postwendend #2 mit Claudia Drescher
In unserer Interviewserie zur BetaKonferenz 2020 in Zwickau sprechen wir heute mit Claudia Drescher. Claudia ist freie Journalistin, Autorin und Ăbersetzerin, die zudem noch in der Zwickauer Zivilgesellschaft engagiert ist.
Du schreibst journalistisch mit einem eher regionalen Fokus. Was interessiert dich so an Geschichten und Themen, die quasi um die Ecke passieren?
Als ich angefangen habe Journalistik zu studieren und nebenher die ersten Erfahrungen als Journalistin sammelte, hatte ich hoch fliegende TrĂ€ume - wie wohl die meisten meiner Kommiliton*innen an der Uni Leipzig. Chefredakteurin fĂŒr Die Zeit oder Der Spiegel. Untendrunter war nicht denkbar! Dann fing ich an, mich fĂŒr ein Volontariat zu bewerben und musste feststellen, dass ich mit meinen Begabungen und Vorstellungen nicht allein war... Am Ende landete ich bei der SĂ€chsischen Zeitung, aber nicht in der Landeshauptstadt, sondern in der Lokalredaktion Görlitz. Und auch nicht als Festangestellte, sondern als sogenannte âfeste Freieâ - also selbststĂ€ndig (oder zunĂ€chst vielmehr scheinselbstĂ€ndig) und auf eigenes unternehmerisches Risiko. Doch mir gefiel es in der âProvinzâ, wo die Wege kurz sind, die Menschen authentisch und ihre Geschichten echt. SchlieĂlich kehrte ich nach Zwickau zurĂŒck (wegen der Liebe und so... das Ăbliche eben) und habe mir meine Nische als freie Journalistin, Texterin und Ăbersetzerin gesucht, denn feste Stellen gab und gibt es in dieser Branche noch immer nicht allzu viele. Auch meine Heimatstadt und die Region Westsachsen, in der ich vor allem fĂŒr die dpa von Annaberg bis ins tiefste Vogtland unterwegs bin, ĂŒberrascht mich immer wieder aufs Neue. Ich habe in den letzten zehn Jahren hier so viele inspirierende Menschen kennengelernt, die ihre TrĂ€ume anpacken und auch steinige Wege mit viel Mut und Zuversicht gehen. Das ist es, was mich an meinem Beruf immer fasziniert hat. Wenn du zum Beispiel einen Musikinstrumentenbauer in Markneukirchen besuchst und ein PortrĂ€t schreiben möchtest, kommst du vom hundertsten ins tausendste. Am Anfang sprichst du ĂŒber das Handwerk, die Tradition, dann kommst du zu den Herausforderungen und den Ideen, diesen zu begegnen. Am Ende diskutierst du (oder zumindest passiert mir das) nicht selten ĂŒber Politik und erfĂ€hrst die halbe Lebensgeschichte eines Menschen. Ich hatte schon Interviewtermine, bei denen ich mit einem völlig Unbekannten ĂŒber das Leben philosophiert habe und gerade in eigenen schwierigen Lebensphasen (ĂŒber die mein GegenĂŒber nichts wusste) einen Rat mit auf den Weg bekommen habe, der seine Spuren in mir hinterlĂ€sst. Obwohl ich eine furchtbare Quasselstrippe bin, habe ich offenbar auch das Talent zum Zuhören und nicht selten öffnen sich mir Menschen auf eine Weise, die mir zu Herzen geht. Damit passieren diese Geschichten vielleicht um die Ecke - wobei ich die Region selbst noch all den Jahren noch lange nicht vollstĂ€ndig abgegrast habe - aber langweilig sind sie deshalb noch lange nicht. NatĂŒrlich habe ich als freie Journalistin und noch dazu fĂŒr die dpa das Privileg, mir gerade bei selbst geschöpften Geschichten die spannenden herauszupicken. Ich muss also nicht wie eine Lokalredakteurin zum sprichwörtlichen HasenzĂŒchterverein. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere sind die Pflichttermine, sei es das Besetzen wichtiger Strafprozesse oder das Berichten ĂŒber offizielle AnlĂ€sse. Und die sind es inzwischen, die mir Bauchschmerzen bereiten. Viele Pressetermine, vor allem mit Ministerien, groĂen namhaften Unternehmen oder im politischen Umfeld allgemein, bringen wenig bis keine AuthentizitĂ€t (mehr) mit sich. Vielleicht ist auch das ein Grund fĂŒr die zunehmende UnglaubwĂŒrdigkeit der Medien - man spĂŒrt als Rezipient*in wahrscheinlich doch, dass das alles so konzertiert ist. Deshalb sind mir die vermeintlich âkleinenâ Geschichten auch viel lieber. Da habe ich echte Menschen mit echten Geschichten vor mir. Da habe ich noch das GefĂŒhl, in diesem Beruf etwas zu bewirken. Und wenn es nur fĂŒr diesen einen Menschen ist, der mich nach Erscheinen meines Beitrags anruft oder eine Mail schreibt und sich bedankt - nicht fĂŒr die Lobhudelei, sondern dafĂŒr, dass ich sie oder ihn getroffen oder auch eine ĂŒberraschende Facette in den Mittelpunkt gestellt habe.
Neben deiner journalistischen TÀtigkeit bist auch noch als Autorin tÀtig. Ist das ein passender Ausgleich oder kannst du einfach das Schreiben auch in der Freizeit nicht lassen?
Man könnte schon meinen, dass ich zu viel Freizeit habe, das stimmt! TatsĂ€chlich haben âmeineâ BĂŒcher wohl eher mich gefunden als ich sie. Die beiden AusflĂŒge in die Belletristik verdanke ich einem lieben Freund, Swen Kaatz, den manche vielleicht eher als Geschichtenschnitzer kennen. Er hat mich inspiriert, eigentlich ĂŒberhaupt das erste Mal dazu gebracht, mich mit der Idee vom BĂŒcher schreiben jenseits fantastischer TagtrĂ€ume zu beschĂ€ftigen. Und unsere Zusammenarbeit hat einen entscheidenden Vorteil: Swen liefert die Idee, die ich dann ânurâ noch in Worte gieĂen, ein wenig feilen und auf Hochglanz polieren muss. TatsĂ€chlich spukt mir die eine oder andere Idee im Kopf herum, was ich gedanklich gern zwischen zwei Buchdeckel bringen wĂŒrde... doch im Moment fehlt mir nicht zuletzt durch dieses verrĂŒckte Corona-Jahr die Kraft, die Ruhe und Muse und zugegeben auch der Mut. Aber ich bin ja noch nicht mal 40. Also unterm Strich hat es wohl wenig mit Ausgleich zu tun, sondern vor allem mit nicht lassen können. Wobei bei solchen Gedanken auch immer die Realistin und die TagtrĂ€umerin in mir heftigste KĂ€mpfe ausfechten. Ich glaube, dass man so etwas nicht erzwingen kann, solche TĂŒren öffnen sich einfach wenn du am wenigsten damit rechnest. Es muss einen finden und so wie mich Swen damals fĂŒr unser erstes Projekt âgefundenâ hat, weil er einem mitten ins Innere schauen kann, so wird mich eines Tages vielleicht auch eine wirklich eigene Buchidee finden. Und wenn nicht? Dann hĂ€tte ich noch eine Handvoll anderer Ideen im Kopf.
Die weitere Frage bekam Claudia per Ansichtskarte von ihrer postwendend-Partnerin Laura Hofmann zugesandt.
Transcreation, als eine Zusammensetzung aus Translation und Creation, ist eine spezielle, sehr freie Art des Ăbersetzens. Es wird insbesondere bei Werbe- und Marketingtexten eingesetzt, bei denen die/der Ăbersetzer:in die Möglichkeit hat zum Beispiel auf den jeweiligen Zielmarkt eines Produktes einzugehen. In Abgrenzung zur ânormalenâ Ăbersetzung, die im professionellen Bereich nie eine rein Wörtliche ist, geht Transcreation noch einen Schritt weiter. Der Ursprungstext stellt nur eine grobe Orientierung dar und macht damit die/den Ăbersetzer:in in Teilen auch zum Autor.
(Bildrechte: Abdul Rahman Takleh)