9. April 2026 â 19:00 Uhr
Uni Halle, Melanchthonianum
Zur nationalen Erhebung im Iran
Vortrag und Diskussion mit Lukas Sarvari
Mehr als 36.000 Iranern hat das blutigste Massaker in der Geschichte der Islamischen Republik das Leben gekostet, hunderttausende wurden verletzt, weitere 50.000 wurden inhaftiert und mĂŒssen ihre Hinrichtung befĂŒrchten. Nicht nur bedeutet die schiere Zahl der Toten eine nationale Katastrophe. Der Massenmord ist die letzte Wahrheit ĂŒber den Charakter eines Regimes, das sich in einem apokalyptischen Endkampf gegen satanische Feinde wĂ€hnt und die Opferung der eigenen Bevölkerung zugleich als Mittel des Machterhalts und heiligen Zweck versteht. Dieses so zerstörerische wie selbstzerstörerische Projekt der herrschenden Mullahs aufzuhalten, hatte sich im Dezember und Januar der bislang gröĂte Aufstand iranischer Regimegegner formiert.
SpĂ€testens seitdem Millionen dem Aufruf des exilierten Kronprinzen Reza Pahlavi am 8. und 9. Januar gefolgt sind, machte sich jedoch nicht nur unter deutschen »Nahost-Experten« NervositĂ€t breit: Dass iranische Oppositionelle massenhaft nach der RĂŒckkehr Pahlavis rufen, mĂŒsse entweder einer gezielten Manipulation geschuldet sein â oder jedenfalls fĂŒr die RĂŒckwĂ€rtsgewandtheit unbelehrbarer Monarchisten sprechen. Dass dennoch Pahlavi zur FĂŒhrungsfigur einer breiten Strömung geworden ist, die der Wunsch nach einer sĂ€kularen Demokratie eint, dementiert einen historischen Mythos, der auch ĂŒber linke Kreise hinaus gepflegt wird: Keineswegs nĂ€mlich war die Revolution von 1979 eine progressive Massenbewegung gegen jahrtausendelange monarchische Knechtschaft, die im letzten Moment von Islamisten gekapert wurde. Vielmehr handelte es sich um den von Linken, Gotteskriegern und Klerikern gemeinsam unternommenen Abbruch eines zweifellos reformbedĂŒrftigen, aber modernen Verfassungsstaats. Die absolute Herrschaft des Schahs war bereits in der Konstitutionellen Revolution von 1906 bis 1911 gebrochen worden, die Trikolore mit Löwe und Sonne in dieser Zeit zur Flagge des ersten parlamentarischen Nationalstaats Asiens geworden. Die RĂŒckkehr zu Löwe und Sonne â und selbst eine Restauration der konstitutionellen Monarchie â wĂ€ren also unmöglich als »reaktionĂ€re« Vorhaben abzukanzeln, schon gar nicht angesichts der BestialitĂ€t des herrschenden islamischen Regimes; sie stehen auch fĂŒr die FortfĂŒhrung der unvollkommenen Revolution von 1906, die 1979 verheerend gekontert worden war.
Der Vortrag wird aufzeigen, woher der jĂŒngste Aufstand seine StĂ€rke bezog und was seine brutale Niederschlagung fĂŒr die Freiheitsbewegung bedeutet. Er wird den langen Kampf von Iranern um SĂ€kularismus und Demokratie nachzeichnen und darstellen, weshalb den Streitern fĂŒr einen freien Iran heute nicht nur die Mullahs und ihre Milizen im Weg stehen, sondern ebenso hiesige DiskurswĂ€chter, die den RevolutionĂ€ren von 1979 immerhin zugutehalten können, die »Free Palestine«-Bewegung im Iran an die Macht gebracht zu haben, und die die Pahlavi-Opposition nicht zuletzt deshalb zu untergraben versuchen, weil der Kronprinz und seine AnhĂ€nger fĂŒr ein Ende des »antiimperialistischen Widerstandes« und fĂŒr Frieden mit Israel einstehen.
Lukas Sarvari ist Redakteur der Zeitschrift casa|blanca. Texte zur falschen Zeit.
https://agantifa.com/2026/03/loewe-und-sonne-zur-nationalen-erhebung-im-iran/