SHIFTER 7
âIch glaube, Kim Taehyung hat es auf mich abgesehenâ, wisperte Chaeyoung gerade  verschwörerisch, wĂ€hrend Eunsook den Veggieburger bezahlte und das Wechselgeld entgegen nahm. Eunsook warf dem kleinen MĂ€dchen neben sich, dass die runde Sonnebrille auf die Nasenspitze geschoben hatte, einen befremdlichen Blick zu.
âSo? Inwiefern?â, hakte sie etwas geistesabwesend nach und checkte den Screen ihres Handyâs - kurz vor fĂŒnf. Sie sollte sich beeilenâŠ
âNaja, er ist immer so zuvorkommend und er⊠er starrt mich so an. Meine Instinkte sind nichâ so gut wie die von anderen, von Rehen oder so - aber selbst ICH merk das!â, schloss Chaeyoung und versuchte mit ihren kurzen Beinen in den schwarzen Dresstrousers mit Eunsookâs langen Beinen mitzuhalten. Ihr oversized Bandshirt in einem ausgeblichenen Schwarz wehte ihr hinterher, sie schob die Brille auf ihre Stirn und sich damit schlampig gebleichtes Haar aus der Stirn. Eunsook streckte die Arme etwas von sich; trotz ihres weiĂen Strick-Crop-Tops, das bis auf zwei zarte Riemen sehr Ă€rmellos war, und der kurzen, hellen Jeansshorts schwitzte sie.
âIch weiĂ ja nicht⊠Taehyungie ist doch nett zu jedem, oder?â, spottete Eunsook und musste bei dem Gedanken an den Labrador-Shifter unweigerlich grinsen. Offensichtlicher Taehyung, immer freundlicher TaehyungâŠ
âJaah, aber - er ist anders freundlich zu mir. Vielleicht versteht das ein Karnivor auch einfach nicht-â, fing Chaeyoung vorsichtig an und warf Eunsook einen Blick zu, doch diese schnaubte nur belustigt und hob die Brauen, â-aber⊠Taehyung ist ein Labrador, Sookie.â, schloss das blonde MĂ€dchen gewichtig und Eunsook hatte das GefĂŒhl, etwas Wesentliches zu ĂŒbersehen. Nun sah sie verwirrt zu Chaeyoung runter; sie waren vor dem ausgemachten Treffpunkt mit Seokjin stehen geblieben und Chaeyoung hĂŒpfte auf die niedrige Mauer und baumelte mit den Beinen, reckte die Nase in die Nachmittagssonne.
âLabradoren sind Jagdhunde. Rate mal, welche Tiere sie aus dem Wasser zerren, nachdem die abgeknallt wurden?â, half Chaeyoung Eunsook in einem spielerischen Singsang weiter doch bei dem Gedanken an das jĂ€he Ende ihrer Leidensgenossen zog sie die Ellen an den Körper und wackelte hektisch mit den Armen. Ganz wie eineâŠ
âUhm. Ich nehme an, Enten?â, antwortete Eunsook vorsichtig, Chaeyoung wandte ihr das Gesicht zu, setzte ihre Brille wieder auf und die GröĂere konnte dabei zusehen, wie der Mund der Blondine immer breiter wurde und ihr schlieĂlich ein waschechter Entenschnabel im Gesicht stand. Sie schnatterte und Eunsook lachte laut heraus; es wurde zu einem Keckern und eine Weile lachte jeder fĂŒr sich - der Fuchs keckernd und die Ente schnatternd. Dann verschwand Chaeyoungâs Schnabl wieder und sie drehte den Kopf, ihre Beine wurden langsamer und schlieĂlich hĂŒpfte sie von der Mauer.
âWar cool mit dir, Sook-Sook, aber ich verpiss mich lieber. Nichts fĂŒr ungut, Hunde sind das eine - aber ein ganzer LöweâŠâ, kicherte Chaeyoung nervös und sie klopfte dem Fuchs im Vorbeigehen auf die Schulter, bevor sie in ihren Doc Martens davon watschelte.
Missmutig schnaubte Eunsook und sah böse zur Sonne hoch, die unerlĂ€sslich auf s ie herab brutzelte. Sie wollte gerade selbst auf der Mauer Platz nehmen, als ihr Nacken juckte und mit einem Rollen ihrer Schulter wandte sie sich um - Seokjin kam auf sie zu. Er trug ein dunkelblaues Flannel mit rotem Karomuster, das ihm auf einer Seite der Bluejeans bereits auf der Hose linste und ziemlich lĂ€psch auf den wahnsinnig breiten Schultern lag.Ein Ărmel war hochgekrĂ€mpelt, der andere hatte sich gelöst und rutschte bis auf die groĂe Hand. Wahrscheinlich musste er Oberteile zwei Nummern gröĂer kaufen, damit sie ĂŒberhaupt auf seine Form passten - dafĂŒr verschwanden aber seine Finger. Was ĂŒberhaupt nicht schlimm war, im Gegenteil: sah man die Krallen nicht, waren sie vielleicht gar nicht da.
Anscheinend hatte er frisch geduscht denn das blond gestrĂ€hnte, goldene Haar war wellig und fiel ihm wirr ins Gesicht und er fuhr sich hindurch und blinzelte dann mit zusammengekniffnen Augen zu ihr herĂŒber, bevor er abfĂ€llig die Brauen hochzog. Er ging immer langsamer und schlenderte dann in aller Ruhe einen Halbkreis um sie herum, gab ihr einen Up and Down. Sein Blick blieb an ihren Birkenstocks hĂ€ngen. Wie sehr Eunsook Katzen manchmal hasste!
Mit stoischem Gesicht streckte sie den Arm aus und hielt ihm die kleine PapiertĂŒte hin. Seine NasenflĂŒgel weiteten sich und die Andeutung eines LĂ€chelns fand seine Mundwinkel, es reichte bis zu den braunen Augen. Langsam nahm er sie entgegen und deutete mit dem KInn auf sie.
âKim Eunsook - frierst du eigentlich nicht?â
Er wartete nicht auf eine Antwort sondern ging voraus und sie beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten. Obwohl er normal zu gehen schien, war er erstaunlich schnell.
âFrieren liegt eher nicht in meiner Naturâ, murmelte sie schnippisch und horte sein belustigtes Schnauben.
âMir kann es nie warm genug sein!â, sagte Seokjin laut und lieĂ sich ab und zu von anderen Dorm Bewohnern grĂŒĂen. Eunsook fiel natĂŒrlich auf, dass Seokjin auf GrĂŒĂe stets antwortete, sie aber selbst eher selten aussprach. Man ging ihm aus dem Weg, nicht anders herum. Und sie erntete als emsiger SchĂŒtzling, der hintendrein strakste, schrĂ€ge Seitenblicke.
Ich findâs ja auch komisch!, wĂŒrde sie am Liebsten laut herausrufen. Ein Löwe und ein Polarfuchs, wo gabâs denn sowas! Sie hatte ja schon oft von ungleichen Paaren gehört, aber sie konnte immer noch nicht fassen, dass ihr Mentor und die Bezugsperson fĂŒr ihre UniversitĂ€tszeit der König der verdammten Savanne sein sollteâŠ
âIch wohân ganz oben mit meinem Mitbewohner⊠Er magâs auch warm, also wunder dich nicht, wenn du reinkommstâ, schmatzte Seokjin, der den Veggieburger ausgepackt hatte und ihn im Gehen verschlang. Er steuerte auf den Fahrstuhl zu, davor standen zwei SchĂŒler - sie waren aus Eunsookâs Jahrgang, das MĂ€dchen kannte sie.
âJin-Hyung, hey hey~â, sagte der eine gespielt draufgĂ€ngerisch und grinste; GrĂŒbchen bohrten sich in seine Wangen und fuhr sich durch die wirren, braunen Haare.
âJooheonie, Changkyunnie - nett, dass ihr Platz machtâ, grinste Seokjin denn die beiden stellten sich instinktiv auf Seite, sodass sie den nĂ€chsten Fahrstuhl wohl erwischen wĂŒrden. Der zweite Kerl, mit einem lĂ€ngeren Gesicht und schmalen Augen, lĂ€chelte verkniffen und linste zu Eunsook herĂŒber. Ăberrascht zog er die Brauen hoch.
âUnd Eunsook, richtig? Wohnst du hier?â, fragte Im Changkyun etwas verwirrt, nun wurden auch Lee Jooheonâs Augen groĂ. Sie schĂŒttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf und verschrĂ€nkte die Arme, sah Seokjin von der Seite an. Als allgemeines Schweigen, nur unterbrochen vom DING des Fahrstuhls, sich auf das GesprĂ€ch legte, blinzelte Seokjin ruckartig und linste zu Eunsook herunter. Mit zuckenden Brauen und heiĂen Wangen erwiderte sie seinen eindringlichen Blick, auch wenn ihre Kopfhaut und ihre Nase dabei furchtbar kribbelten.
âSag bloĂ unser Fuchs ist schĂŒchtern! Das ist mein SchĂŒtzling, kennt ihr sie?â, fragte Seokjin amĂŒsiert und musterte ĂŒber seinen abgerundeten NasenrĂŒcken, wie Eunsook ihren Dutt öffnete und das lange Haar ĂŒber die Schultern strich - sodass es ihr auch ins Gesicht fiel. Und etwaige Ohrenspitzen vorerst besser bedeckte.
âWir sind imselben Jahrgangâ, antwortete Eunsook stattdessen, um auch etwas zu sagen und die Jungen nickten. Die TĂŒren des Fahrstuhls öffneten sich und Seokjin lĂ€chelte die Jungen an und hob die Hand zum GruĂ, Eunsook folgte ihm artig. Sie sah gerade noch, wie Jooheonâs aufgesetzte LĂ€cheln entgleiste und er ihr neugierig hinterhersah, dann drehte er sich zu Changkyun um und die beiden brachen in albernes Gegacker aus. Neugierige, lechzende HyĂ€nen!
âGeh nicht so streng mit ihnen ins Gerichtâ, schmunzelte Seokjin, der ihre innere Unruhe natĂŒrlich spĂŒrte. Eine Welle der Ruhe schwappte von ihm auf die rĂŒber, allerdings hatte diese Welle nicht dasselbe GefĂŒhl wie beispielsweise Jisukâs beruhigende Pflanzenfresser Pheromone. Es war die erzwungende Ruhe, das Ende der Diskussion. Er drĂŒckte ihre Wut herunter und sie konnte nicht anders, als sich sofort ruhig zu fĂŒhlen - der Grund dafĂŒr wollte sie allerdings wieder aufwĂŒhlen.
âWir haben eine Menge zu tunâ, murmelte Seokjin zusammenhangslos zu dem GesprĂ€ch, aber Eunsook verstand ihn sofort und kam nicht ohnehin, ihm zuzustimmen. Die TĂŒren öffneten sich und sie betraten das oberste Stockwerk, damit sie sich in die Höhle des Löwen begeben konnte.
+
Youngjae schlĂŒrfte so laut an seinem Milkshake, dass Jisuk darĂŒber hinaus beinahe ihre Aufregung vergaĂ. Erschrocken blinzelte sie zu dem Jungen herĂŒber, der es irgendwie schaffte, Dahyun ĂŒber sein SchlĂŒrfen hinweg noch zu verstehen. Dahyun Ă€ffte gerade einen ihrer Dozenten nach und machte dabei so ein ulkiges Gesicht, dass Youngjae sich verschluckte und laut lachen musste. So richtig laut, Choi Youngjae Lachen halt.
âIhr seid unmöglichâ, murmelte Jisuk und beugte sich nach vorn um ihre Ellen auf dem Tisch abzustĂŒtzen und sich das wirre, honigfarbene Haar ins Gesich fallen zu lassen. Ihre Haare hatten sich mal wieder nicht bĂ€ndigen lassen, sie hĂ€tte nicht duschen sollen. Oder sich die Haare glĂ€tten sollen. Oder sich im Bett verkriechen und niemals nie herauskommen sollen!
âNee, nicht ich - der Prof! Spinnt doch, von wegen seit wann Pinguine denn so laut wĂ€ren - hallo? Der war doch noch nie am Nordpol!â âLeben da nicht die EisbĂ€renâŠ?â, hakte Youngjae belustigt nach und drehte seinen Strohhalm im Becher herum, kratzte die Reste zusammen. Dahyun bekam ein blankes Gesicht und legte in Gedanken den Kopf schief, dann zuckte sie nonchalant die Schultern und warf sich das schwarze Haar ĂŒber die Schulter. Auf beiden Seiten zeigte sich bereit jeweils ein blonder Streifen, ganz der Felsenpinguin.
âAaach, wie auch immer! Mich gibtâs hier und ich bin laut, wo ich will - so!â âEs sei denn, ein EisbĂ€r ist in der NĂ€heâ, stichelte Youngjae und wich ihrer Hand aus, als sie ihm einen Klaps auf den Oberarm geben wollte. âYAH! Ich hab keine Angst - vor Allem nicht vor Yugyeom. Der ist der sanfteste Riese ĂŒberhaupt!â âWeswegen du auch immer ganz schnell weg willst, wenn er in der NĂ€he istâŠâ âD-Das liegt an seiner krassen Raubtierwirkung?! Er hat das manchmal voll nicht unter Kontrolleâ, rief Dahyun anklagend aus.
Jisuk massierte sich mit den Fingerspitzen, die aus den Ărmeln ihres engen, schwarzen Turtlenecks herausschauten, die SchlĂ€fen. Sie wusste, warum sie sich vor dem Treffen mit Jinyoung Sunbaenim mit ihren Klassenkameraden hatte treffen wollen - Youngjae und Dahyun waren witzig. Sie waren immer am Quatschen, man war stets beschĂ€ftigt. Der emsige Pinguin und der gesellige Otter, ein wahres Traumpaar (nicht, dass die beiden das bereits kapiert hattenâŠ). Aber inzwischen bereute sie die Entscheidung fast, denn sie wurde zunehmend unruhiger und hatte MĂŒhe, ihrem Gezanke zu folgen.
Zu entwirrte die Schenkel in dem knielangen Faltenrock in Erdtönen und erhob sich rasch, dabei stieĂ sie aus Versehen gegen den Tisch und stieĂ Youngjaeâs leeren Becher um. Die beiden zuckten zusammen und Jisukâs spĂŒrte die Hitze in den Wangen und ihre Kopfhaut und den SteiĂ jucken - aber weder Ohren noch Schwanz waren jetzt besonders hilfreich, insbesondere der Schwanz fĂŒhrte gern mal ein schusseliges Eigenleben!
âUps - âtschuldigung!â, kicherte sie nervös und griff nach ihrer kleinen Ledertasche und winkte ihnen rasch zu, zeigte auf ihre Armbanduhr, âich- ich glaub, ich muss los!â
âSei nicht so nervös, Jisukie!â, rief Dahyun ihr nach und winkte, Youngjae nickte bekrĂ€ftigend und gab ihr einen thumbs up: âGenau! Hab einfach ân bisschen SpaĂ~â
Das hörte sich so zweideutig an, dass Dahyun wieder loskicherte. Jisuk verdrehte die Augen und hastete an den kleinen, runden Tischen und StĂŒhlen des AuĂenbereichs der Campus Suite entlang und steuerte die Aula an. Das groĂe GebĂ€ude war am Ende des Parkes und wĂ€re es nicht Sommer, sodass das Licht golden und satt auf den kleinen See und die raschelnden BĂ€ume fiel, wĂ€re sie wahrscheinlich nicht allein hingegangen. NatĂŒrlich war das hier das UniversitĂ€tsgelĂ€nde - doch sie war nicht nur eine Frau, sondern auch ein Pflanzenfresser. Ein relativ groĂer (auch, wenn das KĂ€lbchen noch nicht ganz ausgewachsen war), aber man sollte es im Zweifelsfall nicht drauf ankommen lassen. Es passierte selten, dass Pflanzenfresser angegriffen oder sogar getötet und gefressen wurden -  aber es kam in dieser verrĂŒckten Welt durchaus vorâŠ
Mit klopfendem Herzen ging sie an dem Brunnen vorbei und ĂŒberlegte kurz, eine MĂŒnze zu werfen. Aber sie war bereits in Sichtweite des Einganges und woltle nicht, dass sie jemand (vor allem ihr Sunbaenim) dabei beobachtete. Nervös strich sie sich ĂŒber den Bauch und richtete den Rock, der ihr auf der Taille saĂ; sie war erleichtert darĂŒber, dieses Outfit zu tragen und nicht das sĂŒĂe Sommerkleid, das Yunhee und Eunsook gestern aus ihrem Schrank gefischt hatten. Immerhin war das hier kein Date! Zumindest nicht wriklich, oder?
Auf die Ferne sah sie auch ohne Brille, dass sich eine der breiten DoppeltĂŒren öffnete und jemand heraustrat - es war unverkennbar Park Jinyoung. Ihr Herz klopfte aufgeregt, am Liebsten hĂ€tte sie das verrĂ€terische Ding kurzzeitig ausgestellt. Oder zumindest runtergedreht. Rasch fuhr sie sich ein letztes Mal durchâs Haar und strich es ĂŒber beide Schultern bevor sie ein LĂ€cheln aufsetzte und zu ihm ging.
Er hatte gerade sein Handy gecheckt und sah nun auf und sich suchend um. Als sein Blick sie fand wurde das glatte, ausdruckslose Gesicht etwas weicher und er lÀchelte. Seine Augen waren schön, wenn er lÀchelte - verdammt, warum dachte sie das?
âHalloâ, hauchte sie etwas atemlos und lĂ€chelte, er grinste einige Sekunden zu ihr herunter bevor er antwortete: âHallo, Jisuk! Schön, dich zu sehenâ, sagte er und seine tiefe, ruhige Stimme sorgte dafĂŒr, dass sie wieder Luft holen konnte. Und ihr gleichzeitig das Herz in den Hals hĂŒpfte. Ach, verdammt!
âSchön, dass duâs einrichten konntest. Sunbaenimâ, hĂ€ngte sie rasch mit einer angedeuteten Verbeugung an die saloppe Antwort. Er lachte ein ĂŒberraschtes, leises Lachen und machte eine wegwerfende Handbewegung: âOppa reicht, bin ja nur zwei Jahre Ă€lter. Sollen wir ein StĂŒck gehen? Hast du schon was gegessen?â, fragte er und wĂ€hrend sie wieder auf den Brunnen zusteuerten, linste er zu ihr herunter. Er war ein gutes StĂŒck gröĂer als sie, was schwer war; sie gehörte genau wie Eunsook zu den gröĂeren Vertretern. Aber Jinyoung war groĂ und er hatte breite Schultern und er hielt sich mit einer Anmut und WĂŒrde, die ihr den Atem verschlug. Sie war endlos neugierig, welches Tier wohl in ihm schlummerteâŠ
âEhm, ja ich hab mich vorher noch mit Studienkollegen getroffen und was gegessenâŠâ Zumindest hatte sie es versucht. Dass sie nicht essen konnte, weil in ihrem Bauch schon Schmetterlinge waren, musste sie ihm ja nicht auf die hĂŒbsche Nase binden, oder?
âDas freut mich fĂŒr dich! Ich könnte allerdings schon was essenâ, gab Jinyoung leise zu und ruckte den Kopf leidend zur Seite, Jisuk musste lachen und er sah wieder zu ihr herunter. Aufmerksam musterten die groĂen, dunklen Augen sie; verlegen schlug sie die Augen nieder und spĂŒrte ihre Kopfhaut erneut kribbeln.
âDu bist sehr besĂ€nftigend, kann das sein?â, fragte er plötzlich, sie blinzelte irritiert und sah fragend zu ihm hoch. âNe?â Jinyoungâs Lippen zuckten kurz belustigt, er leckte sich darĂŒber. âErlebst du dich in unterschiedlichen Situationen oft als beschwichtigend? Als unparteiisch, als Streitschlichter?â, stellte er seine Frage etwas deutlicher. Jisuk lieĂ ihren Blick ĂŒber das glitzernde Wasser des Seeâs schweifen, musterte die wilden Sommerblumen, die sich im Gras wogen und dachte nach.
âMh, ja, ich denke schon? Ich beende einen Streit eher, als dass ich einen anfange. Und ich beende den Streit ganz sicher nicht-â â-mit Gewaltâ, murmelte Jinyoung und nickte, sie lĂ€chelte schief. Nein, mit Gewalt hatte sie gewiss nichts am Hut. Zumindest meistens. Sie lieĂ ihren Blick wieder schweifen, als Jinyoung plötzlich den Arm ausstreckte und sie so zwang, stehen zu bleiben. Rasch trat er vor sie und als sie gerade erschrocken fragen wollte, was das werden sollte - und ihr Herz dabei verrĂ€terrisch erfreut hĂŒpfte - ging er in die Hocke und griff nach den offenen SchnĂŒrsenkeln ihrer Oxford Dressschuhe.
âAh- du musst nicht- ich kann auch- eh, dankeâ, schloss sie etwas atemlos, wĂ€hrend er sorgfĂ€ltig einen Knoten machte. Sie betrachtete seinen Kopf, das dichte, dunkle Haar. Es war dunkelbraun, vielleicht auch hier und da schwarz. Vielleicht auch rot? Nein, das war kein Haar - moment mal, nun meinte sie, es zu riechen, war das-
âDu blutest!â, japste sie erschrocken und konnte ihre Finger nicht zurĂŒckhalten; die Fingerspitzen berĂŒhrten vorsichtig seinen Schopf und warmes, klebriges Blut blieb an ihren Fingern zurĂŒck. Plötzlich zuckte Jinyoung zurĂŒck und sein Schopf gewann an Farbe; das Haar wurde rostbraun und dann heller, bevor er tief einatmete und es wieder dunkel wurde. Langsam sah er zu ihr auf und griff sich dann selbst ins Haar, sah missmutig auf seine Finger hinunter.
âIch bin etwas zu frĂŒh dran dieses JahrâŠâ, murmelte er geistesabwesend und linste dann zu ihr auf, grinste schief. Eine Mischung aus Bitterkeit und Entschuldigung. Und obwohl sie ĂŒber ihm lehnte und ohne Vorwarnung seinen Kopf angefasst hatte, war er noch nicht aufgehĂŒpft oder hatte Abstand gesucht - so ein stolzer Mensch.
âWas⊠ist mit dir?â, fragte sie leise, unsicher, wie sie fragen sollte, und betrachtete ihre blutigen Fingerspitzen. Hob sie zur Nase und roch daran - ein Pflanzenfresser, so wie sie. Sie meinte, ihn schnauben zu hören, doch als sie ihn wieder ansah richtete er sich auf und holte gerade ein Taschentuch aus der Jackentasche seines Jackets. Anstatt es ihr einfach zu geben, griff er nach ihrem Handgelenk und lieĂ die HandflĂ€che in seine Finger gleiten, hielt sie sanft und sicher, wĂ€hrend er die Finger reinigte.
Jisuk spĂŒrte ihr Herz emsig pochen, sie spĂŒrte die Hitze, die von seinem Körper ausging und seinen Atem auf den Brauen, dem Gesicht. Sie musterte verstohlen seine Wimpern, seine sanft geschwungenen, vollen Brauen, die dunklen Augen. Das Rinnsaal an Blut lief gerade an einem der groĂen Ohren vorbei und sie streckte die freie Hand danach aus - rasch stieĂ er mit einem Handgelenk ihres beiseite und warf ihr, als sie einen erschrockenen Laut von sich gab, einen entschuldigenden Blick zu.
âEs tut mir Leid - auch, dass du das mitkriegen muss. Das muss sehr verstörend seinâ, mutmaĂte er, seelenruhig fĂŒr diese merkwĂŒrdige Situation und Jisuk blieb stumm. Jinyoung steckte das blutige Taschentuch in seine Jackettasche, nachdem er sich einmal an der Seite seines Gesichtes entlanggefahren war und seinen Kopf abgetupft hatte.
Dann wandte er sich wieder zum Gehen und da Jisukâs eines Handgelenk noch in seinen Fingern lag, zog er sie schwach mit sich. Sie lieĂ es zu und sah ihn besorgt von der Seite an. Er wirkte hölzern, verschlossener. Zwar ruhig, aber auch verunsichert.
âJinyoung-OppaâŠâ, begann sie leise, er stieĂ Luft durch die Nase aus und sah sie nicht an, als er wieder sprach. âEigentlich möchte ich das nicht von dir verlangen.... Aber vielleicht ist das gut fĂŒr unsere Bindung, wenn du es mit erlebst. FĂŒr unser Mentor und SchĂŒler VerhĂ€ltnis, versteht sichâŠâ, schloss er, zunehmend verlegen und seine Ohren wurden rot. Fasziniert beobachtete Jisuk diesen Zug der Verlegenheit von dem selbstsicheren, stolzen Mann und dann glitt ihre Hand ganz selbstverstĂ€ndlich in seine.
âZeig es mirâ, sagte sie bestimmt und versuchte nun nicht mehr, ihren Schwanz zurĂŒck zu halten. Jinyoung warf einen belustigten Blick ĂŒber die Schulter, als die Spitze des KĂ€lberschwanzes gegen seine Kniekehle schlug, da er aufgeregt von links nach rechts baumelte. âZeig mir, warum du blutestâ, befahl Jisuk beinahe und der Tonfall lieĂ Jinyoung lachen. Kurz sah er zu ihr herunter und sein Gesicht war nackt; es war das nackte, unsichere aber aufgeregte Gesicht eines jungen Mannes, der die Hand einer jungen Frau hielt. Dann wurde sein LĂ€cheln etwas besonnener und er nickte einmal ruckartig.
âIn Ordnung, Jisuk-ah, ich zeigâs dir. Aber sag nicht, ich hĂ€tte dich nicht gewarnt!â













