Euch sollte man die Brillen von der Nase schlagen!
Die Gesellschaft ist integral, schon ehe sie totalitär regiert wird. Ihre Organisation umgreift noch die, welche sie befehden, und normt ihr Bewuβtsein. Auch solche Intellektuellen, die politisch alle Argumente gegen die bürgerliche Ideologie parat haben, unterliegen einem Prozeβ der Standardisierung, der sie, bei kraβ kontrastierendem Inhalt, durch die Bereitschaft, auch ihrerseits sich anzubequemen, dem vorherrschenden Geist so nahebringt, daβ ihr Standpunkt sachlich immer zufälliger, bloβ noch von dünnen Präferenzen oder von ihrer Einschätzung der eigenen Chance abhängig wird. Was ihnen subjektiv radikal dünkt, gehorcht objektiv so durchaus einer für ihresgleichen reservierten Sparte des Schemas, daβ der Radikalismus aufs abstrakte Prestige hinunterkommt, Legitimation dessen, der weiβ, wofür und wogegen ein Intellektueller heutzutage zu sein hat. Die Güter, für die sie optieren, sind längst ebenso anerkannt, der Zahl nach ebenso beschränkt, in der Werthierarchie ebenso fixiert wie die der Studentenbrüderschaften. Während sie gegen den offiziellen Kitsch eifern, ist ihre Gesinnung wie ein folgsames Kind auf vorweg ausgesuchte Nahrung verwiesen, auf Clichés der Clichéfeindschaft. Die Wohnung solcher jungen Bohémiens gleicht ihrem geistigen Haushalt. An der Wand die täuschend originalgetreuen Farbendrucke nach berühmten van Goghs wie den Sonnenblumen oder dem Café von Arles, auf dem Bücherbrett der Absud von Sozialismus und Psychoanalyse und ein wenig Sexualkunde für Hemmungslose mit Hemmungen. Dazu die Random House Ausgabe von Proust -- Scott-Moncrieffs Übersetzung hätte ein besseres Los verdient --, Exklusivität zu herabgesetzten Preisen, allein schon durchs Aussehen, die kompakt-ökonomische Gestalt des »Omnibus«, Hohn auf den Autor, der in jedem Satz kurrente Meinungen auβer Aktion setzt, während er nun als preisgekrönter Homosexueller bei den Jünglingen eine ähnliche Rolle spielt wie die Bücher über die Tiere unseres Waldes und die Nordpolexpedition im deutschen Heim. Dazu das Grammophon mit der Lincolnkantate eines Bravgesinnten, in der es sich wesentlich um Eisenbahnstationen handelt, nebst pflichtgemäβ bestaunter Folklore aus Oklahoma und ein paar lauten Jazzplatten, bei denen man sich zugleich kollektiv, kühn und behaglich fühlt. Jedes Urteil ist von den Freunden approbiert, alle Argumente wissen sie immer schon vorher. Daβ alle Kulturprodukte, auch die nicht konformierenden, dem Verteilungsmechanismus des groβen Kapitals einverleibt sind, daβ im entwickeltsten Lande ein Erzeugnis, das nicht das Imprimatur der massenweisen Herstellung trägt, überhaupt kaum mehr einen Leser, Betrachter, Hörer erreichen kann, verweigert der abweichenden Sehnsucht vorweg den StofF. Noch Kafka wird zum Inventarstück des untergemieteten Ateliers. Die Intellektuellen selber sind schon so sehr auf das in ihrer isolierten Sphäre Bestätigte festgelegt, daβ sie nichts mehr begehren, als was ihnen unter der Marke highbrow serviert wird. Der Ehrgeiz geht allein darauf, im akzeptierten Vorrat sich auszukennen, die korrekte Parole zu treffen. Das Auβenseitertum der Eingeweihten ist Illusion und bloβe Wartezeit. Daβ sie Renegaten seien, greift noch zu hoch; sie tragen die Hornbrille mit Fenstergläsern vorm Gesicht der Durchschnittlichkeit einzig, um dadurch vor sich selber und auch im allgemeinen Wettrennen als »brillant« besser abzuschneiden. Sie sind schon gerade so. Die subjektive Vorbedingung zur Opposition, ungenormtes Urteil, stirbt ab, während ihr Gehabe als Gruppenritual weiter vollführt wird. Stalin braucht sidi nur zu räuspern, und sie werfen Kafka und van Gogh auf den Müllhaufen.
Theodor W. Adorno, "Piperdruck", aus: Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben, S. 395 ff, Frankfurt 2001











