Wenn schon, dann richtig
Sich treu zu bleiben ist gar nicht so einfach. Wer nicht macht, was die Mehrheit will, scheitert schlimmstenfalls. Und das so gnadenlos, dass man plötzlich anfängt zu hinterfragen ob das, was man tut und getan hat, alles immer so richtig war. Aber ja: war es. Es geht schließlich nicht darum, immer der oder die Beste zu sein. Es geht schlichtweg darum, die beste Version seiner selbst zu sein und zwar zu dem Zeitpunkt, in dem man sich gerade befindet. Die folgende Musiker und Bands können ein Lied davon singen. Ihre Karrieren: ein stetiges Auf und Ab. Die Erkenntnis: Nichts ist sicher, außer die Hingabe, mit der sie das machen, was ihnen am Herzen liegt – ihre Musik.
Konzeptalben sind seit eh und je eine Sache für sich. Je nach Tiefe und Komplexität kann es sein, dass viele potentielle Hörer nur schwer Zugang finden zu dem, was sich bitte schön möglichst gut verkaufen soll. Cobblepot heißt das neue Rockstah-Album, das so bedrohlich-bedrückend finster daherkommt, dass man meinen könnte, es wäre direkt aus dem fiktiven Comic-Moloch Sin City in die reale Welt geschleudert worden. Cobblepot, so heißt der Pinguin im Batman-Univerum. Und das Cover des neuen Rockstah-Albums zeigt einen dieser Zeppelins, die über die ausgedachte Stadt Gotham City schwebt und mit Leuchtscheinwerfern nur kurz das Grauen beleuchtet, bis der Lichtkegel weitersucht. Hinter Rockstah steckt Max Nachtsheim. Ein Nerd, der einerseits ernst genommen werden möchte mit seinem Hip-Hop, der aber auch anders ist und das weiß. Nachtsheim hatte eigentlich genug vom Musikmachen. Nach einigen veröffentlichten Alben, die von den Kritikern gelobt wurden, aber kaum Publikum fanden, wollte sich der Vollzeitnerd zurückziehen, Konsole spielen, moderieren, podcasten und irgendwie anders Geld verdienen – bloß nicht mehr mit Musik. Irgendwann juckte es ihn doch wieder, er kündigte ein neues Album an, das aber auch nach einem Jahr nicht mal ansatzweise fertig ist. Dann traf er einen frühen Weggefährten aus der Zeit des gemeinsamen Musikmachens wieder und plötzlich flogen die Funken. Innerhalb kürzester Zeit entstanden Geschichten, Beats, Bässe und Melodien. Und herausgekommen ist eine kurios phantastische Melange aus Soundtüfteleien, die so in Serien wie Riverdale, Gotham oder Stranger Things oder streckenweise auch im Film TRON vorkommen könnten. Rockstahs Rezept? Musik machen, wie sie gerade niemand von ihm erwartet und wie es sie so von einem deutsch-singenden Musiker eigentlichen auch gar nicht gibt. Rockstah macht einfach, steckt Liebe und Herzblut in seine Musik und lässt die überall grassierende Berechenbarkeit im Schrank. Wenn Rockstah mit Cobblepot nicht endlich den Erfolg einfährt, den er verdient, dann liegt das womöglich daran, dass diese Welt wirklich verdorben und kaputt ist und längst vergessen hat, das Gute zu erkennen.
Rockstah // Cobblepot // VÖ: 26. Oktober 2018
Eine ähnlich bewegte Historie haben die Hamburger Jungs von Odeville vorzuweisen. Was vor neun Jahren als Antwort auf die Emo- und Post-Hardcore-Bands großer amerikanischer Vorbilder begann, hat einige Zeit gebraucht, um herauszufinden, was man eigentlich will. Was auf dem ersten Album noch in englischer Sprache erzählt wurde, besang Sänger Hauke bereits auf dem zweiten Album in seiner Muttersprache. Von den damaligen Vorbildern wie Tool oder Dredg emanzipierte sich die Band immer weiter. Zuletzt stand auch der Pop von Bands wie Portishead oder den Beatsteaks Pate. Odeville tut diese Bandbreite an Einflüssen ausgesprochen gut, wie sie auch auf ihrem unlängst erschienenen neuen Album Rom eindrucksvoll beweisen. Mag mancher Text auch arg kitschig klingen, stören tut das aus zweierlei Gründen nicht: Zum Einen sind viele englischsprachige Vorbilder ähnliche over the top unterwegs. Man versteht es halt nur nicht sofort, wenn man die Geschichten englisch präsentiert bekommt. So lange sich nur Melodie und Instrumente drumherum gewaltig und episch aufbauen, geht das schon klar. Und genau das gelingt auch Odeville überragend. Zum Anderen ist Haukes Stimme derart charismatisch, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann. Fast 60 Minuten lang werden auf Rom allerlei Geschütze aufgefahren und so treffsicher platziert, dass man dem kreativen Output der Band nur Respekt zollen kann. Wenn Hauke vom Licht singt, das er im Hausflur anlässt, dann bekommt das ein ganz anderes Setting als von den Schmalspurpoprockern von Revolverheld. Ja klar, letztere sind erfolgreicher und wenn es gerecht zuginge in dieser Musikwelt, dann müssten Odeville mit Rom endlich den Ruhm abbekommen, den die Band verdient.
Odeville // Rom // VÖ: 19. Oktober 2018
Es gibt nicht viele deutschsprachige Pendants zu Bands oder Musikern wie Mumford & Sons und Glen Hansard. Da fällt jemand wie Schraubenyeti dann doch schon so deutlich auf, dass man gar nicht anders kann, als sich nicht zumindest mal eine Handvoll Songs lang mit ihm zu befassen. Martin Lischke steckt hinter dem Schraubenyeti und der spielt mit Inbrunst Klavier. So sehr, dass er irgendwann Räder an eben jenes schraubte, um damit in Fußgängerzonen auftreten zu können. Singer/Songwriter-Folk ist das, was Lischke erst allein gemacht und für sein neues Album Heute, gestern nun zusammen mit seiner neu formierten Liveband macht. Wobei die Fülle an neuen Instrumenten, wie dem Kontrabass, der Trommel, dem dreistimmigen Gesang und jeder Menge verschiedener Saiteninstrumenten, dafür sorgen, dass die Musik wächst und mehr Raum bekommt. Sie strotzt geradezu vor Kraft und Energie, klingt treibend und voller Volumen. Vor den Aufnahmen war Lischke, ganz wie es sich für einen Straßenmusiker gehört, viel unterwegs, etwa in Australien. Genug Orte, um Geschichten und Anekdoten zu sammeln, die Stoff für neue Songs daraus machen zu können. Genau das hat der Mann, der seinen Künstlernamen seiner Vorliebe fürs Rumschrauben an alten Motorräder zu verdanken hat, auch getan. Herausgekommen ist ein knapp einstündiges Album, das von Anfang bis Ende Aufmerksamkeit verlangt, aber auch Spaß macht, weil wie schon Rockstah und Odeville auch der Schraubenyeti liebt, was er tut.
Schraubenyeti // Heute, gestern // VÖ: 12. Oktober 2018













