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Applaus für eine freie Adaption des Ibsen-Klassikers mit Freude an Krawall und Konflikt, für Stadttheater, das auch die eigene Stadtpolitik thematisiert und für eine politische Brandrede, die außerhalb des Bühnenraums das Publikum genauso polarisieren würde. Am 6. Februar Applaus für das Theater Münster.
Wenn ein Abend so richtig holprig startet, kann das auch was Gutes haben: Man erwartet nicht viel vom Kommenden. - Und man freut sich umso mehr, wenn dieser Volksfeind im letzten Drittel doch noch auftrumpft. Aber dazu später. Zunächst beginnt das Spiel behäbig. Der Chefarzt eines Kurbades, das einem namenlosen Ort zu neuem Reichtum verhilft, macht eine folgenschwere Entdeckung: Das Wasser hilft nicht etwa bei Beschwerden, sondern ist eigentlich hochgiftig. Angezeigt wären teure Maßnahmen und die temporäre Schließung der aufstrebenden Kureinrichtung. Schlechte Neuigkeiten, die eine Kettenreaktion in die Stadtgesellschaft von Lokalpresse über Kurdirektion bis in die Politik auslösen und die an jedem Akteur den Konflikt zwischen eigenen Interessen und der Wahrheit vorführen: Beißt sich der Arzt nicht ins eigene Fleisch, wenn er für negative Schlagzeilen sorgt? Ist die Publikation des Skandals wirklich im Interesse des Zeitungsherausgebers, wenn er gleichzeitig Vorsitzender des Verbands der Immobilienbesitzer ist? - Der Volksfeind ist ein zeitloses Meisterwerk der Sichtbarmachung von systemimmanenten Fehlern des Kapitalismus.
Und hier? In Münster beginnt der Abend mit kleinbürgerlicher Kulisse und einer grauenhaften, fast peinlichen Bandprobe. Dieser Volksfeind braucht 40 Minuten um in Fahrt zu kommen, während unglückliche Textstolperer ihr ihriges tun um die Illusion des Theaters zu verhindern. Doch mit fortschreitender Zeit fesselt der Konflikt zwischen Kurarzt und Bürgermeister zunehmend, auch weil Aurel Bereutel und Mark Oliver Böger überzeugend die beiden ungleichen Brüder mimen. Dabei nimmt sich die Regie viel Freiheit gegenüber der Vorlage. Diese Freiheit gipfelt in einer furiosen Rede gegen die wahnwitzige kapitalistische Ordnung vor dem kurzum in eine Bürgerversammlung verwandelten Publikum.
Skandal! Natürlich gibt das Widerstand im konservativen Münster: Einige Zuschauer zetern und zerren den rhetorisch überzeugenden Redner tatsächlich zeitweilig von der Bühne. Der Rest des Publikums fragt sich, ob das zur Inszenierung gehört oder tatsächlich die kochende Volksseele für Ordnung sorgt?
Zwar versucht Regisseur Frank Behnke auch den totalitären Charakter der Gegenutopie des Kurarztes anzudeuten, doch bleiben diese Passagen unscharf und gleichzeitig hölzern. Letztlich bleibt er doch eine tragische, aber insgesamt moralisch integre Figur. Der Abend verpasst die Chance einer komplexeren Charakterzeichnung.
Dennoch: Das Publikum ist begeistert von dieser Inszenierung vor einem großen Haufen Fahrräder. Und auch der Claqueur freut sich am Ende über die unbestreitbare Intensität des Abends.