Contubernium
Bureau plat(t), Fabian aber auch.
1.
Ab in die Sitzecke! Ein Bureau plat ist ein vierbeiniger, längsrechteckiger Schreibtisch mit drei Friesschubladen. Fabian platt ist ein längst eckiger und kantiger Schreiber vor einem vierbeinigen, längsrechteckigen und noch lange in Form bleibenden Schreibtisch mit drei Friesschubladen, der von André Charles Boulle stammt.
Dem Schreiber klappt das Kinn quasi auf die Platte, die Augen weit, der nahezu unsichtbare Flaum im Gesicht wippt, der Schreiber muss begeistert sein. André Charles Boulle wird in entweder bleiernem oder aber hölzernem Deutsch Tischler oder, weil er nicht nur Tische auftischte: Möbeltischler genannt. Die Franzosen sagen es richtig, er war Ébéniste, Marqueteur, fondeur, ciseleur, doreur et dessinateur.
Wenn man jemanden zur Fondue einlädt, hätte Boulle einem das ganze Zimmer entwerfen und ausstatten können, nicht nur den Tisch und die Stühle gemacht, auch den Topf und das 'Stövchen', all' die goldigen Dinge, die während einer Fondue darauf warten, dass man sie restlos leert (auch die mit den unbeliebten und im Verlaufe des Abends antrocknenden Beilagen). Er hätte die Gabeln mit ihrem Holzgriff gemacht. Noch die Käpchen, die Gabeln bunt unterscheiden, damit das Fleisch nicht an die falsche Adresse gerät, hätte Boulle sogfältig entworfen, hergestellt und den Gabeln stabil aufgesetzt. Boulle war der Bach französischer Möbel. Seine Talente und Fähigkeiten wären verschwendet gewesen, wenn man ihn um so einen Gefallen gebeten hätte: André, mach mir 'ne Fonduecke!
2.
Gekonnt hätte er es, auch rechtlich wäre das möglich gewesen, denn er besaß dafür zwar nicht die Rechte aller erforderlichen Zünfte, aber das Privileg, über ihnen und unabhängig von ihrer Kontrolle zu arbeiten - direkt im und am Louvre, wo damals noch kein Museum, aber ein Schlafzimmer der Königin war, des Königs allerdings auch.
Boulle war nicht irgendeiner. Er war ein Meister du Roy. Und er war noch viel mehr Ébéniste, Marqueteur, fondeur, ciseleur, doreur et dessinateur du zoo institutionnel. Seine Objekte sind Kreuzungen. Als Schreibtische sind sie das Schreibzeug, das beim Schreiben kooperiert. Insofern sind sie Objekte dessen, was in einer zeitgenössischen Verfassungstheorie als transubjektiv bezeichnet wird. Die Schreiber lassen sich auf die Schreibtische ein. Ladeur, der den Begriff transsubjektiv für eine zeitgenössische Verfassungstheorie verwendet, verwendet auch das Bild eines Schreibtisches als sogenanntes Profilbild auf (brasilianisch gesagt) Wazapi. Solche Profilbilder sind Markenzeichen, Bild- und Schildzeichen, sie müssen keine Gesichter zeigen und kooperieren doch dabei, Subjekte oder Personen wahrnehmen zu können, sogar identifzieren und unterscheiden zu können. Solche Markenzeichen, Bild-und Schildzeichen sind spätestens seit der Notitia Dignitatum auch Gegenstand römischer Verwaltung und juridischer Kulturtechniken. Ein Tisch ist dann zwar kein Portrait (obschon der Begriff das gut hergeben würde), er ist dann kein Bildnis der Person, aber ein Bild der Person, ein digma. Objekte sind schon Elemente transsubjektiver Verfasstheit, schon in Rom zur Zeit der Niederschrift der Notitia Dignitatum. Eine zeitgenösssische Verfassungstheorie ist aber auch keine gegenwärtige Verfassungstheorie. Die zeitgenössische Verfasungstheorie kann und soll Entferntes verstehen (Hamacher) und entfernt verstehen, sie muss nicht auf der Höhe der Zeit, nicht einmal zeitgemäß operieren, kann auch archäologisch und unzeitgemäß operieren. Das macht Ladeur praktisch, wenn er den Begriff des Transubjektiven verwendet und dann mit dem Profilbild eines Schreibtisches den dazugehörigen Text über WAZAPI versendet. Ladeur würde ich mir unverzüglich zum Zeitgenossen machen, von selbst kommt insoweit nämlich nichts.
3.
Die Schreiber sind vom Schreibtisch getrennt, ihm aber auch assoziiert. Diese Assoziation, die eine Trennung durchgeht und dabei Personen und Dinge kooperieren lässt, ist ein contubernium (von: contabernium). Das contubernium wird unter anderem als Lebens- oder Wohngemeinschaft zwischen Personen und Sklaven (Dingen) verstanden, als Lebens- oder Wohngemeinschaft zwischen Menschen und Tieren.
Das contubernium eine Tafelgemeinschaft (community of the table) zu nennen wäre zu viel, sogar Tafelgesellschaft (society of the table) wäre zu viel gesagt. Das contubernium ist kein rechter Gegenstand der Systemtheorie, es ist auch kein rechter Gegenstand der Gesellschaftstheorie. Wenn es dort Gegenstand wird, dann nämlich als Grenzobjekt, nicht als Gegenstand, der Systemen und Gesellschaften eigen wäre. Das contubernium kann total unsystematisch und völlig asozial und infam sein.
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert würden der Begriff der Gesellschaft und derjenige der Gemeinschaft insoweit zuviel Erwartungen wecken und speisen. Das contubernium ist eine Tafelassoziation. Die durchgeht eine Trennung, dennoch passt der Begriff der Assoziation, vor allem wenn man an seine Verwendung in zeitgenössisch und juristisch verfassten Texten denkt. Da meint Assoziation eine unsichere, ungesicherte, unbeständige und von der Zensur herabgestufte Verbindung. Hochgestuft ist die beständige Verbindung eine Gesellschaft oder Gemeinschaft, noch besser spricht man technisch präzise von der Rechtsform der juristischen Person oder aber vom Vertragstypus. Assoziation ist als Begriff entweder zu wendig, zu vieldeutig, zu unbeständig, um auf die Höhe der Zensur zu kommen, die stabilisieren und für Stand, sogar Höchstand sorgen soll. Wo die Zensur herkommt, da geht sie hin, schnell wie der Schall und so weit wie das Echo, beides ist sie auch.
Man findet Korrekturanmerkungen, die im Verlauf der Fabrikation von Juristen immer wieder gemacht werden. Unter ihnen taucht die Version des Adjektivs auf. 'assoziativ!' schreiben Zensoren an den Rand von Texten, wenn der Text einer Klausur ihnen überquillt und die Verbindlichkeit der Klausur zu verlassen scheint. Assoziativ meint also nicht verbindend oder verbindlich, sondern eher das Gegenteil (unverbindlich/ unverbunden/ nicht angeschlossen). Unter einer Assoziation verstehen zensierende, notengebende Juristen eine Verbindung, die keine der Klausur ist, nämlich nicht wie die Architektur einer Klausur ist und nicht wie die Übungen sind, die man in geschlossenen Räumen macht, um nach kanonischem Recht mit ungeteiltem Herzen die Zukunft des Herrn kommen zu lassen.
Assoziationen verbinden auch etwas, aber nicht in jener Verbindlichkeit, die der Technik und Architektur der klösterlichen Klausur, der Technik ungeteilter Herzen und der Technik kommender Herren entspricht. Im Warten schwach ist die Assoziation im Erwarten wiederum stark. Assoziationen verbinden, auch wenn sie den Raum und den Gebäudekomplex des ehemaligen Klosters verlassen, in dem jetzt die juristische Fakultät ein paar Räume angemietet hat, um Klausuren schreiben zu lassen. Assoziationen verbinden, auch wenn sie aus dem einen Denkraum in den andern Denkraum wechseln, wandern und pendeln. Auch wenn sie kreuzen oder wenn sie zu einer Zeit, die nicht die gleiche, aber die selbe Zeit ist, eine Trennung durchgehen, dann verbinden sie. Den Assoziationen und den Trennungen sind zur selben Zeit (nicht nur gleichen Zeit) nämlich Austauschmanöver oder Wechselbewegungen involviert.
Insoweit ist das contubernium eine Tafelassoziation. Die Wesen, die Teil des contuberniums sind, können höhere und niedere Wesen sein, Personen, Dinge und Tiere. Das contubernium ist wie gemacht für den Institutionenzoo. André Charles Boulles Tische sind für den Insitutionenzoo gemacht und sie sind selbst Kreuzungen höherer und niederer Wesen. Sie sind Dinge und doch animalisch und doch hoministisch, sogar humanistisch gebildet. Sie verdinglichen, aber animieren auch. Sie hominisieren, humanisieren aber auch. Was Serres und Luhmann Quasi-Objekte nennen, das sind Boulles Tische und das zeigen sie auch, sie scharren mit den Bocksfüßen, lassen ihr Ornament krabbeln und rascheln.
4.
Boulle hat im Bereich der Möbel etwas hergestellt, was im Bereich der Bücher Embleme sind. Seine Objekte sind Einlegearbeiten, das Emblem ist eine Einwurfsarbeit. Was an den Objekten gekreuzt und kreuzend ist, das ist es im Fall Boulle durch eine Technik, für die er als Ébéniste und Marqueteur zuständig (und gleichzeitig von der Kontrolle durch die beiden Zünfte durch Privileg befreit) war. Die Ebenisten und Marqueteure ziehen den Möbeln 'eine Haut' über, das ist ein vestimentäre Technik, sie beziehen sie Möbel, aber nicht nur, oft sogar überhaupt nicht mit Textilien.
Der Körper des Möbels wird meist aus Holz gefertigt, der Überzug (die Haut, Tracht und Kleidung) dann zum Beispiel aus... anderem Holz. Man spricht im Deutschen von Furnierarbeit. Die Ebenisten und Marquetuere schichten das Möbel, sie unterscheiden Körper und Haut auf eine Weise, die deutlich zu den fetischistischen, animistischen Effekten dieser Objekte beiträgt. Vergleichbar mit dem, was im römischen Recht tabula picta heißt, haben diese Möbel also eine 'Unterlage', die hier freilich der Körper des Möbels ist, als eine 'innere Lage'. Und sie haben das, was ihnen aufgebracht, quasi angepinnt ("picta") und vestimentäre (kleidende und trachtende) Schicht ist. Die Techniken sind kompliziert und komplex, unterschiedliche Zünfte haben den arbeitsteiligen Prozess leichter organisiert, mit dem die multiplen, komplizierten Möbel des Hofes, also der Verwaltung, Rechtssprechung und Gesetzgebung, her- und dargestellt wurden.
Der Tischler oder menuisier schnitzt den Körper (corpus) und baut ihn zusammen, der Ebenist macht die Einlegearbeit aus Hölzern, Schildpatt, Metall oder Ähnlichem, der Marqueteur furniert. Boulle, hochbegabt, konnte alles und durfte es auch tun, mangels allgemeinen bürgerlichen Rechten und Grundrechten dank Privileg du Roy. Boulle durfte Metalle gießen, vergolden, ziselieren, also auch ein- und austreiben, drücken, biegen und prägen. Der hätte einem noch Boccia-Kugeln mit Zubehör gemacht, aber auch da wären seine Talente verschwendet gewesen.
Die französische Sprache unterscheidet den Ebenisten von Marqueteur. In die deutsche Sprache hat es in Bezug auf das, was die beiden Techniker (und damit Leute wie Boulle) herstellen, der Begriff der Marqueterie geschafft. Man sagt auch furnierte Möbel oder Holzvertäfelung, aber Ebenerie habe ich noch nicht gehört. Darum spreche ich auch nur von Marqueterie, meine damit aber die Technik beider Berufe: das Furnier, die Einlegearbeit und den Umgang mit ganz unterschiedlichen Materialien, vom Holz über Metall bis zum Horn (Schildpatt/ Keratin).
Die Marqueterie ist im Bereich der Möbel das, was Embleme im Bereich der Bücher, Texte, Schreiben und Graphien sind. Das Einlegen entspricht insofern dem Einwerfen. Weil die daraus entstehenden Produkte Kreuzungen sind und die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechnik besonders als solchen Kreuzungen, dann auch an hybriden Objekten (sogar an unstillbaren oder unbeständigen Quasi-Objekten und an Fetischen) geschärft werden kann, sind Boulles Tische Gegenstand der Forschung.
Nicht nur seine Tische, alle seine Objekte sind Gegenstände juridischer Kulturtechniken und der Forschung dazu. Wie dasjenige, was juristische Methode ist, und dasjenige, was juridische Kulturtechnik ist, dank und durch solche Objekte kooperiert, kann man leicht sagen: netzwerkartig bis schizoid, irgendwo dazwischen rhizomatisch.








