Kopfdurchweichung durch das Radio, eine vergessene Gefahr
Ich lese zum zweiten oder dritten Mal den Krimi âWachtmeister Studerâ von Friedrich Glauser. Bei der letzten LektĂŒre in den 1990er Jahren hatte die Ausgabe den viel schöneren Titel âSchlumpf Erwin Mordâ. Ich erinnere mich nicht an meine Meinung von frĂŒher, bin diesmal aber nicht begeistert, die Personenbeschreibungen sind mir zu verĂ€chtlich, die Klischees zu zahlreich. Was ich vor zwanzig Jahren auch ĂŒberlesen habe, ist die Rolle, die das Radio in der Geschichte spielt. Der Roman ist 1935 entstanden, das Radio war erst wenige Jahre alt und störte brave und konservative BĂŒrger wie den Wachtmeister Studer offenbar sehr.
Zuerst ist es nur ein wenig laut im Dorf Gerzenstein, in dem sich der Mord zugetragen hat:
âAus der TĂŒr des Coiffeurladens quoll eine knödlige Stimme: âSie hören jetzt das Zeitzeichen des chronometrischen Observatoriums in NeuchĂątel ...â Und gedĂ€mpft, durch die geschlossene TĂŒre drang aus dem Laden, vor dem Studer stand, der âSambre et Meuseâ-Marsch ...
âDas Dorf Gerzenstein liebt Musik ...â, stellte der Wachtmeister bei sich fest und betrat den Coiffeurladen.â
Das Zeitzeichen des Observatoriums in NeuchĂątel wird zum Zeitpunkt der Romanentstehung seit vier Jahren von Radio BeromĂŒnster ĂŒbertragen, hier kann man es hören. Radio BeromĂŒnster wurde 2008 abgeschaltet, das Zeitzeichen 2012 zum letzten Mal gesendet.
Die gleiche Erkenntnis ĂŒber die LĂ€rmfreudigkeit von Gerzenstein hat der Wachtmeister ein paar Seiten spĂ€ter noch einmal:
âUnd als er die DorfstraĂe entlangging, vorbei an den vielen Schildern, die sich folgten, fiel ihm eine zweite EigentĂŒmlichkeit dieses Gerzensteins auf. Aus jedem Hause drang Musik; manchmal unangenehm laut aus einem geöffneten Fenster, manchmal dumpfer, wenn die Fenster geschlossen waren.
âGerzenstein, das Dorf der LĂ€den und Lautsprecherâ, murmelte Studer, und es war ihm, als sei mit diesen Worten ein Teil der AtmosphĂ€re des Dorfes charakterisiert ...â
Bei den wenigen anstÀndigen Menschen in Gerzenstein herrscht nicht so ein Krach:
âEs sei so still hier, sagte Studer nach einer Weile, worauf Murmann lachte. Er habe eben keinen Lautsprecher wie die anderen Gerzensteiner, sagte er. Da lachte auch Studer.â
âSo stand Studer wieder auf der asphaltierten StraĂe. Rechts und links, so weit der Blick reichte: LĂ€den, LĂ€den, LĂ€den.
Und die HĂ€user waren nicht stumm ...
Es war Samstagnachmittag.
Durch die Mauern, durch die geschlossenen Fenster und durch die geöffneten jodelte das Gritli Wenger â
Es jodelte den Sonntag ein ...â
Nicht nur der LĂ€rm ist ein Problem. Die Menschen haben gar keine eigenen Stimmen mehr, sie sind vom Radio vergiftet worden:
âEs war gespenstisch. Die Wirtin redete und Studer hatte den Eindruck, das Gritli Wenger jodeln zu hören. Und als der Wirt auch noch dazu kam (viel jĂŒnger schien er als seine Frau, er hatte O-Beine und war, wie sich spĂ€ter herausstellte, Dragonerwachtmeister), ja, als der Wirt zu sprechen begann, hatte er wahr- und wahrhaftig die Stimme des Konditorkomikers Hegetschweiler.
Wo hatten die Leute ihre Stimmen gelassen? Waren sie vom Radio vergiftet worden? Hatten die Gerzensteiner Lautsprecher eine neue Epidemie verursacht? Stimmenwechsel?
Da, da war es wieder ...
DrauĂen beklagte sich einer, er habe nichts mehr zu trinken, und er sprach diese einfachen Worte in so singendem Tonfall, daĂ Studer meinte, den Schlager zu hören: âIch habâ kein Auto, ich hab kein Rittergut ...ââ
Nicht einmal der Sonntag ist heilig, ĂŒberall krĂ€chzt und summt es auf unheilige Art:
âMan spĂŒrte den Sonntag. Verlassen sahen die HĂ€user aus, aber sie waren nicht stumm, nicht einmal heute. Ein KrĂ€chzen hier, ein Summen dort, manchmal ein Melodiefetzen ...
Die Lautsprecher Gerzensteins spielten mit den atmosphĂ€rischen Störungen, es war niemand da, der sie beaufsichtigte ... So trieben sie Schabernack, fĂŒr sich allein, um die Langeweile des einsamen Nachmittags zu wĂŒrzen ... In der Woche gab es so viel zu tun fĂŒr sie. Sie sangen, sie spielten, sie sprachen. Professoren, BundesrĂ€te, Pfarrer, Psychologen â gehorsam blökten die Lautsprecher die Worte nach, die irgendein bedeutender Herr von seinem Manuskripte ablas â und die Worte drangen in die Ohren der Gerzensteiner, durchweichten die Köpfe ... Sie wirkten wie ein Landregen auf Moorland ... Die Lautsprecher waren die Beherrscher Gerzensteins. Redete nicht selbst der GemeindeprĂ€sident Aeschbacher mit der Stimme eines Ansagers?â
Studer bedient sich allerdings auch schon selbst des Radios bei seinen Nachforschungen. So ganz klar ist dessen Funktion in der AufklÀrung des Falls allerdings nicht, es wirkt wie ein noch etwas ratloser Versuch, die neue Technik irgendwo in der Handlung unterzubringen. Telefoniert wird hingegen oft. Dass die Aufzeichnung von GestÀndnissen nicht möglich oder nicht praktikabel ist, bedauert der Wachtmeister mehrfach:
âJetzt eine Platte da haben! dachte Studer, und das GesprĂ€ch aufnehmen!â
Nicht nur das Radio ist ein Problem, sondern auch der Heftroman, der von allen leicht beeinflussbaren Meitschis und Ladenschwengeln des Buchs gelesen wird und in ihren Köpfen Unheil anrichtet:
âSonja wuĂte von nichts, man hatte ihr nichts erzĂ€hlt, bis man sie vor eine vollendete Tatsache hatte stellen können ... Und auch dann hĂ€tte sie sich vielleicht geweigert, wenn ... wenn nicht die Romane gewesen wĂ€ren: âUnschuldig schuldigâ hieĂ einer ...â
Sogar Studers Frau hat frĂŒher einmal selbst solche Heftromane gelesen, ânĂ€chtelang â dann war am Morgen der Kaffee dĂŒnn und lau gewesen und die Frau schmachtend.â Aber er hat es ihr abgewöhnt, und seitdem âgelang es dem Hedy (Frau Studer hieĂ Hedwig) gut, geplagte, schweigsame Menschen zum Reden zu bringen â besonders Frauen.â
Das Heftromanlesen kann man den Menschen also wieder abgewöhnen. Vielleicht geht das ja auch mit dem Radiohören, wenn nur der Richtige kommt, ein vernĂŒnftiger Mensch wie der Wachtmeister Studer. Wir wollen es hoffen fĂŒr die Menschen in Gerzenstein, dem Dorf der LĂ€den und Lautsprecher.