15. Dezember 2016
Der Tag, an dem wir die Zeitkapsel öffneten
In einem der RĂ€ume in unserem Institut befindet sich ein kleiner BĂŒroschrank, der schon seit Jahren abgeschlossen ist. Niemand hat eine Idee, wo der SchlĂŒssel dafĂŒr sein könnte. Wir haben schon alles grĂŒndlich durchsucht, aber ein passender SchlĂŒssel wurde nie gefunden.
Heute muss der Raum wegen Renovierungsarbeiten leergerÀumt werden, und wir treffen daher die Entscheidung, den Schrank nun nach all den Jahren aufzubrechen.
Die Spannung ist groĂ. Immerhin haben wir die RĂ€ume ca. 1993 bezogen, und dementsprechend Ă€hnelt der Schrank einer Art Zeitkapsel, die uns mit etwas GlĂŒck Einblick in eine lange vergangene Zeit ermöglichen wird. Alle werden zusammengerufen, und jemand holt einen groĂen Schraubenzieher. In wenigen Sekunden ist die TĂŒr aufgehebelt. Wir werden nicht enttĂ€uscht.
Der Inhalt unserer Zeitkapsel besteht aus einer leeren Fasche Haake Beck Pils, einer Ausgabe eines schon lange eingestellten Hochschulmagazins vom August 1997 (was uns eine prĂ€zise Datierung erlaubt), einigen Deutsche-Mark-MĂŒnzen, die wir den staunenden Studierenden zeigen, einer VHS-Kassette und einem Hewlett Packard HP-45 inklusive Netzteil.
Den Taschenrechner nehme ich sofort in meine Obhut. Vorsichtig versuche ich, ihn mit meiner âiKlear ReinigungsflĂŒssigkeit fĂŒr Apple-GerĂ€teâ zu reinigen, aber der Grauschleier lĂ€sst sich nicht richtig entfernen. Wer wohl vor zwanzig oder dreiĂig Jahren damit gearbeitet hat? Immerhin durfte man ja frĂŒher in den BĂŒros noch rauchen; das könnte die etwas vergilbten Tasten erklĂ€ren.
Der HP-45 erschien 1973 und ist der Nachfolger des berĂŒhmten HP-35, des ersten technisch-wissenschaftlichen Taschenrechners. Beide waren in den 1970er Jahren weit verbreitet und wurden auch an meiner Schule genutzt.
Die wiederaufladbare Batterie in unserem FundstĂŒck ist natĂŒrlich schon lange tot. Aber ich habe ja ein Netzteil. Ich schlieĂe es an, schalte den Rechner ein, und alles funktioniert absolut perfekt!
Der Anblick der leuchtenden roten LED-Anzeige versetzt mich augenblicklich in die 1970er Jahre, als wir oft mit HP-Taschenrechnern gearbeitet haben. Mir fĂ€llt wieder ein, dass ich als SchĂŒler sogar fĂŒr kurze Zeit eine Armbanduhr mit den gleichen roten LED-Leuchtziffern hatte.
Ich ĂŒberlege kurz, ein ausrangiertes Smartphone, einen USB-Stick und eine leere Flasche Club-Mate in einen anderen Schrank zu legen und den SchlĂŒssel wegzuwerfen, damit im Jahr 2039 jemand anders so viel Freude hat wie wir heute.
(Oliver Laumann)













