(5) Zuchtstuten und Spenderherden
Kurz nachdem das Schwarz-WeiĂ-Foto von einem vietnamesischen Jungen in einer BlechschĂŒssel die Environmental Protection Agency dazu veranlasst hat, die Enlist-Zulassung zurĂŒckzurufen, hatt Orange in einem Thrift Store eine RingelmĂŒtze aus der 50 Cent-Kiste gezogen. So eine, wie sie ihr ehemaliger Biolehrer immer aufhatte, ihr erster Held, der den Fox River runtergeschippert ist, UmweltsĂŒndern die Abwasserrohre verstopft und tote Stinktiere auf die Schwelle gelegt hat. LĂ€ngst war der auch zu meinem Helden geworden. Wir wollten ein bisschen feiern, haben Gino und Eddie vor der letzten Mad-Men-Staffel geparkt, eine Flasche Chianti eingepackt, uns die WollmĂŒtzen ins Gesicht gezogen und this land is your land schmetternd ein bisschen unser erobertes Terrain erkundet. Seit der Anti-Enlist-Kampagne wollten ja plötzlich alle mit uns kuscheln, auch die sonst eher konservativen Farmer, was natĂŒrlich weniger mit unserem Robin-Hood-Ansatz zu tun hatte als damit, dass wir der SchlĂŒssel zu den Zielgruppen der Zukunft sind. Also fĂŒhrt unser Ausflug uns aufs GelĂ€nde dieser GemĂŒsekooperative, strictly organic vegetables, der wir durch unsere Mitgliedschaft zu irgendeiner Zertifizierung verhelfen sollen. Und wie wir so mit unserer geteilten Flasche, aus der wir abwechselnd trinken, unser Terrain besichtigen und an einem runtergekommenen Schuppen eine kleine Pause einlegen und ich Orange gerade fragen will, ob ich meine kalten HĂ€nde unter ihrem Norwegerpulli aufwĂ€rmen darf, hören wir von der RĂŒckseite des Schuppens dieses gequĂ€lte Schnauben, gefolgt von einem unterdrĂŒckten Wiehern.
GemĂŒse wiehert nicht, nicht mal strikt organisches. Pferde wiehern. UnterdrĂŒckt und qualvoll wiehern unterdrĂŒckte und gequĂ€lte Pferde. Zuchtstuten zum Beispiel. KĂŒnstlich dauerschwangere Zuchtstuten, deren Blut PMSG enthĂ€lt. Pregnant Mare Serum Gonadrotropin. Ein Hormon, dessen hervorstechendste Eigenschaft darin besteht, die Ovulation von ZuchtsĂ€uen termingerecht zum Zeitpunkt einer geplanten kĂŒnstlichen Befruchtung stattfinden zu lassen, weswegen es vorzugsweise zur Ertragssteigerung bei der Ferkelzucht eingesetzt wird. Brunstsynchronisation nennt sich das dann. Und weil besagtes Hormon nur in bestimmten Phasen der Schwangerschaft produziert wird, bedeutet das, dass nur eine schwangere Stute eine gute Stute ist. Bis zu 10 Liter Blut werden schwangeren Stuten wöchentlich abgezapft. In einem Land, in dem sich Abtreibungsgegner vor Kliniken aufbauen, die SchwangerschaftsabbrĂŒche praktizieren, um schwangere Frauen als Mörderinnen zu beschimpfen und zu bespucken, werden Stuten bis zum Ablaufdatum ihrer Fruchtbarkeit in Dauerschwangerschaft gehalten und die Fohlen als unfreiwilliges Nebenerzeugnis abgetrieben. Damit die Abtreibungsgegner, sobald sie mit dem Beschimpfen und Bespucken fertig sind, sich in ihr Autos schwingen und im nĂ€chsten Diner ihren mĂ€chtigen Hunger mit RĂŒhrei mit ausreichend Speck stillen können, den sie ZuchtsĂ€uen verdanken, die dank dauerschwangerer Hormonspenderstuten die Kunst der Synchronovulation beherrschen. Statt also meine Hand unter Oranges Wollpulli zu schieben, haben wir uns durch das Gatter gezwĂ€ngt und standen plötzlich zwischen sieben Stuten mit aufgeblĂ€hten BĂ€uchen. Vor einer Spenderherde. Zu dem Zeitpunkt war ich viel zu schockiert und viel zu sediert, um zu kapieren, dass auch ich mich zum Zuchthengst habe programmieren lassen. Dass auch ich mich auf die vorprogrammierte, termingerechte VerfĂŒgbarmachung seiner Spermien habe abrichten lassen. Da ist Orange lĂ€ngst durch den Zaun geklettert und hĂ€ngt den Stuten in den MĂ€hnen, hat ihnen zĂ€rtlich in die Ohren geflĂŒstert, wer weiĂ, was sie ihnen versprochen hat.
NatĂŒrlich ist mir die Szene hochgekommen, als ich ihre StatusĂ€nderung auf Twitter gesehen habe. Von #ttc auf #pregnant. Der Status, dem wir zehn Monate lang WĂ€scheleinen aus Zervixschleim gesponnen, an die wir unsere Hoffnung geklammert haben. Nur, dass unsere Glow-Profile da schon seit drei Monaten nicht mehr miteinander verknĂŒpft waren. Vom echten Leben ganz zu schweigen. Orange will halt was erreichen im Leben. Und das geht an der Seite von Hornbrillen-Kevin wohl besser. Bestimmt, hab ich gedacht, weiĂ sie nichts von seinen unsauberen Machenschaften mit der GMO-Industrie. Hat er ihr nicht verraten, wer sein Stipendium gezahlt hat. Das muss ihr doch jemand sagen, hab ich gedacht. Und ihr meine Informationen zukommen lassen. In der idiotischen Hoffnung, dass sie dann gelĂ€utert und schockiert zu mir zurĂŒckkommt.
âItÂŽs all because I grew up with a compulsive liar.â Eine zwanghafte LĂŒgnerin, so hebt die zwanghafte LĂŒgnerin an, das habe sie mir doch gleich zu Anfang anvertraut, sei ihre Mutter gewesen. Die zwanghaft schmerzhafte Ehrlichkeit, mit der sie mich verletzt habe, diese verletzende RadikalitĂ€t, mit der sie durchs Leben gehe, sei doch nur wegen der traumatischen LĂŒgen, denen sie in ihrer Kindheit ausgesetzt gewesen sei, wegen ihres nie entwickelten Urvertrauens, weswegen sie beschlossen habe, andere nie, nie, niemals zu belĂŒgen, selbst wenn der Preis dafĂŒr in schmerzhaft verletzender Offenheit besteht. Und jetzt liegt dieses MĂ€dchens, das mich zehn Monate lang in einen Fruchtbarkeitsfonds hat einzahlen lassen, mit mir auf meinem Bett, ihr Hinterkopf auf meinem Schwanz und irgendwie erregt mich das, auch wenn das eher unpassend erscheint, weil das MĂ€dchen, das seine Schwangerschaft demselben Hormon verdankt, das zur Ertragssteigerung bei der Ferkelzucht verwendet wird, nur hier liegt, um mich davon abzuhalten, dass ich gemÀà der Werte und Ăberzeugungen handle, die sie mich erst gelehrt hat. Die mich davon abhalten will, Informationen ĂŒber den Mann zu veröffentlichen, der versucht hat, Zweifel an der UnschĂ€dlichkeit von GMO der LĂ€cherlichkeit preiszugeben. Informationen ĂŒber die Auftraggeber, in deren Interesse und auf deren Kosten er reist, forscht und veröffentlicht. Die mich doch um nichts weiter bittet als diesen lĂ€cherlichen Gefallen, im Interesse des gröĂeren Ganzen auf die Veröffentlichung dieser Informationen zu verzichten.
Ein Kreter sagt, alle Kreter lĂŒgen, denke ich und streichle der zwanghaften LĂŒgnerin ĂŒber die Haare, die weich und fest und glatt sind, ganz anders als Mamas und meine, die irgendwie strohig sind und nicht gestreichelt werden wollen, aber wĂ€hrend Mama irre MĂŒhe darauf verwendet, ihre möglichst kĂ€mpferisch wirken zu lassen, machen sie das bei mir von alleine. Auf Abwehr gebĂŒrstet. Oranges Haare sind anschmiegsam. Wie alles an ihr. Ihre Storys, mit denen sie sich in mein Vertrauen geschmiegt hat, eine Heimat wollte ich ihr geben, eine Decke ausbreiten, die Heizung anstellen, damit sie sich endlich aufwĂ€rmen kann. Damit sie zu dem Menschen werden kann, der sie sein wollte, ein Mensch, der einen Unterschied macht in dieser kranken, verlogenen Welt, in einer Welt, in der MĂŒtter ihren Kindern verbieten, runtergefallene Brötchen wieder aufzuheben, und denselben Kindern ohne mit der Wimper zu zucken Burger servieren, die die Pisse panischer Schweine beinhalten und Keime stecken, die sich in den Mastbetrieben eine Antibiotikaresistenz antrainiert haben. Damit dieses MĂ€dchen einen Unterschied machen kann. Und dieses MĂ€dchen verlangt jetzt von mir, meine Liebe unter Beweis zu stellen. Und hat ziemlich prĂ€zise Vorstellungen davon, wie das auszusehen hĂ€tte.
âDu sagst, du liebst mich. Aber das reicht nicht. Das ist Besitzdenken. Menschen haben kein Recht aufeinander, solange es darum geht, dem gröĂeren Ganzen zu dienen. Du gibst vor, dass es dir um die Sache ginge. Um sauberes Essen, um eine Alternative, um eine Utopie. Behaupten kannst du das sehr ĂŒberzeugend, jetzt gilt es, den Beweis zu erbringen. Dahinzugehen, wo es wehtut. Wo Verzicht gefragt ist. Entsagung. Opferbereitschaft.â  Schluchzt die notorische LĂŒgnerin in meinen SchoĂ, in dem es jetzt zu allem Ăberfluss auch noch heiĂ und feucht wird, weil sie ihren Kopf herumwirft, mit ihren TrĂ€nen meine Hose nĂ€sst und ihr Atem durch den feuchten Stoff dringt. Ich schiebe die Hand unter ihren Hinterkopf, lege ihn auf der Ăberdecke ab und stehe auf, ein Tee, vielleicht tut ein Tee uns jetzt gut. WĂ€hrend der Wasserkocher anfĂ€ngt, zu zischen, drehe ich meine Erektion zum Fenster und rauche in den Regen. Vom Bett her kommt ein Schluchzen. Das Schluchzen kommt aus Orange. Orange schluchzt, ich presse meine Erektion an die Heizung.
Keine Verletzung der Welt, behauptet das MĂ€dchen, dessen Zervixschleimkonsistenz ich monatelang protokolliert habe, und zieht trotzig die Nase hoch, wird sie davon abhalten, weiter der Mensch zu bleiben, der zu sein sie sich vorgenommen hat, nur weil ihre Aufrichtigkeit sie angreifbar und verletzlich macht. Schwach, sagt das MĂ€dchen, die weiĂ, auf welche 32 amerikanischen GroĂstĂ€dte man die jĂ€hrlich bei Smithfield geschlachteten Schweine verteilen mĂŒsste, damit jeder Einwohner eines abbekĂ€me, schwach sind doch die, die es nötig haben, kompromittierendes Wissen aus egoistischen Rachemotiven auszuspielen und Intrigen anzuzetteln. Ein bisschen Rotz schwingt noch in ihrer Stimme mit als sie, inzwischen wieder aufgerichtet im Schneidersitz, die heiĂe Teetasse entgegennimmt. Dass  ihr klar ist, dass sie mein Vertrauen verspielt hat (hey, ich meine, sie hat sich schwĂ€ngern lassen. Mithilfe von Hormonen, die ich bezahlt habe. HĂ€ttet ihr da noch Vertrauen?). Verdammt, ihr könnt mir glauben, wie gerne ich Orange abnehmen wĂŒrde, dass es die Wahrheit ist, die sie in meine Ăberdecke heult (immerhin taugt die Wahrheit ja noch, mir einen StĂ€nder zu verursachen, rein technisch ist die Wahrheit also durchaus noch brauchbar), aber Oranges Wahrheit ist inzwischen ein ganz schön gerupftes Huhn, weil sie bei Orange immer dann zum Einsatz kommt, wenn sie davon ablenken will, dass sie es selber mit ihren hohen moralische AnsprĂŒchen nicht so genau nimmt. Dass fĂŒr sie andere Regeln gelten. Die Opfer-Regel, ihr erinnert euch.
Tja, in ihrem Fall besteht die lĂ€cherliche kleine Opferbereitschaft, die sie von mir erwartet, darin, ĂŒber ein paar unwesentliche Fakten hinwegzusehen. LĂ€cherliche, triviale Fakten. Fakten wie die Tatsache, dass der Direktor der Abteilung Crop Biometrics bei Monsanto zusammen mit Partnern in der Lebensmittelindustrie Forschungsstipendien in unbekannter Höhe ausgelobt hat, um die landesweite ReisetĂ€tigkeit zur Verteidigung gentechnisch modifizierter Lebensmittel zu ermöglichen. âWir wissen unabhĂ€ngige Wissenschaftler zu schĂ€tzen, die sich der AufklĂ€rung der Ăffentlichkeit verschrieben habenâ, ergeht die schmeichelnde Einladung an einen promovierten Molekularbiologen, der regelmĂ€Ăig zugunsten von Gentechnologie argumentiert, gefolgt von der offiziellen Anfrage, der Desinformationskampagne der Anti-GMO-Lobby wissenschaftlich fundierte Argumente entgegenzusetzen. âEs handelt sich bei dieser MaĂnahme um einen neuen Anlauf, Vertrauen, Dialog und UnterstĂŒtzung fĂŒr Biotechnologie in der Landwirtschaft zu gewinnen, der anhand einer unabhĂ€ngigen Stimme erklĂ€rt, wobei es sich bei GMOs handelt,â erklĂ€rt man dem Molekularbiologen, und dass man ihm typische Fragen weiterleiten werde, zum Beispiel, ob genetisch verĂ€nderte Lebensmittel Krebs verursachen. Es sei, so verteidigt der Molekularbiologe auf Nachfrage, doch Teil seiner  Aufgabe, seine Expertise öffentlich zu verbreiten. BezĂŒglich zu erbringender Forschungsergebnisse habe man ihm keinerlei Vorgaben gemacht. Allerdings, so rĂ€umt er nach Vorlage unwiderlegbarer Nachweise ein, habe man es nicht dabei belassen, ihm Fragen weiterzuleiten. Zu verschiedenen AnlĂ€ssen habe man ihm auch Entwurfsvorlagen fĂŒr die Antworten geliefert. Derer er sich dann fast buchstabengetreu bediente. Ein Schritt, den er heute sehr bedaure. Weswegen seine FakultĂ€t, um den Vorwurf auszuschlieĂen, er habe sich von der Nahrungsmittelindustrie instrumentalisieren lassen, die Monsanto-Zuwendungen einer gemeinnĂŒtzigen Organisation spenden werde.
Warum ich Orange mit diesen lĂ€cherlichen, trivialen Fakten kommen musste? Weil Details wichtig sind. Weil Ihr drei Mal raten dĂŒrft, wie der Molekularbiologe mit Vornamen heiĂt. Und was er fĂŒr eine Brille trĂ€gt. Dann sieht das nĂ€mlich schon ganz anders aus. Dann wird aus lĂ€cherlichen, trivialen Fakten die feindliche Ăbernahme der Mutter des durch mich finanzierten Kindes durch einen durch die Genindustrie finanzierten Typen. LĂ€cherliche, triviale Fakten wie die Fruchtbarkeitsbehandlung mit einem Hormon, dessen Gewinnung  ein prĂ€chtiges Motiv fĂŒr ĂŒberlebensgroĂe Schwarz-WeiĂ-Bildern gequĂ€lter Zuchtstuten böte. Und so stehe ich mit einer Erektion, die ich gerade nicht gebrauchen kann, am Fenster, das mal wieder geputzt werden mĂŒsste, vor zwei Plastiknilpferden, die schon lĂ€ngst ausgestiegen sind. Mir fallen partout keine nilpferdgerechten Worte ein, mit denen ich ihnen erklĂ€ren kann, warum das MĂ€dchen, das jetzt schwanger ist, weil es sich mit Ferkelzuchthormonen hat behandeln lassen, bezahlt aus einer Versicherung, in die ich eingezahlt habe, auf meinem Bett liegt und heult, um mir zu erklĂ€ren, warum ich zum VerrĂ€ter werde, wenn ich Dinge, die ihre GlaubwĂŒrdigkeit aufs Spiel setzen, veröffentliche?














