Route de l’Art.3 - chez Thierry Lambert
Mittwoch, 26. August
Termin um 11 mit Thierry Lambert in der Nähe von Romans. Die "kleine" Ortschaft entpuppt sich bei der Ankunft als gar nicht so klein, zumindest in der Straßenkarte ist nix als ein kleiner, schäbiger Punkt vorgesehen. Ziemlich ausschweifend der kleine Punkt. Ich platze beim Coiffeur rein, Friseure wissen ohnehin immer alles.
Ich nenne ihr die Adresse, kennt sie nicht sagt sie, ich nenne ihr den Namen und sie rattert wie eine geschmierte Rechenmaschine. Nach kurzen geographischen Verständigungsproblemen mit Thierry treffen wir vor seinem Haus aufeinander. Sehr sympathisch, auch Coco ist willkommen, das erleichtert die Sache ungemein. Thierry führt mich in sein Atelier, naja, besser gesagt in seine Ateliers. Niemals zuvor hatte ich soviel Kunst auf einem Haufen gesehen. Werke von anderen Künstler hängen an den Wänden, für die er Einträge ins "Book d'artiste" schreibt. Stößeweise Papier und Werke, feinsäuberlich beschriftet und in Plastikboxen sortiert.
Einen Schrank voll Adressen und Schriftverkehr - natürlich auch alles feinstens sortiert und gleich zur Hand. Bewunderung macht sich bei mir breit, solche Ordnung und Wiederfindungsbereitschaft hätte ich auch gerne. Wir schreiten von einem Atelier ins andere, ich denke 6 Zimmer habe ich gezählt. Pastellfarben, Linoldrucke, Drucke, Holz und Kork bemalt, Karten, Lesezeichen, Billets und ja, natürlich Bücher, soviele Bücher und Texte. Ein Rausch der Sinne und der Kunst.
Hunger macht sich breit und Thierry hat auch schon Mittagessen vorbereitet. Tomaten mit Fisolen an feinstem, lokalen Nussöl (die Nüsse machens), danach köstliche Ravioli mit Käse und Käse zum Dessert. Begleitet von einem guten Tröpfchen Cote du Rhone aus der Region, hach, das Leben kann so schön sein ... Nach dem Essen hat Thierry schon Programm vorbereitet und führt mich zu einem verwunschenen Schloss, wie im Märchen. Versteckt in den Hügeln ist es nur von Insidern zu finden. Keine Schilder, nichts. Als Kurator unterstützt er lokale Veranstalter bei Ausstellungen. Wir besuchen die aktuelle Textilausstellung im Schloss mit verschiedensten Quiltarbeiten. Danach zeigt mir Thierry noch das mittelalterliche Städtchen Saint Antoine mit seiner beeindruckenden Gothikkathedrale und den Fresken. Mittlerweile ist es nach 17 Uhr geworden und nach einem wunderbaren, kunstsinnigen Tag mit Thierry nehme ich Kurs auf Mornas, wo ich bereits ein Zimmer reserviert haben.
Mein Gehirn hat Mühe all diese Eindrücke zu verarbeiten. Informationsstau heißt vermutlich die Diagnose. Naja, irgendwie automatisch navigiere ich halt mein Auto auf der A7 Richtung Orange-Marseille. Am Horizont auf neun Uhr erweckt eine vereinsamte Kumuluswolke meine Aufmerksamkeit. Verloren treibt sie am azurblauen Himmel herum, als ob sie den Anschluss zum Gewitter verschlafen hätte. Bevor sich mein Mitgefühl in Tränen auflöst, weil sich die Wolke nun im Blau des Himmels nichts anderes als auflösen kann und nie erfahren wird, wie es ist, sich so richtig auszuregnen, holt mich das Lichtorgelkonzert des hinter mir fahrenden Fahrzeuges mich auf den harten Asphalt der Autobahn zurück. Offensichtlich hat sich mein Fahrstil sehr der verirrten Wolke angepasst ... Man wird ja noch mal träumen dürfen!
Der hübsche junge Mann an der Tankstelle erzählt mir dass es noch gut 2 Stunden bis Mornas sind?! Ich bin schockiert, merke aber bald dass er wohl nur hübsch war und keine Ahnung hatte von Geographie oder der näheren Umgebung.
Aber vorher muss ich unbedingt noch nach Suze-la-Rousse, eh klar, oder? ist ja immerhin meine Namensgeberin, die gute Gemeinde und guten Wein gibt’s dort auch noch.Eine erste Entdeckungstour führt uns rund um das Chateau. Wir durchstreifen den Wald mit seinen knorrigen, verdrehten Bäumen die an den Kronen zusammenstehen und kühlende Tunnels schaffen. Es riecht nach Nadelbaum, frischem Waldboden und Lavendel, der Boden ist weich wie Samt.
Am Abend komme ich im Hotel an, nein, kein gewöhnliches Hotel - eine Oase, ein Traum, eine Inspirationsquelle. Ich verlängere ohne das Zimmer gesehen zu haben und beschließe am nächsten Tag einen administrativen Stop einzulegen. Meine Eindrücke niederzuschreiben, nach Suze-La-Rousse zum Brocante (Flohmarkt) zu fahren, mit Coco ausgiebig zu baden und spazieren ... Einfach die Seele mal baumeln zu lassen.







