebene mit Person B zu sein - sei es auf intellektueller, spiritueller, mentaler, emotionaler, sozialer, ja sogar physischen Ebene. All das ist das Produkt einer Romantisierung, ja Idolisierung von Person B, sei es ungewollt und subtil. Person A ist erneut submissiv, allerdings einer Person, die Person A selbst ĂŒberlegen ist.
Freundschaften mit dem Typ 2, der Typ, von dem wir lernen und dessen Entwicklung von uns selbst kompensiert, unsere eigene allerdings bereichert wird, sind nicht langwierig, und können in den radikalsten FĂ€llen in einer Idolisierung und Obsession enden. Diese Obsession kann sehr, sehr subtil sein; so subtil, dass man daran nichts Ungewöhnliches feststellen wĂŒrde. Allerdings ist jede einzelne, noch so kleine VerĂ€nderung des eigenen Seins ein Sartresches mauvaise fois, eine Unaufrichtigkeit, der Verrat unserer Selbst.
2.c: Typ 3: Menschen die uns lehren und wir sie im Gegenzug auch, auch genannt ,,vollstens gegenseitige Freundschaftâ
Dieser Typus der Freundschaft ist wohl der seltenste von allen, denn so ungern ich es sage, fallen doch die meisten Freundschaften in eine der beiden ersten Kategorien. Dies ist nichts Negatives, allerdings macht die RaritĂ€t des dritten Typus diese Art der Freundschaft so besonders. Um erneut auf Merleau-Ponty zu sprechen zu kommen, kann man diese Art der Freundschaft sehr einfach als einen ,,Chiasmusâ des Seins erklĂ€ren: ,,gleichzeitig Ergreifen und Ergriffen werden.â
Weder Person A noch B mĂŒssen ihr eigenes Sein kompromittieren, und beide bereichern einander auf eine Art, dass die Entwicklung beider fast zeitnah und gleichschnell geschieht. Es klingt sehr abstrakt, denn im Grunde ist dieser Typ das Idealbild der Freundschaft: zwei Menschen, deren gegenseitige Existenz einander ergĂ€nzt.
Nehmen wir ein Beispiel: die menschliche Existenz, das Individuum, als eine Skizze eines GemĂ€ldes, ergo die bloĂe Idee, reduziert auf ihre GrundsĂ€tze. Zwar ist es einfach nur töricht und unkorrekt, den Menschen auf eine Skizze zu reduzieren; wenn wir jedoch ĂŒberlegen: ist der Mensch wirklich mehr als eine rohe, grobe Skizze, mehr, als bloĂ ein GefĂŒge von geistlichen, intellektuellen und sozialen Substanzen, die ihn ausmachen?
ZurĂŒck zum Beispiel. Freundschaften des dritten Typen erweitern diese Skizze zu einem Entwurf, welcher mit der Zeit Farbe und Form annimmt und schlieĂlich - im Idealfall - zu einem Kunstwerk wird. Es ist meiner Ansicht nach nicht das Ziel, ein Kunstwerk zu sein - ich bin dazu bereit, stundenlange Diskussionen darĂŒber zu fĂŒhren, warum der Mensch sein ,,Werkâ, sein Sein, niemals vollenden kann - allerdings ist dieses Beispiel nĂŒtzlich, um die Wichtigkeit des dritten Typen zu illustrieren.
Freundschaften dieser Art sind rein zahlentechnisch gesehen nicht begrenzt, aber wie ich bereits oben erklĂ€rt habe: sie sind selten. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum es so erfrischend, so erfĂŒllend ist, wenn man einen gleichdenkenden Menschen kennenlernt. Diese Art der Freundschaft erfordert die Transzendenz der beiden Parteien, ergo: sehen und gesehen werden. Person A und B sind in der Lage, sich einander platonisch zu bereichern, ohne dabei das Fundament der menschlichen Existenz zu vergessen: die Freiheit.
Diese philosophische AnnĂ€herung ist wohl nicht vollendet, denn je Ă€lter ich werde, desto mehr habe ich wohl die Gelegenheit, zu sehen, ob meine These stimmt und ĂŒberhaupt angewandt werden kann. Ich möchte erneut nochmal meine Prinzipien wiederholen: Selbstverwirklichung und Entwicklung, welche in Freundschaften nicht kompromittiert, sondern erweitert werden sollte. Darin sehe ich den tiefliegenden Funktion der Freundschaft: die gegenseitige Motivation beziehungsweise ErgĂ€nzung, um die geistliche Entwicklung anzutreiben.Â