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Via Ari Solon/ Ricardo Spindola
Wozu Anthropofagie?
1.
Ari Solon ist der arischste und solonste Sol Iustitiae, den ich kenne. Von der Lektüre der Deutschen, von dem, was Ino Augsberg Schmitt-Lektüre nennt, ist er besessen - und damit bester Zeitfahrzeuge und Zeitgenosse für das Thema Staatsrechtslehrer-Lektüre. Man kann seine Besessenheit erklären, aber man darf dem Tod keine Gründe geben. Der Ausradierung von Familien darf man keine Gründe geben. Es ist sogar äußert problematisch, dem Überleben Gründe zu geben. Dogmatik ist Technik, zu erfahren, eine Welt, die vorübergeht. Ari Solon hat erfahren, wie problematisch es sogar ist, dem Überleben Gründe zu geben, wenn dieses Überleben mit der Ausradierung von Familie verbunden ist. Überleben ist nicht unbedingt gut, nicht unbedingt schlecht, es ist aber unbedingt eine Illusion, mit der man eine unsichere Zukunft haben soll.
2.
Heiner Mühlmann, der Autor von Alberti/ Ästhetische Theorie der Renaissance, nennt das Reden darüber am Telefon ein a-symptomatisches Sprechen. Er ist Historiker und Theoretiker des decorum und ein Mitglied der Forschungsgruppe TRACE, der ich frei assoziiert bin: Transmission in Rhetorics, Art and Cultural Evolution. Für diese Gruppe habe ich Gerechtigkeit als Zufall geschrieben, Mühlmann ist der Gaius dieser Gruppe. Was meint Mühlmann mit a-symptomatischer Rede? Eine Kerbe, eine Kurve, eine Damm oder eine Dämmung im Reden: Man stirbt zwar, aber spricht so, als ob man überleben würde. So (a-)dressiert und pol(aris)iert man noch am Telephon, dem nach Aby Warburg sogenannten Fernraumzerstörer, einem manchmal maßlosen Nahraumhalter.
3.
Ari Solon ist Anthropofage und arbeitet anthropofagisch. Kennen gelernt habe ich ihn über Facebook, er ist Prof. in Brasilien und ohne Berührungsängste gegenüber dem Heiligen und dem Unheiligen. Die Phobie kennt er, weiß aber, dass sie nicht die Form ist, deren Name dann Gesetz oder Liebe oder Angst ist. Er kennt die Ikonophobie perfekt, weiß um ihre Geburt aus dem Geist des Kriegsrechts. Weiß aber auch sehr gut zu kippen, zu kehren und zu wenden. Ari Solons juridische Kulturtechnik ist das Wischen, sein Gesetz ist die Pathosformel vis+/-vision=Recht und Regen. Auf der Tagung zu den Lettern war er da, es war alles einleuchtend und ausleuchtend. Musterhaft, nur nicht jedem!
Je aurora desto voran
Auerism soleil levant: Zur Antrittsvorlesung von Marietta Auer wird Haydns Streichquartett Opus 76 Nr. 4 (1 und 4) gespielt werden. Das Stück hat die Bezeichnung Sonnenaufgang erhalten.
Florian Forster
1.
Florian Forster ist einer der Autoren und Schreiber, die am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie arbeiten.
Im Moment arbeitet er an einem größeren Projekt über Richterrecht im zwanzigsten Jahrhundert, man kann sagen: in einer Halbzeit, in einer Hälfte dieses Jahrhunderts zum Beispiel, nämlich einer, die nach etwas, nach einem Krieg oder nach einer Katastrophe liegen soll. Eine Halbzeit ist im Bereich der Zeit vielleicht aber auch so etwas wie das Halbgeschriebene im Bereich des Schreibens , das Halbgefrorene im Bereich der Speisen und der im Bereich der Himmelskörper, insgesamt also eine faltige, wenn man so will komplizierte oder multiplizite Angelegenheit.
Richterrecht taucht zum Beispiel in Büchern als Wort, Begriff, Bild oder Metapher, als rechtswissenschaftliches Problem und als rechtswissenschaftliches Lösungsangebot auf, auch in Büchern, die 1947 erscheinen und von denen man sagt, die seien in einer Phase nach 1945 erschienen, man legt solche Bücher hinter eine Linie, die man durch das Jahr 1945 zieht (auch mithilfe der Vorstellung eines solchen Jahres). Richterrecht taucht in Namen und im Begriff, im Bild des Richterrechts auf, es taucht aber auch anders, unter anderen Formen und Namen, anderen Begriffen und Bildern auf. Richterrecht wird definiert, konturiert, formatiert und assoziiert, es wird gehändelt und bestritten, es wird übersetzt, abgeschrieben, kopiert, angewendet und fortgebildet. Wie es zum Beispiel einen Bilderstreit gibt so gibt es, das ist eine von Florian Forsters originären und orginellen Arbeitsthesen, einen Richterrechtsstreit, nur eben anders als zum Beispiel im Fall des Bilderstreits.
2.
Forster arbeitet hochgradig formsensibel, sorgsam und sorgfältig. Es ist faszinierend zu beobachten, mit welchem handwerklichen Geschick er das Material berührt (er tastet) und betrachtet, zum Beispiel den Corpus, den er für seine Arbeit bestimmt hat. Dabei, und darum erwähne ich das alles überhaupt, zieht er zwei Dinge auf eine Schicht der Form, die andere auf stabile Weise stratifiziert nicht auf eine Schicht ziehen, nämlich den Begriff und das Bild.
Forster arbeitet am Begriff und am Bild, arrangiert die Begriffe so sorgfältig wie die Bilder - und unter anderem hängt er an Figuren, die mit dem Licht zu tun haben. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch eine metaphorologische Arbeit wird, muss es auch gar nicht werden, bei einem sogfältigen und sorgsamen Handwerk ist der theoretische Rahmen auch wichtig, aber das gute Handwerk macht Texte auch gut übersetzbar, etwa aus dem Begriffsapparat von Hans-Jörg Rheinberger (den Forster offensichtlich produktiv nutzt) in denjenigen von Metaphorologen. Die Sensibilität ist faszinierend zu beobachten - das ist bei ihm geradezu epidemisch oder ansteckend, toll, solche Leute in einer Gruppe zu haben.
3.
Wir haben Montags ein Forschungsseminar, ein Kolloquium, da sitzen internationale Gäste, es geht vielsprachig zu. Ich erwähne das alles, weil einer der Bild- und Rechtswissenschaftler in Deutschland, ein Rechtssoziologe aus Bochum, das Max-Planck-Institut für einen Rückzugsort und einen Elfenbeinturm hält und mit leichtem Selbstbewußtsein in seinen Artikeln die Hälfte der einschlägigen Forschungsliteratur und die gesamte Literatur aus dem MPI weglässt, quasi unterschlägt, dafür aber immerhin sich selbst und seine Schüler ausgiebig zitiert und damit glaubt, an ausgesetzten Orten sich aufzuhalten, nicht im Elfenbeinturm. Ist normal, darüber hinaus kommt es vor. Soziologen tendieren zu der Annahme, der Realität näher zu stehen als andere, na gut, wenn es ihnen hilft. Wenn jemandem das Weglassen hilft, dann sollen er das tun, seine Texte werden sich schon irgendwie relativieren, in der Welt einrichten und ihren Platz finden. Leute aus Bochum halten Wittener Waschbeton auch für authentischer als römischen Kalksandstein, das ist normal. Woanders ist auch scheiße, alte Bochumer Weisheit.
Hier gibt es einen Konflikt, einen Kampf, einen Streit, eine Auseinandersetzung, das ist in der Rechtswissenschaft auch zu erwarten, sie ist ja äußerst umstritten. Wir am MPI bieten einen Ort für geduldige, sorgfältige und sorgsame Arbeit und ermutigen Forscherinnen und Forscher, sich nicht den dollen Praktiken das Glattbügelns und Plattmachens, der effizienten und schlagkräftigen Problementsorgung oder der schlichten Weglassung hinzugeben. Wir ermutigen dazu, alle Selbstverständlichkeiten fahren zu lassen, wie man das mit der Hoffnung am Eingang ins Purgatorium tun soll. Wenn der Ort, an dem wir arbeiten, deswegen ein Elfenbeinturm ist, dann bitte schön, von mir aus - wer den Realitätstest und die Windprüfung besteht, wird sich bestimmt irgendwann zeigen, wir sind bereit, uns zu stellen.
Anna Beckers
1.
Super! Super! Super! Wenn man alles das abzieht, was in der Teubnerschule (die darin eben Rechtsschule ist) unverzichtbar ist, nämlich der künstlich verknappte Aufbau von Sparringpartnern oder Pappkameraden, die die Welt nicht hinreichend gründlich betrachten, denen angeblich irgendetwas fehlt und die angeblich nicht komplex genug denken, zu mittelmäßig vorgehen oder sonstwie der Ausdifferenzierung und ihren Höhen der Zeit nicht gerecht werden sollen, wenn man also den Stil des lange angeleiteten forensischen Schreibens mit seiner Schriftsatzlogik und seiner Aufstellung von unterlegenen Rivalen zwar nicht ignoriert, sondern einfach mal hinnimmt und sich nur auf die wichtigen Stellen in diesem Buch konzentriert, dann ist das ein fantastisches Buch, eine scharfe Leistung. Das, das entsetzlich Schriftsätzliche, kommt alles in diesem Buch auch nur in winzigen Dosen vor, Anna Beckers hat mitgeschrieben, vielleicht hat sie es abgemildert.
2.
Das Cover zeigt ein Bild vom Max Ernst, auf der rechten Seite eine Kette von Lettern, das sind minore Objekte, die etwas lassen: Sie sind ausgelassen und lassen aus. Beckers und Teubner beschreiben auch am Anfang des Textes die Letter, greifen dabei auf die Arbeiten des Bildwissenschaftlers Ralph Ubl (wichtig, super! Spezialist für Falten und Furchen!!) und der Kunsthistorikerin Anna Huber zurück.
Diese Hinweise, am Anfang eines Buches, halten wir, das ist eine kleine Gruppe von Kulturtechnikforschern, die Bild- und Rechtswissenschaft betreiben, für ausserordentlich wichtig. Wir halten Anfänge für ausserordentlich wichtig, unter anderem darum die Cover von Büchern, die Anfänge der Texte und die kleinen minoren Objekte, mit denen das Schreiben anfängt, als läge ihm etwas zugrunde, die Buchstaben oder Letter.
Beckers und Teubner deuten Max Ernst und seine Letter vor dem Hintergrund einer protestantisch zugespitzen Kosmologie, für die es eine schriftliche 'Pathosformel' gibt, das ist die Formel creatio ex nihilo. Sie beziehen die Letter auf die Idee einer Produktion oder Reproduktion, die Schöpfung sein und aus dem Nichts kommen soll. Das ist keine allgemeine Vorstellung über Letter, Produktion und Reproduktion, das ist eine geographisch und historisch bestimmte Vorstellung; Beckers und Teubner haben Rechte, sie zu haben. Die Aufgabe der Forschung unser kleinen Gruppe ist es unter anderem zu klären, wie Letttern wandern oder pendeln und wie sie dabei gedeutet werden, welche Assoziationen und welcher Austausch bei diesen Deutungen stattfindet. Die dunkle, kreisförmiger Stelle im oberen rechten Teil des Bildes deuten Beckers und Teubner als Sol (wie in Sol iustitiae), als Sonne (als planetarisches Objekt) und beschreiben es als Gefahr:
And, the most threatening situation arises, as symbolised in Max Ernst’s dark sun, in the dangerous exposure of human beings to an opaque algorithmic environment that remains uncontrollable.
Das Objekt, das sie dunkle Sonne nennen, ist bei Beckers und Teubner phobisch und melancholisch besetzt, sie greifen eine Ikonologie auf, in der Antike nachlebt. Das Apollinische der Sonne wird dort verschoben und mit Opakheit und bleibender, restlicher Unkontrollierbarkeit assoziiert. Weiter wird diese Stelle im Bild mit einem Superlativ assoziiert, das ist nach einer Passage in Warburgs Denken (der dabei auf Hermann Osthoff zurückgreift) ein Indiz, dass man es mit einer Pathosformel zu tun hat: im Superlativ, einem Ausdruck größter Intensität oder intensivster Regung, sollen Leute auf entfernte, nach Warburg antike Formeln zurückgreifen - die dunkle Sonne ist ein antike Pathosformel.
3.
Warum nehmen wir Anfänge, Lettern und solche 'randständigen' Passagen so wichtig, warum suchen wir das Gespräch mit Leuten wie Teubner und Beckers, um mehr über den Einsatz solcher Bild- und Schreibtechniken zu erfahren? Das ist einfach: wir wollen wie immer etwas über jene Umwegigkeit erfahren, die man Technik oder Dogmatik nennt. Man kann Technik oder Dogmatik nicht widerlegen, man kann sie aber relativieren - und an den Relationen sind wir in Form von Assoziationen und Wechseln interessiert. Wir glauben, dass an solchen Stellen, wie dem Cover eines Buches und dem Anfang eines Textes besonders, nämlich auf rege Weise, zeigt, was ein juristisches Subjekt und eine natürliche Person, die man Autor nennt, begehrt, verkehrt und verzehrt. Dort zeigt sich auch das auf besonders rege Weise das, was man Position nennen kann. Verbindlichkeit zeigt sich dort auf die Weise vaguer und voguer Assoziation, kurz gesagt: Das sind klamme Stellen und an ihnen zeigt sich Normativität auf regsame Weise lebend und nachlebend, das Leben und den Tod oder das Nichts verhäkelnd. Dort zeigen sich die Letter, und das minore Objekte, die etwas lassen (zum Beispiel annehmen lassen), indem sie auslassen und ausgelassen sind.
Der Ernst und die ambuigen, biegsamen, allzu biegsamen Figuren lassen sich auch anders deuten, das ist trivial gesagt, denn Figuren sind Regerlein, sie kommen aus der Regung und ermöglichen Regung, die bewegen Deutung. Es ist aber wichtig zu sehen, welchen Wert Beckers und Teubner auf die creatio ex nihilo und auf das Neue legen - sogar so, dass die bereit sind, Altes zu kaschieren und dafür an einer Stelle die Trennung hervorzuheben und den Austausch in den Hintergrund treten zu lassen, die Selbstreferenz ins Licht und die Fremdreferenz ins Dunkle zu rücken. Sie sind dafür sogar bereit, dem Alphabet Absolution zu erteilen und stellen die Buchstaben in einem frühen Zustand so dar, als ob sie dort noch unschuldig gewesen wären. prds von mir aus, aber bevor prds durch das gelobte Land zog, kamen alle vier Buchstaben aus dem wilden Osten, machten unter anderem im heutigen Iran halt. Dass Buchstaben unverschuldet blieben, halten wir für ein Dogma. Wir interessieren uns für Reproduktion und Übersetzung, dafür zum Beispiel, wie Normativität in Normativität, wie etwa Religion in Rechtswissenschaft und Glauben in Wissen übersetzt wird und wie dabei Techniken eingesetzt werden, diese Übersetzung so zu leisten, dass der Text danach als nichtreligiöser oder zumindest säkularer Text erscheinen kann und wie danach die Leser glauben können, sie seien jetzt neue Menschen und keine alten Menschen mehr, sie seien jetzt frei und nicht mehr gebunden. Das ist Kulturtechnik, sie erhält Verbindlichkeiten durch den normativen Zug des Kontrafaktischen.
Unsere These ist unter anderem, dass die Bilder, die Beckers und Teubner verwenden, nicht als Ausweis dessen gesehen werden sollen, was man gemeinhin einen iconic turn nennt. Natürlich drehen diese Bilder etwas, Bilder regen immer etwas, auch in der Weise einer Drehung. Aber allgemein versteht man unter iconic turn ein neues, historisches und bewußtes Auftauchen von Bildern, die vorher nicht dagewesen oder nicht bewußt gewesen sein sollen, danach genau das aber sein sollen. Wir widersprechen.
Die Bilder sind immer da, immer da gewesen, sie sind aber auch immer nur halbe Sachen, halbgeschrieben zum Beispiel oder partly truth and partly fiction, always walking contradiction, wie Pilger das sind. Beckers und Teubners Bilder sind keine modernen oder gar postmodernen Neulinge in der Welt des Rechts, sie sind Teil dessen, was man in römischen Institutionen mit dem Begriff des Musters oder der Musterung, mit dem Begriff decorum assoziiert. Anders gesagt: das Buch zu artificial intelligence und den Haftungen dafür ist mit römischen, juridischen Kulturtechniken geschrieben, das Buch ist auf gründlichen römischen Linien geschrieben.
Die Herrnhuter haben in Gestalt von Vater und Sohn Roentgen schon einen großen Beitrag zur Geschichte künstlicher Intelligenz geleistet, das ist eine These, die ich von Markus Krajewski übernommen haben. Sie haben unter anderem Tische und Sekretäre gebaut, die das Wissen routiniert mobilisieren und platzieren oder präzise rotieren lassen. Mit dem Herrnhuter Teubner gibt es jetzt einen zweiten wichtigen Beitrag dieser Rückbindungsgemeinschaft zur Geschichte und Theorie der beiden Letter A und I, oder wie es in den Spiegeln heißt: I und A.

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Sitzen
Man sitzt richtig und richtend, wenn man die Beine kreuzt, d.h. genauer: die Füße. Ich kenne nur zwei Staatsrechtslehrer, die durchgehend die richtige Sitzhaltung haben, das sind Ino Augsberg und Thomas Vesting. Einer von Ihnen ist gerade in Brasilien. Brasilianische Zuhörer, zum Beispiel Studentinnen und Studenten, hören nicht nur zu und schreiben nicht nur mit, sie fotografieren auch alles - wobei ein Teil der Fotos genutzt wird, um Meme oder GIFs (für Wazapi) zu erstellen. Es gibt also tanzende Marcelo Neves', in Sandalen und frischgebleichten sowie frischgebügelten Socken herumstehende Luhmanns, the Alexy from Ipanema und so weiter und so fort.
Ino trägt Krawatte und Jacket in Brasília, vorbildlich, wirklich vorbildlich! Wird nur noch überboten von Belmondo im Dinnerjacket in Brasília! Offiziell brasilianisch memtauglich, da wäre ich gerne dabei gewesen. Muss dringend organisiert werden: Brasilientour mit Ino.