Glosse von Doris Brandt (erschienen im Stadtlichh-Magazin Hamburg)
Als Kind der 70er dachte ich, dass den meisten alten Männern ein Holzbein wächst. Die Nachwehen des Krieges waren noch sichtbar. Alte Damen rochen indes immer nach Kölnisch Wasser und steckten mir sonnengeschmolzene Zitronendrops in Zellophanpapier zu. Meine Tochter kennt außer ihren Großeltern, die natürlich nicht in Hamburg-Mitte wohnen, kaum alte Leute, weder mit einem noch mit zwei Beinen. Die Gesellschaft altert zwar, bis der Arzt kommt, jedoch nicht hier. Meine Tochter denkt sicherlich, dass das Alter der Erwachsenen in ihrem Viertel in einer wundersamen Lässigkeit stagniert und freut sich, dass ihre Mutter dieselben bunt gemusterten Klamotten trägt wie sie selbst.Hin und wieder sinniere ich über die hohen Mieten, während ich an meiner Soja-Latte nuckel.
Auf Demos gegen Mietenwahnsinn war ich auch schon. „Die Mieten hier sind bezahlbar, ich kann sie ja zahlen“, sang schon Rainald Grebe. Wir zahlen, weil wir progressive, urbane Eltern sind, die Beruf und Familie total entspannt unter einen Hut bekommen. Wenn es hart auf hart kommt, gründen wir mit 45 wieder eine WG! Senioren-WGs werden zukünftig sowieso der Renner sein, zwangsweise. Oder wir verticken das Arbeitszimmer über Airbnb. Hauptsache, hier wohnen, hier, wo die Zwanglosigkeit der kurzen Wege herrscht.Ich bin kreativ, und wenn es nur der eigene Shop bei Dawanda ist. Ich bin Teil dieser homogen-bunten, hippen, junge-Familien-multikulti-Masse, die Investoren- und Touristikmanager-Herzen gleichermaßen höher schlagen lässt. Die bei Deutschlands erstem City-Ikea einkauft und die sich so wunderbar uniformiert, um individuell zu erscheinen. Ich lasse mich instrumentalisieren und bekomme nicht einmal Geld dafür. Wenn wenigstens die Künstler, die armen Sündenböcke, von den Investoren honoriert werden würden! Immerhin bekommen sie hin und wieder Atelier-Stipendien in Stadtteilen, die es noch ein wenig mehr aufzuwerten gilt. Erst Künstler, dann Kreative und dann der mehr oder minder wohlhabende urban-ökologische Rest, der sich manchmal für eine Wohnung nahezu prostituiert.
Und natürlich pilgere ich mit den anderen Eltern in die kindgerechte Eisdiele, weil das Eis wahrscheinlich noch ein wenig veganer ist und ich mir so gerne meinen Hintern auf ausrangierten Schulmöbeln platt sitze. Die grünen Baumarkt-Plastikmöbel der viel näher gelegenen Eisdiele erscheinen mir nicht wirklich erhaltenswert.Ich gebe mir wirklich Mühe, hier zu leben, hier in meiner eigenen Ambivalenz. Und das mit neuen Schuhen, die in den 90ern gerne auch Neonazifüße schmückten, ehe sich der Sportschuhhersteller einer erfolgreichen Imagekampagne unterzog. Und natürlich bohre ich meine ex-rechtsradikalen Schuhe in den sonnenwarmen Beachclubsand des Parkcafés und zahle horrende Summen für ökologische Limonade. Vor einigen Jahren gab es hier auch ein Parkcafé. Da stemmten ältere Damen ihre abgerundeten Gesundheitssohlen auf Waschbeton. Das einzig ökologische an der giftgrünen Berliner Weiße, die sie schlürften, war womöglich der Pappdeckel, auf dem sie serviert wurde. Wo sind diese Damen? Senioren-Cholera? Rentner, die es geschafft haben, wohnen in Eppendorf. Die marxistischen Studenten der 60er kauften ihre WG-Wohnungen, bekleideten ein schönes Pöstchen, luxussanierten, wollten ihre Ruhe, fahren seitdem gern in die Toskana zum guten Rotweintrinken und schwelgen in revolutionären Erinnerungen.
Und irgendwann stank es in der Schanze auch nicht mehr nach dem Gedärm des Schlachthofs, so dass hier seither auch Vegetarier gut leben können. Das G-Wort ist neu, das Phänomen alt. Ein Teil des Kapitalismus. Nur dass mir im heutigen Zeitalter des Turbo-Kapitalismus die automatische Turbo-Gentrifizierung kaum Zeit zum Atmen gibt. Und dass die Stadt und ihre Bewohner allmählich an ihre Grenzen kommen – geografisch und finanziell.
Und was werde ich tun? Dank Airbnb werden womöglich unsere Nachbarn irgendwann keine Nachbarn mehr sein, sondern täglich wechselnde Touristen, die authentisch übernachten wollen. Vielleicht wird es aufgrund der vielen unbewohnten Wertanlagen auch dunkler in den Straßen. Betongold boomt – so wie heute in der Hafencity. Wahrscheinlich stapfe ich dann mit meinen Ex-Nazi-Sneakers über fruchtbares Ackerland oder durch Legoklotz-Siedlungen, gerade noch mit Regionalbahn-Anschluss, mache was Kreatives. Falls noch Kapital vorhanden, eröffne ich ein Eiscafé mit Schulmöbeln. Die haben da nämlich nur einen City-Grill mit Plastikmöbeln aus dem Baumarkt.