Und jetzt Damenwahl* oder doch lieber Stimmen fĂŒr alle?!
An einem Tag wie diesem, an dem die beste und innigste Freundin seit Kindertagen, die jede Not mit einem geteilt hat am Abend fĂŒr immer nach London gehen wird. An einem Tag wie diesem, an dem man den Verlobten in den Armen einer Anderen erwischt. An einem Tag wie diesem, an dem aus einer kleiner Streitigkeit mit der zĂ€nkischen Köchin eine Rangelei mit angeschlagenem Kopf wird, das groĂes Geschrei die Hausherren alarmiert, man Ă€ngstlich nach dem Doktor durch die StraĂen lĂ€uft. An einem Tag wie diesem kann es passieren, dass man am Bahnsteig steht, sich vom Haushaltsgeld fĂŒr das Abendessen ein Ticket kauft  und mit nichts als dem, was man am Körper trĂ€gt, in einem Zug nach London fĂ€hrt.
Rosies unvorhergesehene Reise beginnt. Und manchmal ist eine Reise mehr als nur ein Ortswechsel. So auch in diesem historischem Emanzipationsroman âRosie und die Suffragettenâ von Katharina MĂŒller, erschienen im Berliner Quer Verlag.
Eine Ăbersprunghandlung also hat Rosie hierher gebracht. Ein junges DienstmĂ€dchen, aus Lancashire, Nordengland, das sich eigentlich nur kurz von ihrer Freundin Helen, einer jungen Fabrikarbeiterin verabschieden wollte, sich dann aber Stunden spĂ€ter, in der 1908 mit 6 Millionen Einwohnern gröĂten Stadt der Welt, wiederfindet.
Mutterseelenallein, unter Kulturschock, ohne Helens Adresse, eine naive Provinzlerin, steht sie am Bahnhof und wĂ€re, wie so viele vor und nach ihr, fast leichte Beute geworden. Dort begegnet ihr die bezaubernde und weltgewandte Jane. Eine Zufallsbekanntschaft, die ihr Geld fĂŒr eine Limonade schenkt, ihr eine Arbeit in einem Lokal und MĂ€nnerbekanntschaften anbietet, dann aber am Arm eines unruhig wartenden Kavaliers davon zieht. Ihr Versprechen bald wiederzukommen hĂ€lt sie nicht, die gutglĂ€ubige Rosie wartet an diesem Tag vergebens auf ihre RĂŒckkehr.
DafĂŒr lernt sie eine Ă€lteren Dame, Beth, vom âChristlichen Verein zur UnterstĂŒtzung von in Not geratenen DienstmĂ€dchenâ kennen, die sich ihrer annimmt, sie einlĂ€dt sich ein paar Tage in ihrer Unterkunft auszuruhen. Die durch ihren Vater politisch sensibilisierte Rosie zögert, ob des von ihrem gewerkschaftlich engagierten Vaters oft zitierten Marx Ausspruch von der Religion als Opium fĂŒrs Volk, doch ihr Hunger und ihre Erschöpfung sind gröĂer.
Der Verein vermittelt Rosie wenig spĂ€ter als DienstmĂ€dchen an der Haushalt der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst, wo sie zusammen mit ihrer aufgeweckten und selbstbewussten Kollegin May, einem echten GroĂstadtmĂ€dchen, fĂŒr den Frauenhaushalt zustĂ€ndig ist. Mit einem Arbeitsvertrag der freie Tage und bezahlten Urlaub vorsieht, wĂ€hnt Rosie sich im DienstmĂ€dchenhimmel. Ehrfurchtsvoll bewundert sie die Errungenschaften der Technik, die ihr in der Stadt und sogar im Haushalt selbst begegnen und ihr die Arbeit erleichtern.Â
 Ihre Arbeitgeberin, Mrs Pankhurst, ist eine gebildete Frau des BĂŒrgertums, Mutter von 5 Kindern und die Witwe eines bekannten Rechtsanwaltes. Sie hat 1903 mit ihren beiden Ă€lteren Töchtern Christabel, einer studierten Juristin, und Sylvia, Absolventin einer Kunsthochschule, den Verein Womenâs Social and Political Union (WSPU) gegrĂŒndet, unter der Maxime âTaten nicht Worteâ kĂ€mpfen sie mit kreativen und radikaleren Methoden fĂŒr das Frauenwahlrecht als andere Gruppierungen, die noch daran glauben es mit purer Lobbyarbeit  den mĂ€nnlichen Abgeordneten Parlaments abzuringen.Â
Aus Rosies Perspektive lernt der Leser nun die laut brodelnde, beĂ€ngstigende und mitreiĂende, strahlend schöne und dĂŒster-schĂ€bige GroĂstadt London kennen. Rosie genieĂt mit May das ungezwungene Leben einer jungen Frau, begegnet der aufregenden Jane wieder, zu der sie sich hingezogen fĂŒhlt, aber auch einen schĂŒchternen, fleiĂigen Iren, der sie umschwĂ€rmt, liest begierig in den BĂŒchern der Hausbibliothek, verdient mit dem Entwerfen und NĂ€hen mit der elektrischen NĂ€hmaschine im Haushalt zusĂ€tzliches Geld, wohnt den emotionalen Verstrickungen des Frauenclans bei, verfolgt den unter Einsatz von Gesundheit und Leben gefĂŒhrten Kampf der Suffragettenbewegung und lernt viele inspirierende, politisch engagierte Personen kennen, die im Haus ein und aus gehen. London tut ihr gut.
Sie adaptiert das persönliche Mantra der jĂŒngsten, der unkonventionellen Pankhurst Tochter, Sylvia âNichts ist unmöglich!â und lernt, was wohl alle Frauen, in ihrem Leben lernen mĂŒssen, zu ihren Ăberzeugungen zu stehen, Dinge einzufordern, die ihr zustehen, es auszuhalten, dass einen nicht immer alle nett finden können.
Auch Rosie wird Teil der Frauenwahlrechtbewegung, eingefangen von Emmelines Pankhurst Charisma, aber auch ihrem Despotismus, ĂŒbernimmt sie bald eine ihr zugewiesene, immer aktivere Rolle und stellt schlieĂlich fast erstaunt fest, dass auch unter den KĂ€mpferinnen fĂŒr Gleichheit unter den Geschlechtern, einige gleicher sind als andere. Denn die politischen Aktivistinnen sind nicht frei von StandesdĂŒnkel und als Rosies neues Selbstbewusstsein ihr, dem DienstmĂ€dchen, eine Stimme gibt, reagiert die kritisierte Arbeitgeberin nicht anders als die Parlamentarier: erbost ĂŒber das Einfordern von Gehör nutzt sie ihre Macht. Rosie wird entlassen.
Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs hat das DienstmĂ€dchen sich emanzipiert, erst von ihrem Leben in Lancashire und dann von ihrer Ehrerbietung Emmeline Pankhurst gegenĂŒber. Jetzt ist sie frei, lebt sie im East End und arbeitet auf Augenhöhe mit Sylvia, der KĂ€mpferin fĂŒr Arbeiterbewegung und GrĂŒnderin der East London Federation of Suffragettes (ELFS) , deren Freund und auch den Arbeiterinnen und Prostituierten, denen sie NĂ€hunterricht gibt und kĂ€mpft mit ihnen gemeinsam fĂŒr das Recht aller Frauen auf eine Stimme.Â
Das Ende von Rosie persönlicher Geschichte, nach dem ersten Weltkrieg, ist himmelblau, wie der Hintergrund des Buchcovers, mir too much. Die Autorin wollte ein FĂŒllhorn voll GlĂŒck ĂŒber Rosie ausschĂŒtten und tat dies in Form von einem Mann, der sie liebt, zwei Kindern, einer dritten Schwangerschaft und einer TĂ€tigkeit als Handarbeitslehrerin, Wenn auch wir daran glauben, dass fĂŒr Frauen alles möglich ist, dann hĂ€tte ich dieser wissbegierigen, kĂ€mpferischen jungen Frau ein andere Form von GlĂŒck gewĂŒnscht.
Ein interessantes, sehr gut recherchiertes Sujet, die in Deutschland noch nicht sehr bekanntes Frauenwahlrechtsbewegung GroĂbritanniens, gut gezeichnete, glaubwĂŒrdige Figuren, bis hin zu den Nebenfiguren, ein Einblick in den Moloch London Anfang des 20. Jahrhunderts, man merkt dem Roman den Soziologinnenblick, einer mir etwas zu romantisch veranlagten, Autorin an. Ich hĂ€tte den ZuckerbĂ€ckerpastellteil gerne gegen noch etwas mehr âhistorischer Geschichteâ eingetauscht, aber nicht alle Leserinnen sind so herzlose Luder. FĂŒr mich ein absolut empfehlenswerter historischer Roman.
* Ausspruch von Clara Zetkin 1911 , sozialistische Frauenrechtlerin, zur Idee des Klassenwahlrechts













