âSchatten - Eine nĂ€chtliche Halluzinationâ (1923)
Ein Stummfilm ohne Zwischentitel, ohne konkrete Namensbezeichnungen, ohne Orts- und Jahresangabe. Aufgrund der KostĂŒmierung der Darsteller könnte es sich es sich um die Epoche des Empire (1804 â 1830) handeln.
Auf einer stilisierten TheaterbĂŒhne öffnet sich der der Vorhang fĂŒr die Protagonisten, deren ĂŒberdimensionale Schatten bereits die Thematik des Films vorausnehmen: ein wohlhabender Mann (Fritz Kortner), seine Gattin (Ruth Weyher), ein JĂŒngling (Gustav von Wangenheim), drei Kavaliere (Eugen Rex, Max GĂŒlstorff und Ferdinand von Alten), zwei Diener (Fritz Rasp und Carl Platen) sowie eine Zofe (Lilly Herder) WĂ€hrend die Reaktionen sĂ€mtlicher MĂ€nner auf die Gattin ausgerichtet sind, ist lediglich die Zofe davon unbeeindruckt. Gemeinsam ist ihnen allen ein Agieren wie auf der BĂŒhne, ohne das sie das Publikum beachten. Ganz im Gegensatz zu dem als Letzten erscheinenden Gaukler (Alexander Granach), der spöttisch ins Publikum grĂŒĂt. Er ist der Einzige, der aus dem Souffleurkasten heraufsteigt und damit eindeutig als der Regisseur des nun folgenden Spiels zu identifizieren.
Zu nĂ€chtlicher Stunde beobachtet der JĂŒngling seine Angebetete mit ihrem Gatten beim zĂ€rtlichen TĂȘte-Ă -TĂȘte an einem Fenster. Seine sehnsuchtsvollen Blicke verfolgt der Gaukler mit hĂ€mischem Grinsen. Die junge Frau ermuntert ihren Verehrer mit Koketterie, wĂ€hrend ihr Ehemann in seinen eigenen erotischen Gedanken versinkt. Er ist seiner Gattin leidenschaftlich zugetan, ist jedoch ebenso von immenser Eifersucht auf mögliche Nebenbuhler besessen.
Sowohl der JĂŒngling als auch die drei Kavaliere sind inzwischen zu einer Soiree eingetroffen. Sie vergnĂŒgen sich damit, den Schatten der Dame des Hauses, die sie offensichtlich allesamt begehren, zu liebkosen. Die den Gatten plagenden Eifersuchtsvisionen werden durch das Schattenspiel, das er als RealitĂ€t wahrnimmt, ebenso befeuert, wie der stĂ€ndige Flirt seiner Frau mit den GĂ€sten.
Der Gaukler bietet seine KĂŒnste als Schattenspieler an und wird nach anfĂ€nglichem Widerstreben empfangen. Das von ihm prĂ€sentierte, zunĂ€chst harmlos anmutendes chinesische MĂ€rchenspiel Ă€ndert sich grundlegend, als der Gaukler die Gesellschaft in Trance versetzt.
Rasend vor Eifersucht glaubt der Gatte, seine Frau habe ihn mit dem JĂŒngling betrogen und sinnt auf eine entsetzliche Rache: die hilflos auf einem Tisch gefesselte junge Frau soll von ihren Galanen mit Degen durchbohrt werden. WĂ€hrend der JĂŒngling sich dem furchtbaren Treiben entzieht, ergeben sich die drei Kavaliere den gewalttĂ€tigen Drohungen des Gatten und töten die von allen Begehrte. Der nunmehr endgĂŒltig in den Wahnsinn abgedriftete Herr des Hauses wird von seinen GĂ€sten aus dem Fenster geworfen.
Der Leichnam verschwindet vom StraĂenpflaster, die versammelte Gesellschaft erwacht aus der Trance, der Gaukler setzt sein chinesisches MĂ€rchenspiel fort.
Die ihrer geheimen Obsessionen nunmehr bewusst gewordenen GĂ€ste verlassen das Haus. Der Morgen bricht an, die Schatten weichen, das Ehepaar bleibt in Liebe vereint zurĂŒck, wĂ€hrend der Gaukler davonzieht.
âSchattenâ ist ein immens faszinierender und vielschichtiger Film. der gĂ€nzlich ohne Zwischentitel auskommt - selbst die einzelnen Akte werden durch Fingerzeige angekĂŒndigt - und daher die Phantasie des Zuschauers sehr beflĂŒgelt. Da die Unterschiede zwischen RealitĂ€t und Imagination nicht exakt gekennzeichnet werden - auch die Viragierung gibt darĂŒber nicht gĂ€nzlich Aufschluss - kann man sich niemals gĂ€nzlich sicher sein, was sich tatsĂ€chlich ereignet.
âSchattenâ ist ein erotisch aufgeladener Film, der in einer Sequenz sogar sadistische Phantasien bedient. Das Zentrum der Handlung ist eindeutig die attraktive Frau, der ihr Ehemann in leidenschaftlicher Zuneigung verbunden ist, dabei jedoch ebenso von Eifersuchtsphantasien besessen ist. WĂ€hrend der JĂŒngling sich nach ihr verzehrt, wirft sie ihm zwar verheiĂungsvolle Blicke zu und flirtet selbst in Gegenwart ihres Gatten mit ihm, es wird jedoch nicht eindeutig thematisiert, ob die Beiden tatsĂ€chlich eine AffĂ€re unterhalten. Mit den drei Kavalieren verhĂ€lt es sich anders, da sie mit ihnen lediglich spielerisch kokettiert, und diese- von ihr unbemerkt - nur ihren Schatten liebkosen. Selbst der jĂŒngere Diener ist von seiner Herrin weit ĂŒber das schickliche MaĂ hinaus angetan, was ihm jedoch lediglich eine Ohrfeige einbringt.
Das Schauspielerensemble ist hervorragend: Ruth Weyher brilliert als verfĂŒhrerische Femme fatale, Gustav von Wangenheim als schwĂ€rmerischer JĂŒngling, Alexander Granach als dĂ€monisch und zugleich komödiantisch anmutender Gaukler und Fritz Rasp als unheimlicher Diener. Fritz Kortners furiose Darstellung ist noch gĂ€nzlich seiner expressionistischen Phase verhaftet und dennoch höchst eindrucksvoll. Nur in einer einzigen Szene, in der sich mehrfach auf den Kopf schlĂ€gt, hĂ€tte ihn Regisseur Arthur Robison etwas zĂŒgeln können. AnrĂŒhrenden Sequenzen, wie jene in der er das Strumpfband seiner Frau liebkost, wechseln mit Szenen erbarmungsloser Raserei und BrutalitĂ€t.
Die titelgebenden Schatten beherrschen eindrucksvoll die Szenerie (Kamera: Fritz Arno Wagner / Bauten: Albin Grau), und selbst als sie dem Morgen weichen, wird der Zuschauer nicht völlig beruhigt in ein simples Happy End entlassen. Das sich zunÀchst einander liebevoll annÀhernde Ehepaar entfernt sich in der Schlussszene wieder von einander, und sein Blick ruht eher skeptisch auf ihr. Wird der leidenschaftliche Mann seiner koketten Frau von nun an wirklich vertrauen können?