Lieber Onkel Christoph,
es fällt mir plötzlich ein, was für einen widersprüchlichen Handlungsort die Insel ist.
Einerseits, auf der Insel ist die Vergangenheit egal; was wirklich zählt ist, in der Gegenwart zu überleben. Gestern haben wir Kate als eine brave und mütige Frau kennengelernt, und unsere Eindrücke von ihr bleibt noch gewichtiger als das heutige Neues, dass sie vielleicht mal was verbrecht hat. Sie soll nicht jetzt als eine Verbrecherin gehandelt werden, solange sie ein gutes Teammitglied bleibt!
So zu sagen, ist jedoch leicht, ohne zu wissen, was genau sie getan hat. Doch ich wette, ich würde zu meiner Meinung stehen, ebenfalls nach der Enthüllung. Das ist der Standard, mit dem ich Sayid und Sawyer, die auch in dieser Folge ungerecht vorurteilt, erschätzen würde. Ich will wie Hurley sein und einfach sagen: “Du bist okay. Ich mag dich.”
Doch im Gegensatz zu Hurley verlasse ich mich nicht auf meinen Bauchgefühl sondern auf sichere Kentnisse. Ich weiß genau, wer eigentlich die gefundene Handschellen tragen müsste. Und ich kann die Vergangenheit übersehen, so weit ich sie kenne. Aber die Figuren kennen sie gar nicht und deshalb müssen sie sie immer im Betracht ziehen.
Und hier sehen wir die Widerspruch, dass die Vergangenheit jeder Figur das größte, fesselndste Geheimnis der Serie ist. Eindringlich dargestellt von der Trümmer am Strand, ist sie gleichzeitig wertlos und wesentlich. Nicht nur diese Trümmer, sondern auch die Wahrheit übereinander müssen die Figuren gut sortieren -- und damit die Wichtiges von den Unwichtiges endlich trennen.
So entpuppt sich LOST als ein Sinnbild für Leben.
Deine Linguavert
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