Ursachenforschung bei Weblin
Ein interessanter Kommentar zur Krise von Weblin. Insgesamt liegt er nicht ganz im Ziel. Aber so wenig, wie öffentlich bekannt, ist das kein Wunder und deshalb nicht anzukreiden. Mir gefÀllt, dass einige Punkte wirklich diskutiert werden und man sicher davon lernen kann.
"Weblin hat einen Preis verliehen bekommen vom Staat bzw. Land - Das sind oft erste Warnzeichen, denn was der Staat ĂŒblicherweise toll findet ist meistens hinter der Zeit zurĂŒck."
Nette Idee :-) aber "der Zeit hinterher" ist unwahrscheinlich. Eher zu frĂŒh und noch nicht Mainstream genug. Ein Wunder, dass es einen Preis gab.
"Bis zum Schluss gab es keine Lösung, die ohne zusĂ€tzliche Softwareinstallation lief - Jeder weiĂ, dass zusĂ€tzliche SW-Installationen eine hohe EInstiegsbarriere fĂŒr neue Nutzer sind, zumal es von anderen Anbietern Lösungen als Firefox-Plugin gab, die ihren Zweck erfĂŒllten."
Die gut alte Download HĂŒrde, immer wieder gerne kolportiert, aber durch die Praxis widerlegt. 3 Mio registrierte und 150.000 Weekly Returning User fĂŒr relativ wenig Marketingausgaben sagen etwas anderes. Im ernst: Benutzer im zweistelligen Prozentbereich machen den Download, werden und bleiben Weblin-User, manchmal sogar bis 30% (der Besucher auf der Weblin-Seite), was eine ziemlich gute Conversion-Rate ist.
"Das Modell mit âvirtuellem Nippesâ Geld zu verdienen schien mir Ă€uĂerst zweifelhaft - Ich hab es ja selbst ausprobiert, mehr als ein kurzfristiger Unterhaltungseffekt war nicht drin, danach nervt es nur noch, genau wie RocketOn."
Virtuelle GĂŒter im Allgemeinen scheinen zu gehen, wie viele Berichte (auch in diesem Blog) zeigen. Aber bei Weblin war das alles ziemlich lange ziemlich sinnlos, also "Nippes", stimmt. Das hĂ€tte man nicht so lange sinnlos bleiben lassen dĂŒrfen. Ende 2007 wurden virtuelle GĂŒter eingefĂŒhrt, dann kamen schnell die Weihnachts- und Horten-Sammelaktionen. Dann hat Weblin leider die die virtuellen GĂŒtern nicht weiter entwickelt. Man konnte sammeln, tauschen, ein paar Alben machen fĂŒr Avatare. Gegen Ende dann die Effekte. Aber eine Ăkonomie hat es nie gegeben. Die User wurden ein ganzes Jahr hĂ€ngen gelassen. Das Jahr 2008 wurde komplett verpasst, weil die PrioritĂ€ten falsch waren. SpĂ€ter mehr dazu...
"Die Lösung schien mir viel zu invasiv bzw. aufdringlich, sie stellte sich selbst in den Vordergrund, denn im wahrsten Sinn des Wortes standen die Avatare und nicht die Webseite im Vordergrund."
Das ist ein interessanter Punkt, der sicher noch ausfĂŒhrlich diskutiert werden wird. Ich glaube Weblin ist minimal-invasiv (siehe Vortrag Virtual Worlds Camp). Ob es minimal- oder maximal-invasiv ist, darĂŒber lĂ€sst sich trefflich streiten. GrundsĂ€tzlich vergleicht sich Weblin gerne mit der realen Welt. Stehen auf der realen StraĂe, die Menschen (Avatare) zu sehr im Vordergrund? Oder sollten die Schaufenster (Webseite) mehr hervortreten? Aber man kann hier sicher was lernen. Sollten die Avatare nur 20 Pixel hoch sein? Nur in der Statusleiste vom Browser? Nur auf Knopfdruck sichtbar? 100 Pixel, aber transparent? Oder etwas ganz anderes?
"Mit das gröĂte Problem schien mir, dass man nur wenn man EXAKT auf der selben URL wie ein anderer Besucher im Web war, auch jemanden gesehen hat. Dieser Tunnelblick hilft mir nicht! Die Menschen in der Stadt erst dann zu sehen, wenn ich in jeden einzelnen Laden hineingehe (dann aber alle anderen nicht mehr zu sehen), wĂ€re ein recht armes Erleben von sozialem Raum."
Die Topologie im web ist wirklich eins der gröĂten Probleme. GroĂ im Sinne von interessant, nicht im Sinne von riskant. Bei machen Systemen gilt wirklich der ganze URL, bei anderen immer nur die Domain. Bei Weblin ist es konfigurierbar. StandardmĂ€Ăig gilt der Domainname des Servers, wobei www. abgetrennt wird. Aber man kann das auch viel genauer einstellen bis auf ein Raum pro Zeitungsartikel oder pro Youtube-Video.
Die Bemerkung könnte sich auch darauf beziehen, dass man inhaltliche Nachbarschaft verwenden sollte, nicht nur die technische Adresse (URL). Das hat Me.dium versucht und wieder beendet. Damit ist das Rennen aber nicht entschieden. Ob Inhalt besser funktioniert als Adresse wird sich zeigen. Sicher ist, dass es fĂŒr eine Firma (auĂer Google) schwierig ist, allen Websites Kategorien zuzuordnen. Vielleicht geht es mit Crowd-Sourcing indem die User Kategorien zu Websites festlegen und danach wird bestimmt, wer wen sieht.
Vielleicht soll auch die Nachbarschaft einbezogen werden. Dann wĂŒrde man auch die die Leute auf der StraĂe sehen wenn man "im Laden" steht. Auch das gab es schon mal bei CoBrow, wurde aber wegen der KomplexitĂ€t der Nachbarschaftsberechung ĂŒber Hypertext-Links fallen gelassen.
"Nutzer von Webseiten wollen nicht bei ihrer primĂ€ren TĂ€tigkeit (Surfen im Web) gestört werden, wenn also PrĂ€senztechnologie ins Spiel kommt, darf sie keinesfalls derart invasiv sein, den Nutzer bei seiner TĂ€tigkeit zu behindern. GroĂe Avatare stören da aber nur. Am besten bringt das fĂŒr mich folgender Beitrag bei Beat Doebli auf den Punkt: Why dots? mit dem zugehörigen YouTUBE-Video."
Hm, ich bin kein Punkt. Ich will mich individualisieren. In vielen virtuellen Welten funktioniert das Avatar, meistens sogar in 3rd Person, d.h. es verdeckt einen Teil der Umgebung. Man kann argumentieren, dass das Web keine virtuelle Welt ist, weil der Zweck ein Anderer ist. Aber vielleicht wollen die Benutzer trotzdem individualisieren und Freunde zu wiedererkennen. Gibt es eine Möglichkeit, den Inhalt nicht mit dem Avatar zu verdecken, aber trotzem zu individualisieren? Ich bin gespannt.
"Besucher von Webseiten wollen u.U. gern weiterhin anonym bleiben. Nicht jeder möchte beim Besuch bestimmter Seiten âgesehen werdenâ bzw. indentifiziert werden, oder gar seinen Besuch mit seiner IdentitĂ€t verknĂŒpft in einer Datenbank eines PrĂ€senztechnologieanbieters wissen."
Ja. Das ist ein groĂes Problem vieler PrĂ€senztechnologien. Die meisten Systeme haben einen Anbieter, der die URLs ALLER Benutzer bekommt und vielleicht speichert. Mal davon abgesehen, dass Alexa-Benutzer das seit Jahren gerne machen, finde ich es nicht gut. URLs dĂŒrfen nicht den Rechner des Benutzers verlassen. Deshalb wurde URL-Mapping im Client entwickelt.
Trotzdem wird natĂŒrlich angezeigt, dass jemand da ist, aber nur in dem MaĂe, wie Benutzer es wollen. Man kann mit einem komplett kĂŒnstlichen, anonymen Profil auf dem Web spazieren gehen. Das ist viel anonymer als in der realen Welt.
"Webseitenbetreiber möchten nicht, dass an ihnen âvorbeiâ kommuniziert wird, ohne dass sie âdabeiâ sein können. Niemand wird eine PrĂ€senztechnologie unterstĂŒtzen, bei der er nicht wirksam selbst Einfluss nehmen kann als Seitenbetreiber."
Das ist ein sehr interessanter und richtiger Punkt. Die Menschen, Webseitenbetreiber und Benutzer mĂŒssen sich beteiligen können. Dazu wird es sicher in Zukunft noch viele gute Ideen geben. Bisher umgesetzt ist die Möglichkeit fĂŒr Webseitenbetreiber, das "Hausrecht" auszuĂŒben indem sie bestimmen wo gechattet wird. Der Webseitenbetreiber kontrolliert den Chatraum und kann damit sowohl moderieren und kontrollieren, als auch die PrĂ€senz durch Zusatzdienste erweitern.
Bei Weblin gibt es noch weblin Sitekit. Damit kann der Webseitenbetreiber den Client steuern und Erweiterungen auf seiner Seite anbieten.
Mehr "Social Technology" ist vermutlich hilfreich, die Verweildauer zu erhöhen. Dazu gehört vielleicht Notizen hinterlassen, sehen wer in der Vergangenheit da war, vielleicht Interaktion mit der Webseite und Interaktion zwischen Benutzern ĂŒber die Webseite (siehe weblin Sitekit). Man kann sogar die Verweildauer des "einsamen Surfers" erhöhen wenn man ihm/ihr etwas zu tun gibt im Layer ĂŒber dem Web. Und sicher kann man Besucher mehr beschĂ€ftigen, wenn sie gemeinsam etwas zu tun haben wie hier: cooperation and collective activity as socializing browsing.
happy_socializing();
PS: Als Advocatus Diaboli könnte man allerdings auch sagen: WTF soll das stÀndige Socializing. Virtuelle PrÀsenz zeigt Leute und lÀsst sie kommunizieren. Der Rest ergibt sich von selbst, wie in der realen Welt. Basta.