Time abroad /1
Es ist nun schon eine Weile her, dass ich mich auf den Weg Richtung SĂŒden gemacht habe und den Schritt gegangen bin, mich von meiner bisherigen Welt zu verabschieden, in der alles eingelebt war und funktionierte. Ich habe mich losgelöst von meiner alten, gewohnten Umgebung â und bin los. Aus dem âich werde regelmĂ€Ăig berichtenâ ist natĂŒrlich nichts geworden, was nicht im Umkehrschluss heiĂt, es gebe nichts oder ich hĂ€tte nicht zum Stift gegriffen. Aber es war eher das traditionelle Papier, das ich beschrieb als die elektronische Form des Schreibens, was ich nutzen wollte. Wie dem auch sei, es wird Zeit fĂŒr mich, auch auf diesem Wege  mich zu Ă€uĂern.
Ich möchte hier nicht unbedingt erzĂ€hlen, was ich hier alles gemacht habe â fĂŒr mich ist das eher langweilig. Ich möchte davon erzĂ€hlen, welche Persönlichkeiten ich getroffen habe, was fĂŒr zwischenmenschliche Erfahrungen ich mache, was mich inspiriert und auch was ich vermisse. Es scheint, als sei ich hier auf eine Vielfalt gestoĂen, die ich so nicht in Berlin mehr wahrnehmen  konnte. Es hört sich sehr nach Klischee an, wenn ich sage, dass man verreisen muss, um sich selbst zu finden, aber die schlauen Köpfe, die das einst mal gesagt haben, haben nun mal Recht damit. Wenn man nichts weiter hat auĂer sich und seine Gedanken, Inspirationen und EinflĂŒsse, die einen umgeben, dann muss  man lernen, genau damit auszukommen und zu hinterfragen. Man streift Unnötiges ab, befreit sich von Lastern, die nicht persönlich sind. Stattdessen lernt man sich kennen und damit auch seine Fehler, man entdeckt seine WĂŒnsche und Visionen, die eigenen Werte scheinen klarer definiert zu werden. Meine Vorstellungen, wie ich die nĂ€chsten Jahre verbringen möchte, werden klarer und zielbewusster â eine positive Sache, wenn man jahrelang von ZukunftsĂ€ngsten geplagt wurde. Es fĂŒhlt sich an wie âErwachsenwerdenâ, und doch bleibt man ein störrisches Kind mit seinen ganzen Ideen, die in ein paar Jahren nichts weiter sein werden, als eine unscharfe Spur im Sand, die nach einer Meereswelle verwischt worden ist.
Es ist komisch, dass man anscheinend VerĂ€nderungen erlebt, wenn man umzieht. Und genau das ist es, was mir, zumindest in meinem Studium, tagtĂ€glich vorgelebt wurde. Ziehe aus und setze dich hierdurch mit deiner eigenen Kultur und Person auseinander. Ohne Perspektivwechsel sind keine VerĂ€nderungen möglich, kennt man die Alternativen ja gar nicht. Und eben diese scheinen sich vor mir auszubreiten wie ein groĂes Sonnenblumenfeld. Ich kann durch sie rennen, sie streifen und wieder loslassen. Sie nĂ€her betrachten, ihre Schönheit und Andersheit bewundern, mich faszinieren lassen und doch dagegen entscheiden, sie zu pflĂŒcken und zu ernten. Selbst wenn ich mich dafĂŒr entscheide, eine Blume auszuwĂ€hlen, steht mir immer noch offen, wie ich sie interpretiere, was ich anstellen möchte. Man kann mit seiner Wahl fĂŒr etwas in viele Richtungen gehen, die Möglichkeiten sind zahlreich und letzten Endes entscheiden wir uns nicht immer fĂŒr unsere PrĂ€ferenz. Ich habe aufgehört, bequem zu sein. Habe aufgehört, mit mir selbst zu diskutieren; ich handle, wenn ich mich dazu geneigt fĂŒhle. Hemmungen verschwinden â und das ist eines der Dinge, die ich am meisten lieb gewonnen habe hier. VerĂ€nderungen sind momentan etwas auĂerordentliches Gutes. Worte loszulassen und wirken zu lassen; eine ErfĂŒllung. Die Dinge bekommen mehr einen Sinn, arbeiten. Du musst sie nur in die Hand nehmen und vergessen, Furcht zu haben. Konsequenzen sind nicht immer negativ, ich brauche vielleicht mehr denn je Entscheidungen und zielfĂŒhrende Handlungen, kommen die letzten Jahre doch einer grauen Masse gleich. Ja, es ist einfacher, Entscheidungen zu fĂ€llen, wenn man den Personen nicht unmittelbar ins Auge schauen muss. Aber meiner Meinung nach ist das nicht feige, sondern manchmal einfach notwendig. Zeit ist Mangelware â nutze sie. Nutze sie mit den richtigen Möglichkeiten, Persönlichkeiten und fĂŒlle sie mit guten GesprĂ€chen, Momenten und Dingen, die dich lebendig machen.
Auch wenn ich die Sprache hier nicht flieĂend beherrsche, verstehe ich meine Umwelt. Versuche mich jeden Tag aufs Neue, mich in die Menschen hineinzuversetzen und ihre Ansichten zu verstehen, die Unterschiede zu definieren und aus ihnen zu lernen. Faszinierend fĂŒr mich â aussichtslos vielleicht fĂŒr dich. Neugierde ist ein tolles Mittel, ohne sie wĂ€re alles so langweilig. Gepaart mit jugendlichem Leichtsinn scheint diese Welt auf einmal so viel gröĂer. Die Welt liegt vor einem, steht dir zur VerfĂŒgung, ein Privileg der ersten Welt. Aber wieso nicht egoistisch sein und das auch nutzen? Ich habe mich dagegen entschieden, zurĂŒck zu kommen. Dagegen entschieden, meine Zelt mit Konstantem zu verbringen, zurĂŒck zu meinen hinterlassenen Problemen zu kommen und sie aus ihrem Schlaf zu wecken. Dagegen entschieden, Beziehungen aufzufrischen, die mir nicht gut tun. Gegen Dinge entschieden, die meine Entscheidungen vergiften und mich aus meiner Blase der Visionen herausholen. Eines Tages wird sie sowieso platzen, aber ich lasse sie noch höher schweben. Ich bin noch jung genug, um den Sturz aufzufangen.  Nein, ich bin noch  nicht bereit, auf den harten Boden aufzuschlagen, hier oben funkelt alles noch in allen Farben und Formen, ich möchte sie erst alle kennenlernen, verinnerlichen und sie mein nennen, bevor ich wieder in meine Schuhe am Boden schlĂŒpfe.









