Lange habe ich gezögert, mit mir gerungen, ob ich diese Geschichte ĂŒberhaupt aufschreiben und einem kleinen Kreis von Lesern mitteilen soll. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, grausam und erschĂŒtternd, aber gleichzeitig gibt es fĂŒr diese wahre Begebenheit Zeugen. Nichts ist erfunden. Die Geschichte handelt vom Tod, genauer gesagt von einer Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, von der Ahnung des Todes, vom Blick in die Zukunft, fĂŒr den es den Begriff âHellsichtigkeitâ oder âMediale Begabungâ gibt. Wer sie besitzt, kann sich nicht glĂŒcklich schĂ€tzen. Sie ist eher Fluch als Segen⊠Vorsicht! diese wahre Geschichte ist nichts fĂŒr schwache Nerven und Menschen, die sich vor Blut, GeschwĂŒren und Erbrochenem ekeln und sich in einer Lebenskrise befinden. Wer Angst vor parapsychologischen PhĂ€nomenen hat, sollte ebenfalls nicht weiterlesen.
Pointe du Raz ist der westlichste Zipfel von FinistĂšre, der von Buchten eingeschnittene sĂŒdliche Teil der Halbinsel Bretagne. Das felsige Kap ragt wie eine Messerspitze scharfkantik in den offenen Atlantik. Nach dem Pointe de Corse bildet diese Klippe den zweit westlichsten Punkt von Frankreich. Der Name FinistĂšre â Ende der Welt â kommt nicht von ungefĂ€hr. FĂŒr die Kelten, die in der NĂ€he ĂŒberall ihre gewaltigen Menhir-Anlagen bauten, verschwand an dieser Stelle die Sonne in den Tiefen des unendlichen Meeres. Dort begann das Reich der Schatten. Genau dorthin zog es mich bei einem Urlaubsaufenthalt im April 1992.
Meine Begleiter, meine damalige französische Ehefrau M. E. (+ 1995), mein damals 13jĂ€hriger Sohn (aus erster Ehe) â pubertĂ€tsfaul- und ein befreundetes Paar â sie hing stĂ€ndig an der Haschpfeife - waren von der Idee nicht begeistert. Also ging ich trotz Bedenken meiner Frau allein den schmalen, engen Saumpfad, der sich in langen Schlingen an den Felsen entlangwindet, immer weiter nach unten der geschichtstrĂ€chtigen Klippenspitze entgegen. Tief unter mir brandete und brodelte der wilde Atlantik. Ein Schritt zu viel in Richtung Abgrund und mein Spaziergang zum Tor der Unterwelt, hĂ€tte jĂ€h abgekĂŒrzt ein vorzeitiges Ende gefunden. Ohne RĂŒckkehr. Vor mehr als 30 Jahren verirrten sich nicht so viele Touristen zu dieser Landzunge. Schon gar nicht im April an einem Wochentag. Ich war scheinbar der Einzige, der um die Mittagszeit am Abgrund entlang zum Meer strebte.    Â
Nach ein paar hundert Metern habe ich mich instinktiv umgedreht. Zu meinem groĂen Erstaunen und gleichzeitiger Besorgnis sah ich, dass M.E. mir langsam folgte. Sie war keine gute, trittsichere Wanderin und hatte zudem nicht einmal geeignete Schuhe an. Der Weg wurde immer schmaler und enger, die Abbruchkante, spĂ€rlich mit Gras bewachsen, rĂŒckte immer nĂ€her. Schon ein Ausrutscher hĂ€tte genĂŒgt um einen Klippenbesucher in die Tiefe zu ReiĂen. Um ihre Sicherheit besorgt und gleichzeitig wĂŒtend kehrte ich um. Mein Ărger vergröĂerte sich noch, als ich sah, dass M.E. ebenfalls umkehrte. Wieder einmal hatte sie sich auf subtile, manipulative Weise gegen mich durchgesetzt. Ich beschleunigte meine Schritte in der Hoffnung ich könnte sie einholen, mit ihr reden, um dann meinen Weg zum Kap fortzusetzen. Ich wollte ihr winken, ihr zurufen, aber ein vorspringender Felsen versperrte die Sicht.
Als ich die Steinbarriere mit schnellen Schritten passierte hatte und endlich den RĂŒckweg wieder ĂŒberblicken konnte, war M.E. verschwunden. Weg, wie vom Erdboden verschluckt. Mir war sofort klar, dass sie unmöglich so schnell gelaufen sein konnte, dass ich sie aus den Augen verlor. Der nachfolgende Weg war gut zu ĂŒberblicken. Wo ist sie? Nach weiteren Metern entdeckte ich eine kleine Weggabelung, die ich beim Hinweg gar nicht bemerkt hatte. Von dort fĂŒhrte ein ebenfalls schmaler Pfad durch eine Mulde auf den RĂŒcken der Klippen. Ich hechtete nach oben. Dort atemlos angekommen traf ich tatsĂ€chlich eine Frau. Aber nicht meine. Eine Fremde. Ich erschauderte. Im gleichen Moment schaute ich zu Boden. Dort wo die fremde Frau gerade vorĂŒbergegangen war, lag ein totes, halb verwests Kaninchen. Auch der obere Pfad, der ĂŒber die Klippen wieder zurĂŒck zum Leuchtturm fĂŒhrte, war gut zu ĂŒberblicken. Keine Spur von M.E. Mein Herz raste. Auf meiner Brust lag ein unsichtbares Gewicht, das immer schwerer wurde.   Â
In diesem Moment erfasste mich ein GefĂŒhl, wie ich es in dieser Form noch nie erlebt habe. Das GefĂŒhl von vollkommener Verlassenheit und gleichzeitig schrie eine Stimme in meinem Kopf, die meinen ganzen Körper erzittern lieĂ: SIE IST TOD! DU BIST WIEDER ALLEIN! ES IST ETWAS SCHRECKLICHES PASSIERT! Auf dem Weg zum Leuchtturm, traf ich â sozusagen als letzten Mosaikstein meiner BefĂŒrchtungen â meinen Bekannten und seine Partnerin. Sollte M.E. wirklich diesen Weg eingeschlagen haben, so musste sie den beiden begegnet sein, wenn nicht, ist tatsĂ€chlich etwas Furchtbares passiert, schoss es mir durch den Kopf. Meine Schilderungen und Fragen versetzten die beiden Mitreisenden sofort in Panik. Sie waren ihr nicht begegnet. Wir beschlossen nach kurzem AbwĂ€gen zum Leuchtturm oder einer Art Beobachtungsstation zu gehen und die Vermisste als Notfall zu melden. Konstruierten bereits in schlechtem Französisch den Hilferuf. Â
In diesem Moment tauchte meine Exfrau gleich einer Erscheinung von irgendwo her wieder auf, hörte sich belustigt unsere Suchaktion an und sagte âOh Quiâ. Fast so wie in einem Eric Rohmer Film. Sie hatte den Vertreter der Nouvelle Vague wĂ€hrend ihres Studiums der Filmwissenschaft in Paris bei einem Praktika an der CinĂ©mathĂšque française sogar persönlich kennen gelernt. Ich stand da wie ein Trottel und starrte sie unglĂ€ubig an. Doch irgendetwas hatte sich eingegraben in meinem Kopf. War das wirklich meine Frau? Hatte sie sich nicht irgendwie verĂ€ndert? Das, was ich von ihr sah, glich in meinen Augen einer HĂŒlle, verbunden mit dem GefĂŒhl, das bald etwas Schreckliches passieren wird. Zugegeben: Unsere Ehe war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die beste. Die ersten dunklen Wolken hatten lĂ€ngst den Horizont erreicht.
EIN SCHLEIMIGER WURM ALS VORBOTE DES UMHEILS?
Dann ĂŒberschlugen sich die Ereignisse. Nach ĂŒber zehn Stunden Autofahrt zu Hause in Wiesbaden angekommen zog ich wĂ€hrend des Stuhlganges einen 10 Zentimeter langen dicken Spulwurm aus meinem After. Voller Ekel und Panik fuhr ich mit dem schleimigen Schmarotzer noch nachts ins StĂ€dtische Krankenhaus, den Horst Schmidt-Kliniken. Die wollten mich gleich dabehalten. Ăbereifrige, Ă€ngstliche AssistenzĂ€rztin. Nach barschem Protest verschrieb sie mir endlich ein Wurmmittel und ich konnte gehen. Dass ich dieses Krankenhaus bald wiedersehen wĂŒrde, jedoch nicht als Patient, sondern als Dauerbesucher, konnte ich nicht ahnen. Oder vielleicht doch?
Zehn Tage nach dem ekligen Urlaubsmitbringsel â wahrscheinlich Folgen der intensiven Agrarwirtschaft in der Bretagne â bekam M.E. heftige Nierenschmerzen. Wieder Krankenhausbesuch. Die Niere wurde untersucht. Kein bedrohlicher Befund. Mal wieder eine NierenentzĂŒndung. Das Ferienhaus in der Bretagne war alt, feucht und schlecht geheizt. Das Wetter Anfang April launisch und nasskalt. Wahrscheinlich hat sich meine Ex-Frau wĂ€hrend des Urlaubs unterkĂŒhlt. So meine hilflose Laien- Diagnose. Die Schmerzen verschwanden wieder. Mitte August kamen sie wieder. Diesmal noch heftigen. Wieder Rontgen-Untersuchung. Diesmal bei einem niedergelassenen Facharzt, der ihr vor der Aufnahme ein Kontrastmittel verabreichte. Er rief mich bestĂŒrzt in einen Nebenraum, senkte die Stimme und deutete auf das Röntgenbild: âSehen sie das hier? Das ist wahrscheinlich ein riesiger Tumor. Er hat die Niere vollstĂ€ndig umschlossen. Ihre Frau muss sofort operiert werden.â
Am nĂ€chsten Tag fuhren wir wieder ins Krankenhaus. UnglĂ€ubig betrachteten die Urologen die beiden Röntgenbilder. Das eigene vom April, auf dem nichts AugenfĂ€lliges zu sehen war und jenes vom August, das einen Tumor von der GröĂe eines Handballes zeigte.  Die OP zog sich ĂŒber viele Stunden hin. Sie dauerte so lange, dass zwischendurch die Narkose versagte. Die Schwerkranke hatte in einer Art Wachkoma plötzlich das GefĂŒhl ĂŒber sich zu schweben, sah wie die Chirurgen aus ihrem geöffneten Körper einen gewaltigen lĂ€nglichen blutigen Klumpen emporhoben. Das Ganze kam ihr, wie sie mir spĂ€ter erzĂ€hlte, wie ein Geburtsvorgang vor. Sie dachte zwischen Leben und Tod schwebend: âWie gut, dass ich nie Kinder zur Welt brachte. Eine Geburt muss schrecklich sein.â (Die Leibesfrucht, die mein VorgĂ€nger ihr hinterlieĂ, hatte sie ein Jahr bevor wir uns kennenlernten abgetrieben) Krebs und Kinder. Welch ein Vergleich, dachte ich. Wie krank. Ihre Wortwahl lösen bei mir noch heute GĂ€nsehaut aus.
Nun war es nicht mehr die Stimme in meinem Kopf, die mir ihren nahen Tod verkĂŒndeten. Es waren die Ărzte. In den 60ziger und 70ziger Jahren hat man die Todeskandidaten und ihre Angehörigen noch angelogen. In den 90zigern war man schonungslos offen: âIhre Frau hat höchstens noch ein halbes Jahr zu leben. Wir können ihr einen Schmerzmittel-Kanal legen, dann kann sie sich selbst bei Bedarf sedieren.â           Â
Nach diesen Worten bin ich zur Toilette getaumelt. Mein Magen hat sich eruptiv geleert. So, als hĂ€tte ich eine eingebaute Hochdruckpumpe im Körper. Zuerst in mehreren SchĂŒben das komplette FrĂŒhstĂŒck, dann die MagenflĂŒssigkeit. Als ich keine MagenflĂŒssigkeit mehr hatte, wĂŒrgte ich unter Schmerzen noch tropfenweise irgendwelchen Schleim hervor.  Immer wieder krampfte sich das Organ zusammen, so als ob jemand ein Handtuch auswringt. Dann stand ich auf, trank hastig ein wenig Leitungswasser, um die Reste des Erbrochenen aus meinem Mund Rachen und Speiseröhre runterzuspĂŒlen und sagte mir: âJetzt ist es raus! Das Leben muss weitergehen. Ich bin alleinerziehender Vater, darf mich nicht hĂ€ngen lassen. Ich habe einen verantwortungsvollen Job, bin dazu noch Betriebsratsvorsitzender, habe eine Menge Freunde, bin Vorsitzender einer Freimaurerloge. Stehe mitten im Leben. Gerade mal 38 Jahre alt.â
EINE KATASTROPHE JAGT DIE ANDERE
All diese Satzbausteine, die ich dann spĂ€ter von anderen â meist inkompetenten Schmalspur-Therapeuten â um die Ohren gehauen bekam, erwiesen sich als verlogene Phrasen und Wunschvorstellungen. Mein, Sohn, den ich mehrmals vor einem Desaster in der Schule bewahrte, mich einsetzte, dass er die Mittlere Reife wiederholen durfte und damit das Anrecht auf eine weiterfĂŒhrende Schule zu gehen, den ich noch dazu mit reichlich Taschengeld bedachte, hat mich in jenen Jahren jĂ€mmerlich im Stich gelassen, die Schule, sogar eine wichtige mehrtĂ€gige Exkursion (Vorbereitungen fĂŒrs Abi) geschwĂ€nzt, mich belogen, sich erfolgreiche ErsatzvĂ€ter gesucht. FĂŒr ihn war ich nur ein âLooserâ. Â
Mein direkter Vorgesetzter, der mir nie verzieh, dass ich ohne sein EinverstĂ€ndnis eine Beförderung durchsetzte, sowie seine linke SekretĂ€rin â die ich zuvor als Betriebsratsmitglied abgelöst hatte â begannen wĂ€hrend dieser schrecklichen Zeit einen Mobbing- Kleinkrieg gegen mich, der zusammen mit dem Krebs-Todeskampf, zu einer weiteren Belastung wurde. Besonders schmerzhaft war, dass sich ein hochverschuldeter Freund, dem ich in dem Sozialverband einen sehr lukrativen Job besorgte, sich auf die Seite meiner Gegner schlug.
Dann kam das lang verdrĂ€ngte nie bewĂ€ltigte Kindheitstrauma wieder hoch. Die stĂ€ndigen jahrelangen PrĂŒgelorgien und DemĂŒtigungen meines Vaters, die spĂ€ter von meiner Schwester und anderen verdrĂ€ngt und sogar schöngeredet wurden, aber auch von anderen Berufspsychologen nie wirklich behandelt wurden. Das alles zusammen wirkte wie ein lĂ€hmender Giftcocktail. Am Ende war ich psychisch kaputt und schwer depressiv. Akut SuizidgefĂ€hrdet. Kein Burnout. Viel mehr, die totale Vernichtung. Nach zwei lĂ€ngeren Klinikaufenthalten und vergeblichen Versuchen wieder in die NormalitĂ€t zu finden, habe ich dann einem halbwegs guten Aufhebungsvertrag â ich war ja als Betriebsrat eigentlich unkĂŒndbar â zugestimmt.
âFreundeâ hatte ich zu diesem Zeitpunkt keine mehr. Manche guten Bekannten wechselten sogar die StraĂenseite oder warfen mir mitleidig, verĂ€chtliche Blicke zu. Ein âFreimaurerbruderâ, ein Apotheker mit SPD-Parteibuch der Tausende von Mark an den alternativen âKrebs-Heilmittelnâ verdiente, hat mich wegen einer islamkritischen Schrift, die ich ihm vertraulich zu lesen gab, denunziert und mit anderen aus der Loge gemobbt. âWann kommt endlich der Engel, der mich aus dieser Hölle erlöst?â habe ich gebetet. Der Engel â mein Lebensmensch â kam spĂ€ter. Endlich!                  Â
Epilog: Pointe du Raz markiert ein radikalen Wendepunkt in meinem Leben. Erst jetzt bei meinen nachtrĂ€glichen Recherchen ĂŒber die geheimnisvolle Felsenklippe habe ich gelesen, dass der Ort meiner Todesvision tatsĂ€chlich ein Tor zur Unterwelt besitzt. Eine geheimnisvolle Höhle, durch die die Seelen der Ertrunkenen wieder auf die Erde gelangen die sogenannte âHölle von Plogoffâ. Davon wusste ich bei meiner Urlaubsreise 1992 nichts. Es gab noch kein richtiges Internet und erst recht kein Wikipedia. Der Legende nach soll dort die keltische Prinzessin Dahut, eine Art Vamp, ihren Liebhaber umgebracht haben und zur Strafe dort fĂŒr immer verbannt sein. Meine Exfrau ist im FrĂŒhjahr 1994, nachdem sie sich von mir getrennt hatte, wieder nach Frankreich in ihr verhasstes Elternhaus zurĂŒckgekehrt und im August 1995 gestorben. WĂ€hrend ihrer fortschreitenden Krankheit traten immer dunklere WesenszĂŒge zu Tage, ĂŒber die selbst wohl gesonnene Menschen, Pfleger, Therapeuten, sogar ihre Psychologin entsetzt waren.
In dieser Zeit lĂŒftete die Partnerin meines Bekannten, die Zeugin meiner Todesvision, ein bis dahin wohlgehĂŒtetes dunkles Geheimnis. Noch wĂ€hrend des Urlaubs habe ihr M.E. erzĂ€hlt, sie habe sich, als sie meine panische Suche bemerkte, hinter einem Felsen versteckt, um mir einen gehörigen Schrecken einzujagen. Ihr Verschwinden angesichts der Todesklippen, der Atlantikbrandung, des engen abschĂŒssigen Saumpfades war eine filmreife Inszenierung gewesen. Fast wie nach einem Drehbuch, könnte man ergĂ€nzen.
Ich habe meine Exfrau 1983 an einem Ort des Todes, zwischen den Ruinen des Circus Maximus in Rom kennen gelernt, dort wo Gladiatoren ihr Leben lieĂen und man Christen den wilden Tieren zum FraĂ vorwarf. Der andere Ort des Todes, der das Ende unserer zehn Jahre dauernden Beziehung einleitete, heiĂt POINTE DU RAZ.
In letzter Zeit denke ich manchmal daran, ob diese zehn Jahre mit der Französin nicht eine Art âKarmisches Abarbeitenâ einer Familien-Schuld waren. Mein GroĂvater hat als Artillerist im ersten Weltkrieg wahrscheinlich bei der mörderischen Schlacht am Hartmannswillerkopf viele Franzosen getötet. Mein Vater hat nach dem zweiten Weltkrieg nach der Kriegsgefangenschaft als âFreiarbeiterâ in Lothringen St. Avold eine Frau kennen gelernt, die ihn heiraten wollte. Er hat sie âsitzen lassenâ, hat sich nach Hamburg abgesetzt, wo er meine Mutter kennen gelernt hat. Meine verstorbene Exfrau ist nur wenige Kilometer von St. Avold geboren. Zufall? Gibt es ĂŒberhaupt ZufĂ€lle? Ist nicht alles wie bei einem gewaltigen unterirdischen Pilzgeflecht schicksalhaft miteinander verbunden? Der Ort meiner Todesvision gilt zugleich als Ort der WidergĂ€nger, also unerlöster Seelen.
Jahrelang hat mich meine Exfrau in AlptrĂ€umen verfolgt und bedrĂ€ngt wollte mich umarmen.  Ich habe sie dann erschrocken zurĂŒckgestoĂen und angebrĂŒllt. DU BIST TOT! TOT! SchweiĂgebadet bin ich jedes Mal aufgewacht. Auch meiner Partnerin ist sie im Traum erschienen. Ihre TrĂ€ume waren noch bedrĂŒckender als meine. Ich hege keine HassgefĂŒhle gegen sie. Mit 37 Jahren an Krebs zu sterben, ist grausam. Sie hatte wie ich eine Kindheit mit groĂer Gewalterfahrung. Die zehn Jahre mit mir, waren wahrscheinlich noch die besten ihres kurzen Lebens. Ich habe sie versorgt. Sie brauchte nicht zu arbeiten. Hat mit kleinen Jobs unsere Haushaltskasse ein wenig aufgefĂŒllt. Ăber ihre Rolle als Stiefmutter schweige ich mich aus. Möge ihre Seele Frieden finden. Gleichzeitig hoffe ich, in Hinblick auf das Reich, in das wir alle mal eingehen werden, dass ich sie niemals wiedersehen werde. Niemals.                  Â










