Ich versuche mehr zu schreiben. Doch jedes Mal wenn ich beginne, verliere ich mich im Strudel meiner Gedanken. Sprunghaft, fast schon chaotisch haste ich von einem zum nächsten. Obwohl springen würde bedeuten, dass ich es kontrollieren würde, doch das tue ich nicht.
Manchmal habe ich so klare Gedanken, das ich es im Nachhinein bereue, sie nicht aufgeschrieben zu haben. Doch genau dann wenn ich mich dazu entscheide, ist da wieder dieses Durcheinander.
Es gibt so viel, worüber ich gern reden würde. Meine Sichtweise teilen würde. Doch wie soll das gelingen, wo ich mich doch selbst nicht verstehe geschweige denn einen Durchblick habe?
Manchmal denke ich ehrlich, dass ich nur etwas Echtes, mit einer wahren Botschaft, Zustande bringen kann, wenn ich an einem Tiefpunkt bin. Aus Leid und Schmerz etwas zu erschaffen, erscheint mir einfach noch am Ehrlichsten. Klar gibt es da auch noch so viel mehr, aber das war eben einfach immer meine Möglichkeit damit umzugehen. Mit allem was mir passiert ist und was ich erlebt habe. Meine schweren Seiten zum Ausdruck zu bringen, ohne es auf meine Haut zu bannen. Worten lagen mir schon immer mehr.
Was also ist, wenn ich irgendwann so stabil sein sollte, dass es keine drastischen Tiefpunkte gibt? Werde ich dann nie wieder etwas Echtes erschaffen können? Was bleibt übrig wenn die Dämonen verschwunden oder zumindest gezügelt wurden?
Schon irgendwie erstaunlich und etwas beängstigend, dass ein Mensch wirklich Sorge hat, dass von ihm Nichts mehr übrig bleibt sobald er die Krankheit besiegt oder im Griff hat. Denn eigentlich sollte man meinen, dass man froh ist wenn man endlich stabil ist. Doch in all den Jahren, bei all den Veränderungen ist doch eines immer gleich geblieben und stets da gewesen: die Depressionen.
Eine alles einnehmende Krankheit, die einen ausfüllt und die einen so sehr einschränkt. Und dabei dennoch so etwas wie Halt vermittelt. So etwas wie ein Schatten, ein Leidensgenosse, man könnte fast schon Freund sagen.
Wie widersprüchlich und beinah ironisch das klingt. Genau das, was einen steuert und uns gefangen hält, ist es was man fürchtet zu verlieren. Jahrelang hat man sich darüber definiert, da war man die Krankheit und sie bestimmte das Leben. Man schaffte Dinge und Ziele nicht wegen ihr. Doch wenn all das weg ist, bleibt ein unreifes, gebrechliches und vom Kampf zerstörtes Wesen, das nun diese Hülle füllen muss. Natürlich ist man stärker und gesünder durch den Sieg. Doch was bringt das mit sich? Man ist nun allein für sein Leben verantwortlich. Wenn man etwas nicht schafft, dann ist es nicht Schuld der Krankheit. Es sind diese Gedanken die mir Angst machen. Das ich es dann bin die es nicht erreicht hat. Die ihr Leben nicht schafft zu leben. Keine Sicherheit oder Ausweichmöglichkeit, man könne es auf die Depressionen schieben. Plötzlich entsteht da ein komplett neues Problem. Ein ganz neuer Druck. Nach einem so langem und aufzehrendes Kampf gegen die Dämonen spürt man ihren bitteren Nachgeschmack immer noch.
Es ist als müsste man von Neuem lernen zu leben. Den sozialen Kontakt, Routine, gesellschaftliche Stellungen und Beiträge. Umgebung, Freunde, Beruf. Eben das Leben an sich. Was möchte ich eigentlich? Wo soll die Reise hin gehen? Was macht mich glücklich? Was erfüllt mich?
So viele Fragen mit denen man sich auseinander setzen muss.
Man beginnt bei Null und fühlt sich wieder wie ein Kind das lernt zu gehen, zu sprechen, ohne Stützräder Fahrrad zu fahren und auf eigenen Beinen zu stehen. In einer Gesellschaft in der nur zählt was du hast, was du erreicht hast. In einer Welt in der man dich allein durch deine Erfolge oder Fehlschläge bewertet. Überall trifft man auf Bewertung, Vergleiche und Erwartungen.
Man hat also gerade die eigenen Dämonen bekämpft nur um sich gegen die nächsten Mächte zu beweisen. Da kommt doch direkt wieder die quälende Frage auf, die sich jeder mal mehr mal weniger oft stellt, worin überhaupt der Sinn des Lebens liegt?
Man geht zur Schule, beginnt zu Arbeiten, schafft Familie mit einem Häuschen und ist nur ein kleines Rädchen in einer großen weltlichen Fabrik. Eigentlich bekommt man das doch von Klein auf nur mitgegeben. Eines Tages musst du etwas aus seinem Leben gemacht haben. Doch das dieser Weg bis dorthin schwer ist, das sagt dir natürlich keiner.
Vielleicht sehe auch nur ich das so. Wer weiß das schon, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht. Es gibt einfach so viel das mir durch den Kopf geht und die Tatsache das ich das Gefühl habe festzustecken zwischen Therapie, Erwartungen, „Leben“ und den Dämonen.
Es gibt Tage in denen kann ich Aufstehen und dann gibt es wieder Tage in denen ich darin einfach keinen Grund sehe. Momente in denen ich es kaum erwarten kann, endlich stabiler zu sein und dann auch wieder so viele Momente, in denen ich Angst habe was von „mir“ übrig bleiben wird. Wer ich bin und was mich eigentlich ausmacht. Eine Zeit in der ich fast wage zu behaupten es ginge mir gut und ebensolche Zeiten in denen ich glaube es wird nie anders sein. Das so mein Leben aussehen wird und das ich es nicht anders verdient habe. Ja ich komme ziemlich oft ins straucheln. Höre lautstark Musik um das Chaos in meinem Kopf wenigstens etwas zu beschwichtigen. Habe Nervenzusammenbrüche und weine ohne erkennbaren Grund. Fürchte mich vor Neuem und dem Unbekannten. Wünsche mir so einfache Dinge, wie einen Tag ohne Angst an dem ich das tun kann, was ich wirklich möchte. Auch wenn ich ehrlich gesagt nicht einmal wüsste, was das wäre. Sentimentale Augenblicke in denen alles auf einmal einbricht und Wochen in denen alles stumpf und leer ist. Einsamkeit, Sehnsüchte aber auch der Wunsch ab und an allein zu sein. So vieles und gleichzeitig so wenig. Es ist hart, ja, es ist alles, vor allem alles andere als leicht. Doch durch irgendwelche Gründe atme ich immer noch. Wache jeden Tag von Neuem auf und setze einen Fuß vor den anderen. Und nur die Zeit wird zeigen, ob es immer so sein wird wie es jetzt ist oder ob dort auf meinem Weg noch etwas anderes auf mich wartet. Wer weiß, vielleicht ist das hier ja sogar der Anfang von einer neuen Art für mich zu schreiben.