November 2024
ChatGPT hĂ€lt mir die Hand, wĂ€hrend ich mich durch den groĂen dunklen Wald zurĂŒck zu einem vernĂŒnftigen Backup taste
Vor zwei Jahren habe ich nach dem Tod des Macbooks einen Framework-Laptop gekauft und Linux darauf installiert. Ich mag ihn sehr, aber meine bewĂ€hrte, supereinfache Cloud-Backup-Lösung mit Backblaze, die mich seit 2009 insgesamt vier Mal gerettet hat, funktioniert damit nicht mehr. Backblaze unterstĂŒtzt kein Linux, wahrscheinlich weil sie dort annehmen, dass Leute, die Linux haben, sich selbst um so was kĂŒmmern können und gar keine einfache Lösung haben wollen.
Also, man kann Backblaze mit Linux verwenden und bei Backblaze bieten sie verschiedene ErklĂ€rdokumente dazu an. Aber es sind ErklĂ€rdokumente fĂŒr Leute, die schon alles ĂŒber Backups wissen und nicht fĂŒr Leute, die einfach nur in einem grafischen Frontend HĂ€kchen an die Ordner machen wollen, die gebackupt werden sollen. Das geht jetzt nicht mehr.
Ich habe also im November 2022 eine Weile gesucht und dann eine bei Ubuntu mitgelieferte Backupmöglichkeit namens "DĂ©jĂ Dup" gefunden, die aber nur mit Google Drive zusammenarbeitet. Ich habe dafĂŒr 2 TB Speicherplatz bei Google Drive gekauft. Ein groĂer Teil meines Lebens hĂ€ngt dadurch riskant an einem einzigen Account. Wenn Google mal zu dem Schluss kommt, dass ich gegen irgendwelche Regeln verstoĂen habe, ist sehr viel auf einmal weg, wahrscheinlich ohne Vorwarnung und ohne Rettungsmöglichkeit.
In letzter Zeit zeigt Google mir öfter an, dass mein Speicherplatz fast voll ist.
Wer weiĂ, auf welche verschwenderische Weise meine Backups dort geparkt werden. Ich habe keine Lust, in diese unbefriedigende Lösung noch weiteres Geld zu investieren, und suche deshalb bei Reddit, was derzeit die empfohlene Backup-Lösung ist. "restic mit Backblaze", scheint der Konsens zu sein, wobei restic irgendsoein Kommandozeilending ist.
Ich lasse mal das Tab mit dieser Antwort offen und unternehme ein paar Wochen nichts. Dann schickt mir Tabea einen Artikel ĂŒber jemanden, der "sein Leben von ChatGPT bestimmen" lĂ€sst, also eigentlich jemanden mit ADHS, der sich von ChatGPT bei komplexen Alltagsdingen helfen lĂ€sst. Dadurch inspiriert, denke ich, dass ich mich auch von ChatGPT betreuen lassen könnte, und frage:
"Can you talk me through setting up a backup system using restic and Backblaze? I am running Linux and I'm already a customer at Backblaze. What's the first step?"
Eigentlich wollte ich wirklich nur den allerersten Schritt wissen. Aber ChatGPT beglĂŒckwĂŒnscht mich zu meiner Entscheidung und zeigt mir gleich alle sechs Schritte:
Die Schritte 1 und 2 sind ganz leicht. Schritt 3 funktioniert nicht so wie behauptet, aber jetzt stecke ich schon mittendrin und will es wissen. Ich finde eine andere Anleitung bei Backblaze und scheitere eine Stunde lang vor mich hin.
ChatGPT ist dabei keine groĂe Hilfe, es hat zwar teilweise recht mit seinen RatschlĂ€gen, teilweise aber auch nicht, und ich weiĂ zu wenig, um den Unterschied selbst zu erkennen. Es ist aber psychologisch wichtig, ich fĂŒhle mich dadurch nicht so allein. Und ich kann mir Dinge erklĂ€ren lassen, die ich nicht verstehe, zum Beispiel:
What does the "~" mean in "e.g., ~/restic_backup.sh"?
ChatGPT lacht dann nicht ĂŒber mich, sondern erklĂ€rt es mir einfach. Ich ĂŒberlege, ob es vielleicht Absicht sein könnte, dass Linux-Anleitungen immer so unvollstĂ€ndig sind. Will man Leute wie mich davon abhalten, mit ihren ungeschickten Pfoten alles kaputtzuspielen? Aber es kommt mir wahrscheinlicher vor, dass sich die Autoren* dieser Anleitungen nur nicht vorstellen können, dass man diese absolut grundlegenden Dinge nicht weiĂ. Und das ist ja okay, ich kann mir auch vieles nicht vorstellen.
* Absichtlich ungegendert; auf anekdotischer Basis habe ich den Eindruck, dass Autorinnen mehr RĂŒcksicht auf mögliches Unwissen nehmen.
So begleitet beiĂe ich mich durch alle Probleme durch, ohne zu verzweifeln, und nach ungefĂ€hr anderthalb Stunden lĂ€uft mein erstes Backup. Jetzt, wo es eingerichtet ist, wirkt es genauso einfach wie mein Backblaze von frĂŒher, nur dass ich die Einstellungen nicht mehr in einer grafischen BenutzeroberflĂ€che mache, sondern in einer Datei. Dort trage ich die lokalen Verzeichnisse ein, die vom Backup erfasst werden sollen. Der Rest passiert automatisch.
Dann merke ich, dass ich die Dateien bei Backblaze jetzt nicht mehr so schön ansehen kann wie frĂŒher, als meine Verzeichnisse einfach auf deren Server gespiegelt wurden. Das hat mein Vertrauen ins Vorhandensein des Backups gestĂ€rkt und mir bei der Wiederherstellung geholfen. restic lĂ€dt die Daten verschlĂŒsselt hoch, und das heiĂt, ich sehe bei Backblaze nur kryptische Ordner und Dateinamen. Das gefĂ€llt mir zwar nicht, aber ich sage mir, dass diese VerschlĂŒsselung wahrscheinlich sinnvoll und gut fĂŒr mich ist. ChatGPT hat mir erklĂ€rt, was zu tun wĂ€re, wenn ich die Daten ansehen oder wiederherstellen wollte. Es klingt umstĂ€ndlich, aber machbar.
Jedenfalls habe ich jetzt wieder ein Backup, das nicht bei Google liegt, und es ist nicht sehr teuer (1 TB bei Backblaze kostet $6 pro Monat.) Ob sich die Daten dann auch wirklich wiederherstellen lassen, und wie kompliziert das sein wird, weiĂ ich noch nicht. Aber ich werde es sicher bald herausfinden.
Update: Einige Wochen lang rufe ich restic gelegentlich von Hand auf und denke dabei: Jemand mĂŒsste mal einen Cronjob anlegen, damit das automatisch tĂ€glich passiert. Ich habe das zwar schon oft gemacht, aber noch nie auf meinem eigenen GerĂ€t, immer nur auf einem Server anderswo. Anfang Januar raffe ich mich auf, endlich den Cronjob anzulegen, und Mitte Januar funktioniert er dann auch (nach weiteren Beratungen mit ChatGPT).
(Kathrin Passig)












